Kultur
13.04.2018

Echo: Der Scherbenhaufen dort, wo einst der Pop war

Kommentar: Wie groß die Probleme des Popbusiness sind - dargelegt in einer Preisverleihung.

  • Die Verleihung der deutschen Musikpreise war zuerst geprägt von einer Rap-Textzeile über die „definierten“ (Bodybuilderbegriff!) Körper der Auschwitz-Insassen.
    Und dann davon geprägt, dass ausgerechnet die Verfasser dieser Textstelle auch noch den „Echo“ bekamen.
  • Es hagelte Missfallenskundgebungen u.a. von Campino, Jan Böhmermann und auch dem Antisemitismus-Beauftragten der deutschen Bundesregierung.
  • Schon in den vergangenen Jahren war die Echo-Verleihung von Diskussionen u.a. über Frei.Wild und Xavier Naidoo geprägt.
  • Daher stellen sich grundlegende Fragen über den deutschen Popmusikmarkt: Warum ist der Echo-Preis so schwierig, warum werden Nischemeinungen kommerziell belohnt - und warum ziehen sich, das zeigten die Echo-Preis auch, die meisten Hörer in den Schlager zurück? Eine Polemik:

Datenskandal!, schreien alle in Richtung Facebook, eine Frechheit, was die alles über uns wissen!

Selbst Skandal, möchte man zurückrufen, Frechheit, was man alles über euch wissen muss. Etwa über den Musikgeschmack. Wie hieß es noch gleich? Dank Internet, dank direkter Ansprache der Musiker in Richtung Fans, dank Interessenökonomie werde sich im Musikmarkt endlich Qualität durchsetzen, werden gute Musiker endlich die Chance haben, den Erfolg zu bekommen, den sie verdienen.

Wir haben die ganze Echo-Verleihung darüber gelacht.

Dort, bei der offenherzigsten aller Kulturgalas, wird ausgezeichnet und darf auftreten, was finanziellen Erfolg hat. Es ist abenteuerlich.

 

Ausgezeichnet etwa jene Rapper, die sich mit dicken Muskeln und Tattoo-Bannzaubern vor dem ach so superschwierigen Leben in Deutschland schützen müssen. Und die schnell noch einen " Auschwitz"-Sager rauslassen, schnell noch Antisemitismuspunkte bei der Crew und, versteckt, bei der Mainstream-Crew abzugreifen. Und Politdiskussion? Nee, ham wir keinen Bock.

Es ist ja auch egal, ob die Diskussion geführt wird, denn auch diejenigen, die den Rest vieler der beim Echo vorgeführten Musikprodukte hören, haben sich aus der musikalischen Selbstherausforderung ausgeklinkt und haben üb-er-haupt keinen Bock auf irgendeine Diskussion. Je vergifteter die Gesellschaft, desto banaler die Musik? Hier die lächerliche Untergrundpose der Wohlstandsprofiteure, dort die ebenso lächerliche Herzschmerz-Schunkelei im Hauptabendprogramm.

Ist das, sorry, ein statistisches Problem? Wird dort der Geschmack jener ausgezeichnet, die es halt einfach nicht schaffen, Musik runterzuladen? Hören wir eh nicht nur derart Seichtes?

 

Campino, der mit seinen Toten Hosen selbst den Punk in Richtung Schlager verdünnt hat, findet zumindest die richtige Richtung für richtige Wörter, prangert den Provokationsnonsens aus der Rapperecke an.

 

Die Kritiker, mit verklemmtem Gesichtsausdruck, halten für den von ihnen gekürten Preis Haiyti dagegen, spannend, kantig, jung, Rapperin. Eh super, und? Wer hört das?

Finanziellen Erfolg (in Deutschland, in Österreich) hat offenbar, was die Komplexität der Welt in die homöopathischste Verdünntheit auflöst. Ist das Leben echt so schwierig, dass alle jetzt wieder Kelly Family hören, und rundherum Schlager mit Texten über konsensuale Abhängigkeit, Wiesen, Wälder und Natur?

Jaja, wissen wir eh. Der Echo ist der zusammengekehrte Scherbenhaufen dessen, was vom Popbusiness - Betonung auf Business - übrig blieb. Es ist Zeit, da die Tür zuzusperren und zu sagen: War nichts. Machen wir neu.