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Donauinselfest 2026: Lauter schöne Menschen, und dazu noch Gruppentanz

Die Außensektionen der Stadt fanden sich wieder auf der Insel ein, diesmal mit ohne Vernunft, koreanischem Pop und einem freundlichen Hinweis des Veranstalters.
Georg Leyrer
Donauinselfest open-air festival in Vienna

„Wir vergessen die Vernunft“, sang Zartmann auf der großen Bühne, dabei war die Vernunft zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr die zentrale Frage. Wir sind ja nicht bei einem Philosophie-Proseminar, sondern gegen 21.45 Uhr beim Donauinselfest.

Alljährlich treffen sich die verschiedenen Außensektionen der Stadt beim Juli-Aufmarsch auf der Donauinsel. Man sieht schon bei der Annäherung ans große Fest Gesandte aus den Kraftkammern der Flächenbezirke, aus den heißen Betongassen von Bobohausen, aus jenen Teilen der Stadt, in denen man auch bei 30 Grad lange Hosen und gebügelte Oberbekleidung trägt, weil man keine andere hat, und jenen Teilen, in denen Gewand bei erster Gelegenheit auf das gesetzlich erlaubte Minimum reduziert wird, um darunterliegenden Körperbemalungen aus verschiedensten Jahrzehnten Luft zum Atmen zu geben.

Alle, alle strömen auf die Insel, und das ist ja auch irgendwie verständlich: Wo hat man sonst gratis Gelegenheit, Essen zu gehobenen Preisen zu erwerben? Ihr Rezensent ist alt genug, um sich zu erinnern, dass die Cordon-Bleu-Pommes-Kombi noch unter zehn Euro kostete, heuer sind's 14,90.

43. DONAUINSELFEST: BUEHNE.

Dort aber, auf der Insel, segmentiert sich die Wienwoche der Wiener wieder in eigene Untergruppen. Es ist ja, wir kehren kurz zurück zu den eingangs erwähnten philosophischen Fragen des Donauinselfests, auch unsere Zeit geprägt von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, die schon Ernst Bloch erkannte. Man sortiert sich also im vielfältigen Bühnenangebot auf der Insel recht streng in jene ästhetischen Gruppierungen, denen man aus Jahrgangs- oder Sozialisierungsgründen angehört.

Vor der Elektronik-Bühne von kronehit also hüpft vorwiegend junges Volk zu rumorenden Beats herum.  Bei der Wiener Liedkunstbühne spielte am Freitagnachmittag zuerst eine Linzer Band und dann eine, die auf Englisch sang, vor freundlich mitwippenden Menschen. Und vor der Schlagerbühne sucht ein vielfältiges Publikum Zerstreuung bei Auftritten, bei denen nicht selten ein Gitarrist auf der Bühne steht, obwohl die synthetischen Schlagersounds ein Saiteninstrument noch nie aus der Nähe gesehen haben.

Und auch die ganz jungen haben diesmal einen tollen Donauinselmoment, der sich manchem (hier!) vielleicht erst beim zweiten Hinschauen entschlüsselt. Es ist ein sich wiederholender Vorgang: Eine englische Stimme zählt von vier runter, dann erklingen in dieser Reihenfolge: Einige Noten eines Songs und einige Kreischlaute. Und dann eilt mal ein Dutzend, mal ein halbes Hundert sehr junge, vorwiegendst weibliche Menschen auf eine freie Fläche vor einer eigenen Bühne - und tanzen die zu diesem Song dazugehörige Choreografie, wie sonst auf TikTok. Nach wenigen Sekunden ist der Songschnipsel vorbei - und das Ganze fängt wieder von vorne an, vier, drei, zwei, eins los.

Der Soundtrack dazu sind, kapiert man dann, entscheidende Stellen aus K-Pop-Hits, und das alles ist ein gut gelaunter Ausdruck dessen, welch kulturelles Phänomen K-Pop geworden ist: Die Bands, Songs und Choreografien der koreanischen Bands haben weltweit, und damit auch auf der Donauinsel, eine gewaltige Anhängerschaft. Für die gab es heuer wieder eine eigene Bühne mit Essen und Pflegeprodukten - und, später, einem Quiz, bei dem der Moderator öfters seine Frage gar nicht fertig stellen konnte, bevor die Fans schon die Antwort wussten.

Da an dieser Stelle mancher gerne etwas von kulturellem Verfall bei jungen Menschen durch das Internet murmelt, sei auf eine besonders schöne Gleichzeitigkeit des Unzeitgleichen verwiesen. Denn nur wenige besoffene Babyelefanten weiter stromabwärts, im ORF-III-Kulturzelt, gab es eine Parallelveranstaltung. Dort nämlich übten sich Vertreter jener Generation, die mit dem amerikanischen Traum von Freiheit aufgewachsen sind, zur gleichen Zeit zu Country-Songs im Line-Dance-Gemeinschaftstanz.

Donauinselfest open-air festival in Vienna

Wer jetzt darüber nachdenkt, dass das ein besonders schönes Bild für die Verschiebung der Machtverhältnisse in der Weltpolitik - von den USA nach Asien - ist, hat noch nicht genug getrunken. Keine Sorge, das erledigten andere (die Alkoholpreise scheinen moderat), mit allen Begleitumständen: „Geh endlich weiter“, schrie ein Mann im sehr bunden Sakko in Richtung eines anderen, der als Kaiser verkleidet war. Einem Jungesellen im rosa Tutu wurde zugerufen, dass er die Zeit zur Hochzeit noch genießen solle, weil dann... 

Und wirklich ganz genau, während My Ugly Clementine auf der Hauptbühne vor dem auf der Donauinsel statistisch zu erwartenden Fehlverhalten der Cis-Männer warnten, brüllte einer davon quer über die vertrocknete Graslandschaft „Du geile Sau!“, wohlgemerkt zu einem (männlichen) Freund.

Donauinselfest open-air festival in Vienna

Jetzt seien Sie bitte, geneigte Leserinnenschaft und Leserschaft, gewarnt: Sie müssen sich das alles sehr schön vorstellen. Betonung auf müssen. Denn die Donauinsel-Veranstalter (es ist dies eine SPÖ-Angelegenheit) hätten sehr gerne, dass vom Fest keine hässlichen Bilder entstehen, die dem Ansehen des Festes schaden. Das schafften sie den anwesenden Fotografen und Kamerateams im Akkreditierungsvertrag an. 

Nach der gerechtfertigten Aufregung vermerkte man zwar, dass man Pressefreiheit „selbstverständlich respektiert“ und die Formulierung künftig ändern werde. Aber sicher ist sicher, bitte denken Sie an schöne Menschen, nicht dass die Müllgebühr sonst zur Strafe ein Mal extra erhöht wird. 

Und auch wenn man gerne renitent ist, es ist ja wirklich nicht angebracht, das auf der Donauinsel kleinzureden. „Hier können einfach alle herkommen und Spaß haben und das ist wunderschön“, rief, zu Recht, der Sänger von Giant Rooks, die vor dem Hauptact Zartmann für sehr gute Stimmung sorgten. 

43. DONAUINSELFEST: KONZERT - GIANT ROOKS +++EDITORIAL USE ONLY - NO SALES+++

Insbesondere angesichts der horrenden und rasant ansteigenden Ticketpreise sonstiger Rockkonzerte - für die 429.50 Euro fürs VIP-Ticket bei den zeitgleich auftretenden Foo Fighters kann man schon einige Cordon-Bleu-Kombis kaufen - ist das Gratisangebot auf der Insel vielleicht noch erfreulicher als früher.

Je später der Abend, desto, sagen wir mal, ausgelassener ist natürlich die Stimmung. Zartmann, Vertreter dessen, was die Generation Z unter Hedonismus versteht, war da durchaus der richtige Act, im Hintergrund dreht sich das Ringelspiel, die Seilbahngondel mit dem Ischgl-Schriftzug, in der man sich, warum auch immer, von einem Kran hochziehen lassen konnte, war derweil schon schlafen gegangen. Man wundert sich zwar mit vorrückender Stunde vielleicht weniger, dass selbst die Polizei von den Dienstautos die Nummerntafeln abmontiert hat. Aber das passt alles schon, und spätestens bei der Heimfahrt mit den Öffis freut man sich, nicht bei einem Rockfestival auf irgendeinem Acker gewesen zu sein.

Da war man schon länger dort gewesen, als man vorhatte - und eine erfreulich vieldeitige Textzeile von der Schlagerbühne im Kopf: „Wir gehen nicht ham vor halba sieben“, wurde dort gesungen, und da dürfen sich die Bettflucht-Nachtschwärmer ebenso mitgemeint fühlen wie jene, die um 18.15 Uhr schon auf die Uhr schauen und nach Hause wollen.

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