Gruppenbild einer untergehenden Gesellschaft: Tschechows „Drei Schwestern“ als Partitur des Lebens

© /Frol Podlesny

Kritik
05/28/2016

Wortloses, großes Theaterglück

Tschechows "Drei Schwestern" in der Inszenierung von Timofej Kuljabin bei den Festwochen.

von Peter Jarolin

Es klingt eigentlich wie ein völlig absurdes Unterfangen. Anton Tschechows Theaterklassiker "Drei Schwestern" fast ohne Worte, dafür in russischer Gebärdensprache und mit deutschen Übertiteln – das soll funktionieren?

Ja, und wie! Denn Timofej Kuljabins Adaption (aus Nowosibirsk) dieses Stücks gehört wohl zum Besten, was man derzeit (bis 30. Mai) bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier sehen und erleben kann. Eine Theateraufführung wie eine Partitur diverser Seelenlandschaften, bei der Geräusche und nonverbale Kommunikation eine fantastische, zwingende Einheit bilden, bei der die Essenz des Dramas in betörender Schönheit und unglaublicher Intensität herausgearbeitet wird. Ein Glücksfall eines mehr als vierstündigen, aber kurzweiligen Theaterabends, bei dem selbst die zeitlich streng limitierten (kurzen) Pausen Teil der Inszenierung sind.

Sprachloses Sprechen

Denn Kuljabin, dessen gefeierte "Tannhäuser"-Inszenierung nach einer beispiellosen religiösen Hetzkampagne in Russland abgesetzt wurde, geht aufs Ganze. In einem wie eine Art Filmset wirkenden, naturalistischen Bühnenbild von Oleg Golowko beraubt er nämlich seine Protagonisten der gesprochenen Sprache, verleiht ihnen aber noch mehr Ausdruck. Die rein gestischen Interaktionen verstärken jede Szene umso mehr; selten war Tschechow so pur, so emotional, so dringlich und so radikal zu sehen.

Auch dank der famosem Darsteller, die allesamt zur Höchstform auflaufen. Egal, ob Irina (Linda Achmetsjanowa), Mascha (Darja Jemeljanowa), Olga (Irina Kriwonos) oder die alles und jeden kalt usurpierende Schwägerin Natascha (Claudia Kachussowa) – die Bruchlinien zwischen Traum und Realität, zwischen Gefühl und Pragmatismus werden gnadenlos und dennoch fast wieder zärtlich aufgezeigt.

Schwaches Geschlecht

Die Männer (u. a.: Ilja Musyko als scheiternder Andrej, Pawel Poljakow als Werschinin, Anton Woynalowitsch als Tusenbach, Konstantin Telegin als Soljony oder Denis Frank und Andrej Tschernych) sind in ihrer selbst behaupteten Stärke doch nur schwach. Keiner von ihnen kann diese Schwestern erretten. Am Ende bleibt der Untergang. Wunschloses Unglück also, das den Zuschauer aber wunschlos glücklich macht.