Kultur
23.01.2018

Haiyti: "Bin zehn Jahre It-Girl gewesen"

Die Hamburger Rapperin macht sich mit dem unterhaltsamen Album "Montenegro Zero" zur Kiezkönigin.

Das Schöne am Hip-Hop ist ja das Rollenspiel: Man muss also kein Gangster sein, um sich als solcher in einem Video zu präsentieren; kein Drogendealer, der Stress mit der Polizei hat; kein Mafioso, der ständig von Prostituierten und Bodyguards mit Muskeln "Made in McFit" umgeben ist. Inszenierung ist eben die halbe Miete – und dieses Spiel mit dem Fremdbild beherrscht Haiyti, die eigentlich Ronja Zschoche heißt, hervorragend.

Mit ihrem soeben beim Majorlabel Universal Music veröffentlichten Album " Montenegro Zero" hat sich die rotzfreche Rapperin, die keine Angaben zu ihrem Alter macht, auf die Titelseiten der Fachpresse katapultiert. Auf diesen posiert sie gekonnt im edlem Pelz, in feiner Unterwäsche und mit teurer Markenkleidung. Die Message ist klar: Ich bin das nächste große Ding. Mit diesen teils großkotzigen Auftritten und ihrer gefälligen Musik, ein clubtauglicher Mix aus Pop und Gangster-Rap, hat sie sich eine herzeigbare Fangemeinde erarbeitet – dazu zählen bekannte Förderer wie Deichkind, Haftbefehl oder Fatih Akin.

Schampus

Das macht Hayiti zum meistgehypten deutschsprachigen Pop-Act der Stunde. In ihren Songs rappt sie mit kratziger, sich überschlagender Stimme über das Leben auf der Straße, über Abstürze im Club, über zu viele Pillen, zu viel Schampus, zu wenig "Money" im Bauchtascherl und die prekären Zeiten der Ich-AGs: "Ich bin so anders, ganz speziell. Ich bin ein Serienmodell." In den zwölf Songs werden einem wuchtige Trap-Bässe, technoide Beats ("Berghain") und poppige Melodien gereicht.

Ob man ihr diese Geschichten auf "Montenegro Zero" nun abnimmt oder nicht, ist ihr egal. Denn: "Ich weiß, was ich gesehen und erlebt habe", sagt Haiyti am Telefon.

KURIER: Sie gehen in Deutschland gerade durch die Decke. Wie ist es, plötzlich im Rampenlicht zu stehen?
Haiyti: Es fühlt sich ganz normal an. Ich bin ja für den Erfolg geboren (lacht). Scherz beiseite: Der ganze Medienrummel hat natürlich Vor- und Nachteile. Das Positive daran ist die Anerkennung, die einem plötzlich zuteil wird. Man taucht in eine Welt voll Glamour ein, kann gut Essen gehen, es wird einem das Taxi bezahlt, man übernachtet in tollen Hotels und bekommt schöne Sachen geschenkt. Der Nachteil: Wenn ich jetzt total fertig durch den Hamburger Hauptbahnhof gehe, dann erkennen mich einige. Dabei will man gerade dann nicht angesprochen werden. Deine Freizeit und dein Leben wird auf jeden Fall beschränkt. Und: Man muss liefern, stets gut gelaunt, kommunikativ, kooperativ sein. Und das kann ich leider ganz schlecht.

Man muss als Rapperin ja nicht immer gut gelaunt sein …
Eben. Aber manche kapieren das nicht. Ich musste bereits einige für mich geplante Kampagnen absagen, da sie mein Image negativ beeinflusst hätten. Ein paar Marken, für die ich werben hätte sollen, wollten zum Beispiel nicht, dass ich auf den Fotos einen Drink oder eine Zigarette in der Hand halte. Aber das bin ich nicht. Und darum mache ich für deren Klamotten auch keine Werbung.

Wie reagiert darauf das Management der Plattenfirma?
Sie müssen es akzeptieren. Ich mache nicht überall mit, auch wenn ich dadurch einen Haufen Geld verliere. Entweder spielst du mit, lächelst schön brav, bist kooperativ, schweigst und machst Sachen, die eigentlich nicht zu dir passen. Oder du bleibst dir treu und machst nicht mit. Ich bleibe mir lieber treu.

Wie würden Sie sich gerne der Öffentlichkeit präsentieren?
Manche denken, ich bin eine Gangster-Braut, andere sehen mich als Kunststudentin. Die Wahrheit liegt dazwischen. Ich bin eine Grenzgängerin. Ich passe in keine Schublade.

Das Album heißt "Montenegro Zero". Was verbindet Sie mit diesem Land am Balkan?
Nichts. Es ist einfach so, dass ich mich schon immer für die B-Ware interessiert habe. Kein H&M, sondern C&A. Kein Ikea, sondern Poco, kein Mercedes, sondern Ford. Dieser Charme der zweiten, dritten Wahl, der B-Liga spiegelt sich auch beim Album-Titel wieder: Montenegro ist eben nicht Italien. Es ist der Hinterhof der Adria.

Sie rappen über "Bitches" und rauschvolle Nächte. Sind Sie abends noch viel unterwegs?
Ich bin zehn Jahre It-Girl gewesen. Das hat sich nun etwas beruhigt – auch mein Crime-Life, die Freak-Shows und die naiven Aktionen sind weniger geworden. Exzessive Ausrutscher habe ich zwar immer noch, aber auch das würde ich gerne unter Kontrolle bringen. Denn die harten Partynächte machen das ohnehin gerade sehr stressige Leben nicht einfacher. Verkatert Interviews zu geben, völlig fertig auftreten zu müssen, ist kein Spaß. Aber hey, das ist Rock and Roll. Ich bin eben keine Streberin, die auf alles immer vorbereitet ist. Disziplin und Fleiß sind mir fremd.

Wie haben Sie es so geschafft, ein Album aufzunehmen?
Zur Zeit der Aufnahmen habe ich in Berlin bei einer Freundin gelebt. Da bin ich jeden Tag um 13 Uhr ins Studio gefahren. Über diesen geordneten Tagesplan war ich froh, da ja sonst nichts zu tun war. Ich arbeite ja nichts.

Wie haben Sie sich damals Ihr Leben finanziert?
Nächste Frage, bitte.

Zurück zum Album. Wer steuerte die Beats bei?
Eigentlich war mit den Leuten von KitschKrieg vereinbart, dass sie zwar die Hauptproduzenten sind, aber ich auch Beats von anderen Produzenten aufs Album bringen darf. Diese waren den Soundtüftlern von KitschKrieg dann aber zu schlecht und so wurde letztendlich das ganze Debütalbum von denen produziert, worüber ich im Nachhinein auch froh bin.

Macht es die Sache einfacher oder schwieriger, in diesem von Männern dominierten Umfeld eine Frau zu sein?
Ich will keinen Bonus, aber auch keinen Nachteil haben. Bis zur ersten, eigenen Veröffentlichung ist es als Frau in diesem Genre ein steiniger Weg. Die meisten wollen dich für ihre Zwecke benutzen, mit einem zwar produzieren, aber immer nur für Kollaborationen. Hatte ich in einem Song einen besseren Rap-Part, konnten das die wenigsten Rapper akzeptieren. Man muss sich bis zu einem gewissen Erfolgslevel durchkämpfen. Wenn man dieses erreicht hat, kann es zum Vorteil werden, eine Frau zu sein.

Gibt es Streitereien?
Ich bin einfach nicht mit jedem cool. Aber arge Streitereien gab es noch nie. Es sind eher so Geschichten, bei denen man sich denkt: Schade, scheiß Charakter.

Gibt es Kontakt zu österreichischen Rappern?
Ja, zu Moneyboy. Mit dem habe ich schon mehrmals gefeiert und Tracks produziert. Ich habe ihn auch bereits gefragt, ob er mit mir beim Wien-Konzert am 10. März in der Grelle Forelle auftreten möchte.

Und?
Ich warte noch auf seine Antwort.

Wie steht es mit Yung Hurn?
Ich mag die realen Leute lieber. Ich nehme ihm seinen Wahnsinn nicht ab.

Zum Abschluss noch eine Grundsatzfrage: HSV oder St. Pauli?
HSV.

Zur Person: Sie heißt eigentlich Ronja Zschoche, wuchs in prekären Verhältnissen in den Hamburger Stadtteilen St. Pauli und Langenhorn auf und studiert Kunst an der Hochschule für bildende Künste: Sie ist ihre eigene Kunstfigur. Ihr Alter ist geheim, es liegt wohl irgendwo zwischen 20 und 30. Unter dem Pseudonym Haiyti hat sie schon ein Album, „Havarie“ (2015), und etliche EPs veröffentlicht. „Montenegro Zero“ heißt ihr neues Album, das vom Berliner Kollektiv KitschKrieg produziert wurde. Es ist ein gelungener Mix aus Hip-Hop, Cloud Rap, Trash und Pop.

Live: Haiyti spielt am 10. März in der Grelle Forelle ein Konzert.