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Kultur
07/12/2020

Der Büchersommer: Lesetipps der KURIER-Redaktion

Die Literatur hat die Krise einigermaßen gut überstanden. Lesetipps der KURIER-Redaktion für den Badeurlaub mit Abstand.

von Georg Leyrer

Es braucht, natürlich, hier keine Lobhymne aufs Lesen: Es ist der billigst zu habende Konsens, dass Lesen wichtig ist. Die Klage, dass die verblödende Bildschirmzeit zulasten des gescheit machenden Lesens geht, gehört zum Standardrepertoire in der Lebensleidartikulation des modernen Menschen. Und wer viel liest, lässt das andere gerne wissen. Aber wenn fix eingebuchte Meinungen plötzlich neue Dringlichkeit bekommen, dann wird es doch wieder spannend. Und ja, das ist der Literatur zuletzt passiert.

Nicht, weil man im Homeoffice plötzlich Zeit und Muße zum Lesen gehabt hätte (an dieser Stelle dürfen nicht nur die Eltern herzhaft lachen, dann kurz weinen). Sondern weil die Literatur im Lockdown plötzlich wieder jene Ursprungskraft erlangte, die sie vor dem Siegeszug der bewegten Bilder besessen hatte: In einer Welt, die von Distanz geprägt ist, begegnet man beim Lesen der Menschheit von innen her, also: völlig maskenfrei.

Das ist in Zeiten des Babyelefanten und des Ellbogengrußes immens wichtig: Ausgerechnet beim Lesen – der einsamsten Kunstkonsumform! – kann man jene sozialen Bedürfnisse einlösen, die Corona verunmöglicht hat. Man kann auf Tuchfühlung mit den Menschen gehen. Und man kann insbesondere in der Urlaubszeit, versunken in ein gutes Buch, Pause machen vom Angstscrollen durch die Nachrichtenseiten und Social-Media-Feeds.

Hier empfiehlt Ihnen die KURIER-Redaktion Bücher, mit denen Sie sich auf einen Lesofanten Distanz von den aktuellen Sorgen der Welt begeben und trotzdem viel über diese erfahren können.

Literatur ist die Kunst der Pandemiestunde: Hier trifft man die Menschheit maskenfrei. Klicken Sie sich durch die Buchtipps der Redaktion.

Haben Sie im Lockdown wieder nicht Musils „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen? Der Literaturprofessor Pierre Bayard hat kein Problem damit, zuzugeben,  etwa Joyces „Ulysses“ nicht gelesen zu haben, und  kann dennoch  dessen Stellung in der Literatur einordnen. In  seinem erhellenden Essay „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ (2007) befreit er Leser wie  Nicht-Leser  von der Bürde, einen Kanon abzuarbeiten.  Er  verweist  auf die  Musil-Figur des Bibliothekars, der kein Buch geöffnet hat und dennoch alle kennt, was „vielleicht sogar von mehr Respekt dem Buch gegenüber zeugt“. TEM

Warum um alles in der Welt sollte man ausgerechnet im Urlaub ein Buch über Ludwig van Beethoven lesen?  Gibt es denn nicht genug Biografien über diesen Über-Komponisten und Jahresregenten, dessen 250. Geburtstag die Musikwelt  heuer begeht? Ja, die gibt es! Aber: Wenn ein Rudolf  Buchbinder sich mit „Der letzte Walzer“ Beethoven anhand dessen „Diabelli-Variationen“  (samt Fortschreibungen) in 33 Kapiteln   literarisch  widmet, ist    pures  Lesevergnügen garantiert. Einblicke in die Musik und Einblicke in das Leben des   Starpianisten  – leichter lässt sich ein (sicher nicht) „Letzter Walzer“ kaum tanzen. PJ

Es verursacht fast körperliches Unwohlsein, wenn man die Beschreibungen der   Schlafstätten und Wärmestuben liest, in denen der Journalist Max Winter (1870–1937) Nächte zubrachte: Der „Wallraff der K.-u.-K.-Monarchie“ erfasste     durch eigene Erfahrung, was es bedeutete, in Wien um 1900  arm zu sein. Der vom  2014 verstorbenen Publizistikprofessor Hannes Haas    herausgegebene Sammelband „Expeditionen ins dunkelste Wien“ ist ungebrochen lesenswert – erfassen Winters Berichte   doch die Atmosphäre Wiens zu einer Zeit, die man sonst oft  nur  aus  glorifizierten Bildern kennt. HUB

Satire. Ob sich der Tod über all die Corona-Maßnahmen ärgert? Wenn, dann würde er es in Großbuchstaben sagen. Wenn man diese erspäht, dann weiß man in den „Scheibenwelt“-Büchern von Terry Pratchett schon, dass der Sensemann auftritt. Und immer, wenn der Tod kommt, wird es lustig, mit genau jener Zumischung von Weisheit, die die Dutzenden Bücher der Fantasy-Satire-Serie ausmacht. Weiters kommen  Rockmusiker und Diebe, dumme Stadtwachen und unfähige Magier vor.  Die Scheibenwelt ist große Weltsatire voller Humor und Lebensweisheit. Dinge, die man gut brauchen kann. LEY

Roman. Ein Ort, den niemand findet, der vielleicht gar nicht existiert. Eine Gräfin, die die Erinnerungen eines gesamten Dorfes kontrolliert. Ein riesiges Loch im Erdreich, das dieses Dorf  verschlingen will. Und ein dunkles Geheimnis, das mit allen Mitteln ein solches bleiben soll: Was die junge Wiener Autorin Raphaela Edelbauer da mit ihrem Roman „Das flüssige Land“ abgeliefert hat, ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich intensiv, fantastisch, aberwitzig, klug durchdacht und vor allem stilistisch zum Niederknien. Ein irrer Roadtrip zwischen Vergangenheit und Gegenwart mit schrägen Charakteren. Leseerlebnis! CSP

Das Büro  als Sehnsuchtsort? So durchgeknallt war selbst David Foster Wallace nicht. Aber einige der  50 Kapitel des posthum veröffentlichten Romans „Der bleiche König“  tragen sich eben dort zu. Und eignen sich dennoch perfekt als Strandlektüre. Klar,  das bizarre  Beziehungsgespräch  zwischen einer Femme fatale und einem Homme banale spielt  in einer Bar. Bis es so weit ist, überblättert man gern einige der 640  Seiten. Oder man hält es mit dem Chef von Mr. X. „Das Wichtige ist manchmal langweilig“, sagt er. Mr. X heißt in echt Shane Drinion. Auch das macht den Reiz des „bleichen Königs“ aus. BP

Sollte Ihnen schon einmal aufgefallen sein, dass heutzutage jede Gruppe ihre eigenen Anliegen als die wichtigsten empfindet und im Miteinander vor allem die Empörung reagiert – hier lesen Sie eine gute Erklärung dafür. Starpolitologe Francis Fukuyama leitet von den alten Griechen über Luther bis zu den Anhängern Donald Trumps her, was heutzutage die härteste Währung ist: Würde. Für die kämpfen Linke wie Rechte, Homosexuelle wie Ultrakonservative und bauen Mauern um ihre kollektiven Identitäten. Fukuyama liefert eine hervorragende Analyse. Aber er hat leider auch keine Lösung. PWI

Ein Buch über Josef Stalin ist keine leichte Kost.Doch da sich aktuell Wladimir Putin zum Diktator auf Lebenszeit aufschwingt, lohnt es sich, sein Wissen über das dunkelste Kapitel der russischen Geschichte aufzufrischen.  „Stalin; am Hof des roten Zaren“, ist aber keine wissenschaftliche Abhandlung. Spannend wie ein  Krimi erzählt es vom   Aufstieg des paranoiden Diktators und seiner Helfershelfer. Das Buch  umfasst die Jahre 1932 bis 1953 und berichtet von den tödlichen Intrigen und Machtkämpfen im Kreml und wie Massenmörder  zugleich leutselige Familienmenschen sein konnten. WU

Wenn ein Mann und ein Wal an einen Strand  gespült werden; wenn der gescheiterte Börsenjongleur im Küstennest entdeckt, was das Leben ausmacht und dass er es retten muss, weil eine Pandemie es dahinzuraffen droht (lange vor der aktuellen Pandemie geschrieben!); wenn das gelingt, weil alles mit allem zusammenhängt  – dann ist das spannend, hochaktuell, und  das Schönste: Es ist vom Briten John Ironmonger in einer so wunderbaren Sprache fabuliert, so schön gemalt und zum Mitdenken gewoben, dass „Der Wal und das Ende der Welt“ für den Autor dieser Zeilen das beste Buch seit Jahren wurde. A. S.

Eine Treppe, über die man in das Jahr 1958 gelangt:  Der Lehrer Jake Epping reist in Stephen Kings „Der Anschlag“ in der Zeit zurück, um den Mord  an John F. Kennedy zu verhindern.   Eine mitreißende Entführung in das Amerika der 1950er- und 1960er-Jahre. Lassen Sie sich von 1.048 Seiten nicht abschrecken. Am Ende werden Sie sich wünschen, die Zeit zurückzudrehen und von vorne  beginnen zu können. JTK

Die Geißel unserer Zeit sind die Rechts-populisten, Hass- prediger, Ver-schwörungstheo- retiker  und andere Obskuranten. Christopher Wylie, Aufdecker des Datenskandals um Facebook und die Firma Cambridge Analytica, die  Millionen Nutzerdaten illegal nutzte, um Donald Trumps Wahlkampf zu unterstützen,  liefert mit „Mindf*ck.  Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird“ Einsichten in die unschöne neue Welt der Medien: Wo Leute von traditionellen, vertrauenswürdigen Informationsquellen abgeschottet und manipuliert werden – und dabei die Demokratie an allen Ecken zerbröselt. ROS

Wenn wir Ihnen an dieser Stelle Sarah Kuttners „Kurt“ für den Sommer empfehlen, werden Sie nach Lektüre des Klappentextes wahrscheinlich einen Leserbrief aufsetzen wollen. Warum um alles in der Welt wir Sie mit einem Buch über Trauer  an den Strand schicken, werden Sie fragen. Wenn Sie aber mit dem Leserbriefschreiben noch ein bisschen warten und sich stattdessen „Kurt" widmen, dann werden Sie auf 240 Seiten so viel geweint und so viel mehr gelacht haben, dass Sie gar nicht mehr wissen, wie Sie ohne dieses warme Gefühl ums Herz durch den Sommer hätten kommen können. E. H.

Und wenn die Krise den Urlaub heuer vielen unmöglich gemacht hat: Beim Lesen kann man die vielen Sorgen für einige Stunden durch ein anderes Leben ersetzen. Literatur, das ist die große Schule der Empathie, auch mit extremen Menschen, die man ansonsten sofort verurteilen würde. Wenn irgendwas dran ist an der Verfeinerung des Menschen durch die Kultur, dann das: Diese Schule des Mitfühlens, des Interesses am Leid und Leben der anderen ist eine dringend nötige, aber bereits vorhandene Schutzimpfung gegen einen öffentlichen Diskurs, der durch Vorurteile und Hass vergiftet ist.

Das Bedürfnis danach lässt sich am Buchmarkt ablesen: Der hatte, wie alles andere, einen brutalen Einbruch im März und im April. Im Juni aber kehrte das Verlangen nach Literatur mit Wucht zurück: Der österreichische Buchhandel verzeichnete da ein Plus von 14,4 Prozent, was den gesamten Rückgang im ersten Halbjahr auf 8,6 Prozent abfederte. Überhaupt keinen Rückgang, sondern ein Plus (!) gab es bei den Kinder- und Jugendbüchern: Deren Umsatz wuchs im ersten Halbjahr um 3,2 Prozent.

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