© Donaufestival/Remco van Bladel and Jonas Staal

Kultur
04/29/2019

Donaufestival: Populismus ist ein Witz, und die Klimawandelerben sind zornig

Beim Donaufestival in Krems wird ein strenger Blick auf die Gesellschaft geworfen (und eine neue gesucht).

Es ist wie ein Verkehrsunfall in Zeitlupe: Zwischen Polit-Populismus und Social-Media-Gekeife fahren wir das, was wir mal Gesellschaft genannt haben, ganz nebenbei gegen die Wand. Und mit jedem Facebook-Post steigt man noch ein bisserl mehr aufs Gas: Wer bremst, verliert (Wahlen oder, viel schlimmer, Follower).

Die Kultur schlägt hin und wieder zumindest Notfall-Ausweichmanöver vor, wie jetzt auch wieder das Donaufestival in Krems: Dort dreht es sich heuer in Konzerten, Performances, Ausstellungen, Talks um die „Neue Gesellschaft“.

Es entließ einen der Auftakt mit vielerlei Gedanken und Bildern.

Etwa von jenen zarten zwischenmenschlichen Banden – nein, Bändern –, die Karin Pauer und Arttu Palmio im Frohner-Zentrum neu knüpften: Das Publikum hielt in der eindrücklichen Zwei-Stunden-Performance verschiedene Enden langer schwarzer Schnüre. Und es war erstaunlich, welche Dynamiken sich daraus gleich entwickeln, aber auch welch emotionaler Aufruhr: Das gemeinsame Ziehen an einem Strang erfordert selbst im geschützten Einigkeitsbereich der zartavantgardistischen Kultur ordentlich Überwindung. Beunruhigend und besänftigend zugleich.

Dagegen!

Wenig später wurde man von jungen Menschen angebrüllt, und zwar zu Recht. Bei „Paradise Now (1968-2018)“ erinnern junge Performer daran, dass Theater sich mal in existenziellem Protest versucht hat. Heute hingegen wird die Generation der Klimawandelerben für jede Widerspruchsäußerung von den Babyboomern rüde zurechtgewiesen: Und was genau macht IHR gegen Klimawandel?

Nun ja, zum Beispiel Theater. Die Performer tun bei „Paradise Now“ das, was junge Menschen halt so machen, um das täglich aufgeführte Erwachsenenlaientheater – Kaffee, Auto, Büro, Auto, Fernsehen – der Eltern in seiner trägen Absurdität zu entblößen. Sie bauen, zu lauter, endlos stillstehender Rockmusik aufgescheucht im Kreis rennend, ihre aufgestaute Protestenergie ab, brüllen, zeigen Zunge und Körper, sind so voller Leben, wie man es später nie wieder ist.

Davor stellen sie im geschichtlichen Rückwärtsgang die ikonischen Bilder nach, mit denen die Älteren sie alleingelassen haben, den 11. September, die Romantikszene aus „Titanic“, die Präsentation des ersten iPhones, die Verzweiflungshaltung des napalmverbrannten Mädchens Phan Thi Kim Phúc.

Und sie brüllen dem Publikum Kritik an all dem entgegen, was man als Teenager absurd findet, aber mit dem ersten Gehaltseingang plötzlich super, wie Kapitalismus, Verschwendung, Ungleichheit. Mit angelegten Ohren denkt man sich: Das war es, was Rock und Punk einst ausmachte.

Deren „Dagegen“-Funktion hat für viele längst das Wählen von Demokratiegefährdern eingenommen. Mitgeholfen hat dabei etwa Ex-Trump-Einflüsterer Steve Bannon, der mit Filmen und online gezielt so lange Weltuntergangsfurcht und Aggression aufbauschte, bis die Menschen für Systemablehnung und Rechtspopulismus bereit waren. Eine Installation von Jonas Staal zeigt in Krems, wie stummfilmartig knackblöde diese Propagandafilme eigentlich sind: Frauen schwingen Einkaufssackerln (Dekadenz!), Haie schwimmen bedrohlich (Huch!), Geld löst sich in Luft auf (böse globalisierte Wirtschaft!). Und man müsste drüber lachen, wenn nicht am anderen Ende die Politik der Gegenwart stünde.

Gesellschaften brauchen Erzählungen, sagt Staal, darüber, wo wir herkommen und wohin wir uns bewegen. „Aber warum lassen wir es zu, dass uns ausgerechnet derartige Geschichten erzählt werden?“