Dirigent Welser-Möst: „Die Weltordnung gerät ins Wanken“

Dirigent Welser-Möst: „Die Weltordnung gerät ins Wanken“
Der Dirigent über das Philharmoniker-Friedenskonzert in Versailles, das Silicon Valley, Humanismus und die Politik.

Es ist ein Friedenskonzert in einem schwierigen Kontext: Heute, Sonntag, spielen die Wiener Philharmoniker in Versailles ein Gedenkkonzert, um an das Ende des Ersten Weltkrieges vor genau 100 Jahren zu erinnern. Im Publikum: Höchstrangige Politiker. Am Pult steht der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst. „Die Weltordnung, die ihre Ursprünge im Ersten Weltkrieg hat, gerät derzeit, 100 Jahre später, ins Wanken“, sagt er im KURIER-Interview. „Das beschäftigt einen schon.“

KURIER: Wie gehen Sie denn mit diesem politischen Unruhe-Kontext um?

Franz Welser-Möst: Dieses Konzert ist schon vor der Präsidentschaft von Trump geplant worden (lacht). Wir fangen mit einem humanistischen Statement an: Mit der „Zauberflöten“-Ouvertüre. Und wir enden mit einem Stück von Charles Ives, „The Unanswered Question“ – als Statement, dass diese Vision vom Humanismus, die Mozart in der „Zauberflöte“ hat, ja bis heute nicht eingelöst ist. Und das wirklich Traurige daran ist: Dass wir dieses Konzert, das sich auch Friedenskonzert nennt, in einer Zeit spielen, in der zum ersten Mal seit dem kalten Krieg wieder von Aufrüstung die Rede ist. Ich bin mir bewusst, dass man mit so einem Konzert nicht die Welt bewegt. Aber es ist als Zeichen gedacht. Und findet in einer Zeit statt, in der man sagen muss: Es war schon einmal hoffnungsreicher.

Dirigent Welser-Möst: „Die Weltordnung gerät ins Wanken“

Auch für Humanisten: Der Hass, der aus dem Internet strömt, zeigt Seiten des Menschen, die den Humanismus vor gröbere Herausforderungen stellen.

Im Internet ist eine Parallelwelt entstanden, mit der wir als Gesellschaft noch nicht wirklich zurecht kommen. Im Internet – ich sage das jetzt ganz brutal – „kotzen“ sich viele Menschen aus. Das finde ich demokratiegefährdend. Denn ein Recht geht auch immer mit einer Pflicht einher. Das Recht auf freie Meinungsäußerung war nicht so gedacht, dass diese anonym stattfindet.

Diese „Parallelwelt“ hat aber ganz reale Auswirkungen – bis hin zum Twitteraccount von Donald . Muss die Meinungsfreiheit im Kontext Internet neu gedacht werden?

Ich glaube, ja. Ein wesentlicher Grundstein von Demokratie ist, dass man Respekt für den anderen hat. Wenn ich diesen Respekt habe, dann ertrage ich es auch, wenn jemand eine Meinung hat, die nicht die meine ist. Dass der mangelnde Respekt für den anderen salonfähig geworden ist, ist eine tragische Entwicklung.

Gerade dieses Ertragen anderer Meinungen scheint heute vielen schwer zu fallen.

Im Internet verbrüdert man sich mit den Leuten, die die gleiche Meinung haben. Wenn einer aber etwas anderes denkt, ist man, wie es in Amerika vor allem auch an den Universitäten zu beobachten ist, „offended“: Man sagt nicht mehr einfach, dass man nicht zustimmt. Sondern der, der anderes denkt, wird zum Feind erklärt. Das finde ich höchst gefährlich. Und auch die Politik ist vermehrt auf Feindbildern aufgebaut. Das hat es zwar früher auch gegeben, dass man über die andere Partei herzieht. Aber jetzt hat mehr und mehr die Visionslosigkeit um sich gegriffen.

Weil die schnelle Ansage online gleich belohnt wird – mit Aufmerksamkeit.

Genau. Wir – und damit meine ich uns alle, die Gesellschaft, die Politik – scheuen uns davor, uns mit diesen Entwicklungen, die aus dem Silicon Valley kommen, ernsthaft auseinanderzusetzen.

Der Anspruch, dass die Kultur sensibilisieren, den Menschen verfeinern kann, hat sich nicht bewahrheitet.

Das ist richtig. Ich muss sagen, das ist auch für mich eine Desillusionierung, die mich persönlich trifft. Wobei: Im Kleinen gibt es schon Beispiele. Aber im Großen haben Sie absolut recht. Die Kunst ist immer mehr in Richtung Unterhaltung gerückt worden. Das ist ein Spiegel der Gesellschaft, keine Frage. Wir haben es verschlafen, da etwas dagegen zusetzen.

Wo muss man anfangen, um von diesen destruktiven Wegen wieder abzukommen?

Wir alle – mich eingeschlossen – wollen immer schnelle Lösungen. Aber ein Gandhi hat auch nicht auf die Schnelle etwas bewegt. Das sind oft sehr mühselige Prozesse.

Wie in den USA. Was mich wahnsinnig am Ergebnis der Mid-Term-Wahlen gefreut hat, ist dass die Frauen so stark aufgestanden sind und gesagt haben: So geht das nicht. Das ist für mich ein großer Hoffnungsschimmer. Es sind das erste Mal zwei muslimische Frauen im House. Und eine indigene Frau aus Amerika.

Sie sagen über sich, dass Sie ein Anti-Populist sind. Da hat man es derzeit trotzdem nicht leicht, oder?

Das ist richtig. Auch im Kulturgeschäft nicht. Wenn Sie Plakate von jungen Künstlern anschauen: Jeder, jede von denen könnte auch in einem Modemagazin posieren. Alfred Brendel hätte heute keine Chance. Diese Aufmerksamkeit, die wir auf das Optische legen, tut uns nicht gut. Anti-Populist heißt für mich, dass man sich gegen eine Entwicklung stemmt, wo es nur um die rasante Oberfläche geht.

Beim Cleveland Orchestra wurde der Konzertmeister nach Übergriffsvorwürfen entlassen. Wie kam es dazu?

Wir haben, als die Washington Post berichtete, eine auf diese Fälle spezialisierte Kanzlei aus New York beauftragt, eine Untersuchung durchzuführen. Wir haben dann traurig das Ergebnis der Untersuchung zur Kenntnis genommen – und die logische Schlussfolgerung daraus gezogen.

Die Infos zum Friedenskonzert in Versailles
In der Hofoper von Versailles gebend ie Wiener Philharmoniker heute ein Konzert, das an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert.  Am Programm stehen unter anderem Werke von Mozart, Debussy, Wagner, Ravel, Beethoven, Ives. Franz Welser-Möst dirigiert, als Solistin ist u.a. die chinesische Starpianistin Yuja Wang zu hören. In Versailles treffen einander heute viele internationale Staatsspitzen.

Im Fernsehen

3Sat überträgt das Friedenskonzert der Wiener Philharmoniker heute, Sonntag, um 15.30 Uhr. Um 20.15. steht das Konzert dann auch auf ORFIII auf dem Programm.

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