In der Südweststeiermark hat er Heimat gefunden: Gerhard Roth auf der Terrasse seines alten Winzerhauses

© Thomas Trenkler

Kultur
07/12/2020

Gerhard Roth: "Der Tod, das argwöhnische Monster"

Im Greith-Haus von St. Ulrich zeigt der Autor die von Flucht und Flut erzählenden Bilder des in Wien lebenden Adel Dauood.

von Thomas Trenkler

St. Ulrich im Greith, auf einer Kuppe zwischen Sulm- und Saggautal gelegen, ist ein recht idyllischer Ort – wie so manche in der südlichen Steiermark. Mit Freiwilliger Feuerwehr, Volksschule und barocker Kirche. Doch schon bald entdeckt man etwas Außergewöhnliches: ein postmodernes, materialverspieltes Veranstaltungsgebäude, das Greith-Haus. Dort sind bis 6. September unter dem Titel "Flut" die Gemälde von Adel Dauood ausgestellt.

Und plötzlich steht man vor einer großen Karte, auf der drei Touren eingezeichnet sind. Beim "Wandern auf den Spuren des Schriftstellers Gerhard Roth" komme man im Land des "Stillen Ozeans" an diversen "Literaturstellen" vorbei, etwa bei Aschers Haus, beim Bergwerk und beim Bienenzüchter.

Wie das alles zusammenhängt, erzählt Gerhard Roth, kürzlich 78 geworden, an einem Sonnentag unter dem Nussbaum, den er vor zwei Jahrzehnten gepflanzt hat, zu großartigen Lammschnecken, die seine Frau Senta kredenzt.

Die beiden hatten sich Mitte der 70er-Jahre an ihrem Arbeitsplatz im Grazer Rechenzentrum kennengelernt. Sie suchten ein Wochenendhaus – und fanden es in Obergreith.

Dort ereignete sich Entscheidendes: "In der Nähe hat ein Imker gewohnt. Er kam eines Tages mit 40 Bienenstöcken – und hat sie vielleicht zehn Meter vor dem Haus aufgestellt. Als Stadtmensch hab’ ich zuerst an die Stacheln gedacht, nicht an den Honig. Ich wollte wissen, wie viele Bienen sich in einem Stock befinden. Und er antwortete, das käme auf die Jahreszeit an. In der Schwarmzeit im Mai – und es war gerade Mai – könnten es bis zu 50.000 sein. Das waren also, hab’ ich hochgerechnet, zwei Millionen!"

"Es hat mein Leben verändert"

Roth wollte Näheres erfahren. "Und der Imker fragte mich erstaunt, ob ich nicht ‚Aus dem Leben der Bienen‘ von Karl von Frisch gelesen hätte. Ich bat sogleich meine Frau, mir das Buch in Graz zu besorgen. Und dann verschlang ich es in einem Zug bis vier Uhr früh. Es hat mein Leben verändert. Ich habe zum ersten Mal begriffen, was Natur ist. Ich hatte bislang nur eine abstrakte Vorstellung davon." Roth weiter: "Der alte Imker Zmugg war ein einfacher Mann, aber er war so gelehrt, dass er hätte Vorlesungen an der Universität halten können."

In "Der Stille Ozean", dem ersten Roman, der in der Gegend rund um St. Ulrich spielt, gibt der Arzt Ascher – zweifellos ein Alter Ego von Gerhard Roth, der eigentlich Mediziner werden sollte – nach einem Kunstfehler seinen Beruf auf und zieht in ein leer stehendes Bauernhaus in der Südsteiermark. Und dort wird er zum Beobachter einer ihm zunächst fremden Welt.

1979, nach Fertigstellung des "Stillen Ozeans", ging Roth für ein Jahr nach Hamburg. Die lange Unterbrechung war nicht gut für ihn: "Als ich mit dem ‚Landläufigen Tod‘ beginnen wollte, hab’ ich nicht gewusst, wo und wie ich anfangen sollte. Ich hatte einen Berg von Notizbüchern und Fotografien und war wirklich verzweifelt. In dieser Situation habe ich begonnen, ‚Moby Dick‘ von Melville abzuschreiben, weil mich die Hügel der Landschaft an das Meer erinnerten. Und irgendwann kam der Imker Josef Zmugg vorbei. Es war wie eine Offenbarung für mich."

"Wie eine Lebensversicherung"

Seither bereitet Roth, wenn er an einem Buch schreibt, bereits das nächste vor: "Das ist wie eine Lebensversicherung, dass ich schon etwas Neues habe, noch bevor ich mit einem Roman fertig bin."

In "Landläufiger Tod", 1984 erschienen und in gewisser Weise eine Fortsetzung von "Der Stille Ozean", berichtet Franz Lindner, der stumme Sohn eines Imkers, über sein Leben und seine Imaginationen. Ging es im "Stillen Ozean" um Füchse, waren es nun Bienen.

Die beiden Romane gehören für Roth zum monumentalen Zyklus "Die Archive des Schweigens", an dem er bis 1994 arbeitete. Und es folgte sogleich ein zweiter – mit dem Titel "Orkus" (1995 bis 2011).

Irgendwann in den 90er-Jahren – Roth war mittlerweile in zwei kleine Winzerhäuser in Kopreinigg übersiedelt – kam der ältere Sohn des Bienenzüchters Zmugg mit ein paar Flaschen Wein vorbei. Er sagte, so Roth: "Ich war in Amerika, wir sahen das Haus von John Steinbeck, dort ist zugleich ein Kulturzentrum. Warum machen wir nicht auch so etwas, wenn du schon bei uns lebst?" Bei weiteren Flaschen Wein wurde aus der Idee ein Plan: "Wenn, dann muss es etwas Langfristiges sein und es sollte um urbane Kultur gehen, dachte ich. Zuerst hätten wir den Turnsaal der Volksschule bespielen sollen. Mir war aber klar: Das ist unmöglich. Denn die Sprossenwand hätte bleiben müssen."

Roth wandte sich an Waltraud Klasnic, damals die Landeshauptfrau: "Sie befürwortete das Projekt und stellte einen Betrag von mehreren Millionen Schilling zur Verfügung. Der Rest kam von der EU – weil es als gemeinsames Projekt mit Slowenien gedacht war." Das in Graz tätige Architektenehepaar Szyszkowitz & Kowalski wurde beauftragt, die Eröffnung fand im Jahr 2000 statt, und Roth entwickelte das Programm für die erste Dekade. Auch in den letzten Jahren brachte er sich wieder ein: Er holte unter anderem Erwin Wurm, Herbert Brandl, Christian Ludwig Attersee und Hubert Scheibl nach St. Ulrich. Und jetzt eben Adel Dauood.

Der Maler wurde 1980 in Al-Hasaka in Syrien geboren und studierte in Damaskus Kunst. 2012 flüchtete er nach Wien, wo er nun arbeitet und lebt. Roth war über Fotografien auf ihn gestoßen – und sogleich von dessen Themen, Flucht und Flut, betroffen: "Er malt seine Traumata und seine Sehnsüchte. Ich finde, dass er sie großartig umsetzt." Immer wieder stößt man in den Bildern auf den Tod, "das argwöhnische Monster", so Roth.

"Es gibt keinen Leichnam"

Um den Tod geht es ja immer bei Roth. Auch in seinem neuen Roman. "Ich habe fast 600 kleine Schulheftseiten geschrieben. Und hoffe, dass ich die erste Fassung bis zum Herbst fertig hab’." Der Roman wird "Die Imker" heißen. Er ist eine Fortsetzung von "Landläufiger Tod", und wieder geht es um Franz Lindner: Er lebt noch immer im "Haus der Künstler" in Gugging. "Am frühen Morgen legt sich ein gelber Nebel um das Gebäude – und zwar so intensiv, dass nichts mehr zu sehen ist. Es dauert mehrere Stunden, bis er sich wieder senkt. Als Erstes stellt man fest, dass außerhalb von Gugging niemand mehr lebt."

Lange Zeit wusste Roth nicht, welche Art von Katastrophe eintreten sollte: "Ich dachte an ein Atomkraftwerk oder ein Erdbeben oder an eine Seuche wie die Spanische Grippe – das war noch vor der Corona-Epidemie. Aber dann wollte ich, dass alles rätselhaft bleibt. Die Sterbenden schließen die Augen und verschwinden gleichzeitig. Es gibt keinen Leichnam. Was bleibt, ist nicht einmal Asche. Nur das Gewand, falsche Zähne oder die Brille sind noch zu finden."

Zur Person: Autor und Archivar

Der Feldforscher: Gerhard Roth, 1942 in Graz geboren, geht den Dingen auf den Grund. Seine Recherchen bettet er gerne in mysteriöse Geschichten ein. Tod und Krankheit gehören immer dazu.

Der Heimatdichter: Seit "Der Stille Ozean" beschreibt und dokumentiert Roth akribisch das Leben in der Südweststeiermark. Längst ist er Ehrenbürger von St. Ulrich.

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