Kultur
24.04.2017

Ein Bahnhof vor der Endstation

Der Wiener Nordwestbahnhof wird durch ein Kunst- und Forschungsprojekt neu erfahrbar.

Auch wenn die Entfernung zur City gar nicht so groß ist, scheint hier die Stadt irgendwie zu Ende zu sein: Wer den Wiener Augarten nach Norden verlässt, beim Wirtshaus „Am Nordpol“ vorbeigeht und die Straße kreuzt, dem stellt sich das Areal des Nordwestbahnhofs wie ein Riegel in den Weg.

Tatsächlich rollen auf dem Gelände, das lange Zeit abgezäunt war, nun aber auf eigene Gefahr betretbar ist, nicht nur LKW mit Waren ein und aus: Immer wieder sieht man junge Männer und Frauen, manche mit Kopftüchern, auf das Gelände huschen, weil eine „multikulturelle Fahrschule“ hier Fahrstunden abhält. In einer unscheinbaren Halle tut sich ein unglaubliches Sammelsurium an Möbeln, Bildern und historischen Requisiten auf. Eine ältere Dame , die vermutlich noch nie den Begriff „Guerrilla Gardening“ gehört hat, pflegt seit Jahren einen kleinen Garten am Areal. Zudem bietet sich immer wieder ein toller Blick auf die Kirche am Leopoldsberg, auf den das ganze Areal ausgerichtet zu sein scheint.

Depot, Kunst und Spedition

Einmal mehr ist es die Kunst, die die Perspektiven verschiebt, doch nicht in allzu offensichtlicher Weise: Im Bürogebäude eines Speditionsunternehmens haben sich Michael Zinganel und Michael Hieslmair eingemietet, zwei studierte Architekten, die seit einigen Jahren gemeinsam an Ausstellungen undKunstprojekten zum Thema Transitarbeiten.

Scheinbare „Nicht-Orte“ wie Busstationen und Raststätten haben es den beiden schon des öfteren angetan. Nun starten sie mit Unterstützung der Wiener Institution für Kunst im Öffentlichen Raum (KÖR) einen konzertierten Versuch, den Nordwestbahnhof im Gedächtnis der Wienerinnen und Wiener neu zu positionieren.

Die Lebenszeit des Bahnhofs neigt sich dem Ende zu: Seit 2008 schon gibt es ein Konzept zur Umgestaltung des Areals mit Parks, Büros und Wohnungen, wegen noch laufender Mietverträge werden aber erst frühestens 2020 die Bagger rollen. Der Stadtteil verharrt momentan in einer Schwebe zwischen einem „Nicht-Mehr“ und „Noch-Nicht“. Bei Stadtplanern und Anrainern überlagern sich Visionen und Hoffnungen mit Befürchtungen.

„Wir würden gerne bleiben“, sagt etwa Peter Ecker, der mit dem VereinProps.atmehr als eine Million Filmrequisiten am Nordwestbahnhof-Areal lagert. Eine leistbare Alternative zu der Halle ließe sich nicht finden, klagt er.
Das Gebäude, das als Kulissendepot dient, gehört noch zumhistorischen Bestand des Bahnhofs, der 1870-1873 für den Verkehr nach Znaim, Dresden und Berlin erbaut worden war. Zunächst war der Bahnhof auch für den Personenverkehr bedeutend, nach 1924 wurde die große Ankunftshalle aber stillgelegt und unter anderem als Indoor-Skihalle genutzt. Später hielten die Nazis hier Propagandaveranstaltungen – etwa die Schau „Der ewige Jude“ (1938) ab. Heute stehen an Stelle der Personenhalle drei unscheinbare Wohnhäuser.

Geschichte zählt

Zinganel und Hieslmair klingen nicht wie Nostalgiker oder kampagnisierende Denkmalschützer, wenn sie über den Bahnhof sprechen. Ihre Faszination für die verborgene Vielfalt und Lebendigkeit des Geländes ist aber unüberhörbar. Fast nebenbei fällt die Anmerkung, dass es vielleicht nicht so übel wäre, wenn bei der Umgestaltung eines Areals auch noch ein Stück der Geschichte des Ortes spürbar bleibt.
DieKünstler, die nun zum Projekt eingeladen wurden, sollen nun die Historie und das aktuelle Leben des Bahnhofs ein Stück sichtbarer machen. Das Künstlerpaar Helmut und Johanna Kandl malt dazu etwa das Zeichen der Genfer Konvention zum Schutz von Kulturgütern auf den Straßenbelag. Der Künstler Martin Kaltwasser durchstreifte die Brachen des Bahnhofsgeländes auf der Suche nach Weggeworfenem, aus dem er dann Kunstobjekte baut. Zara Pfeifer fotografierte den Alltag von LKW-Fahrern und affichiert die Bilder nun an die Fassaden der Lagerhallen.

Am 5. Mai fällt mit einer Grillparty der offizielle Startschuss zu dem Kunstprojekt. Danach können Besucher, die sich zuvor im Büro von Hieslmair und Zinganel mit einer Warnweste und einem Info-Folder bewaffnen, das Gelände erkunden, auch Führungen sind geplant. Manche, die sich auf den Nordwestbahnhof wagen, werden vielleicht gar keinen Kunst-Parcours brauchen, um den sonderbaren Reiz dieses Zwischen-Ortes zu erkennen.

Info: Neue Wege zum alten Bahnhof

Der Kunstparcours „Stadt in Bewegung - zum Abschied eines Logistik-Areals“ ist Teil des langfristigen Projekts „Tracing Spaces“ von Michael Zinganel und Michael Hieslmair. Zentrale Ansprechstelle ist der Projektraum Taborstraße 95, Ladestraße 1, 1200 Wien. Dort findet am 5. Mai ab 15 Uhr auch die Eröffnungsparty statt. Geführte Touren sind für 12. 5. und 19. 5. angesetzt. Weiterführende Informationen zum Projekt und zum Areal finden sich aufwww.tracingspaces.net
undwww.koer.or.at.

Die Geschichtswerkstatt der Gebietsbetreuung 2/20 und der „Projektleitung Wien Bahnareale“ lädt Anrainer und Interessierte ein, Geschichten, Fotos und Dokumente zum Areal zu sammeln. Nächstes Treffen: Dienstag, 25.4., 16 Uhr, Brigittaplatz 19.

Die Stiftung TBA21, die im Augarten residiert (Scherzergasse 1 A, 1020), ist Partner bei Führungen durch das Areal. Bis 14.5. zeigt sie eine Schau von Allan Sekula, die sich ebenfalls mit globalem Transit befasst.