© Kurier/Jeff Mangione

Kolumne
03/18/2021

Eigentlich schlägt jetzt die Stunde der Bühne

Eigentlich. Dort gäbe es Expertise zu aktuellen Fragen, die aber ungehört verhallt.

von Georg Leyrer

Es ist die Zeit der unangenehmen Jahrestage. Vor bald einem Jahr hieß es an dieser Stelle: „Ein halbes Jahr ohne Theater, Oper, ohne romantische Momente beim Rockkonzert – was macht das mit uns? Sind wir dann andere?“

Aus dem halben wurde ein ganzes Jahr, zu dem noch viele Wochen, wenn nicht Monate dazukommen werden. In Klassik und Theater unterbrochen von ein paar Wochen Coronakunst unter erschwerten Bedingungen. Was man zu Beginn nicht absehen konnte, ist, wie weitreichend diese Pandemie den Kulturbetrieb beschädigen, in Einzelbereichen (Clubkultur, Rock) vernichten würde.

Also, sind wir jetzt andere?

Die Frage hat sich auf ähnliche Weise immer wieder selbst erledigt wie die Hoffnung auf ein Wiederaufsperren der Kultur. Wir sind nämlich immer wieder andere geworden, zuerst Verschreckte, dann Hoffende, zuletzt immer Grantigere.

Auch die Live-Kultur ist nicht mehr dieselbe. Sie hat gepoltert und gestritten und sich dann als virologischer Musterschüler positioniert. Und da das alles nichts geholfen hat, spielt man jetzt ohne Publikum vor sich hin. Wartet vor sich hin. Oder klagt gegen die Kulturschließung, als ob nicht die Welt zum Stillstand gekommen wäre, sondern nur, vielleicht aus Trotz, die nächstgelegene Bühne.

Emotionaler Notstand

Den emotionalen Notstand, der sich aus dem gesundheitlichen und dem wirtschaftlichen herausgeschält hat, lindert das naturgemäß herzlich wenig. Auch wenn die Kultur im gesamten Pandemiejahr dauernd in Erklärungsnot, in der Rechtfertigungsdefensive stand: Nun spätestens wäre eigentlich ihre Stunde gekommen, jetzt, wo die Notgemeinschaft zerfällt und alte und neue Brüche umso tiefer aufreißen.

Denn auf der Bühne wird von all dem gesprochen, was uns jetzt quälen wird: Von ungleich verteilter Freiheit, von den Menschen an der hinteren Front des Schicksals, vom Leben mit dem Tod. Von jenen moralischen Graubereichen, die jetzt hervortreten und gleich strikt und reflexionslos nach Parteilinie enderledigt werden. Vom Verlust und, ja, der Hoffnung.

Die großen Autoren und Komponisten sind jene Experten vom Menschlichen, die wir in den kommenden Wochen dringend bräuchten. Ohne sie sind wir andere.

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