Kultur
25.07.2018

Philipp Blom: "Vielleicht ist die Demokratie ein Auslaufmodell"

Der Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele über die Nöte der Aufklärung, Kunstfreiheit und Mittelmeer-Tote.

Philipp Blom, Historiker, Philosoph und Autor („Was auf dem Spiel steht“, "Der taumelnde Kontinent"), hält am Freitag die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele (live ab 11 Uhr, ORF2).

KURIER: Sie werden über die Aufklärung reden. Ist das ein Besuch am Krankenbett?

Philipp Blom: Vielleicht ist es auch ein Besuch am Sterbebett. Wir sind aufgewachsen in einer Zeit, in der die Aufklärung triumphiert hat – über den Faschismus, über Totalitarismen verschiedener Art. Und da wir es nicht anders gekannt haben, gehen wir instinktiv davon aus, dass es immer aufwärts geht, immer hin zu mehr Freiheit und mehr Demokratie. Das zeigt die historische Erfahrung der letzten Jahrzehnte überhaupt nicht. Es sind viele Dinge passiert, von denen wir alle gedacht hätten, dass sie nie passieren. Vielleicht sollten wir unseren Denkraum erweitern: Alles Mögliche kann passieren. Und wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir uns engagieren.

Was man nie gedacht hätte: Dass Menschen auf dem Weg nach Europa zu Tausenden ertrinken.

Und dass man unter zivilisierten Menschen darüber diskutiert, ob es nicht richtig ist, diese Menschen ersaufen zu lassen.

Was ist da passiert?

Das ist die große Frage... Es ist einfach, in einer Zeit großzügig, zivilisiert und solidarisch zu sein, in der man selber Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat. Wenn Menschen ängstlich werden, weil sie glauben, dass ihnen die Zukunft keine Verheißung bietet, sondern eher eine Bedrohung, gehen diese Türen wieder zu. Das ist zum Teil künstlich geschürt, aber auch zum Teil ein ganz rationales Erkennen: Ein traditionelles Versprechen der Demokratie – wenn du dich bemühst, kann aus dir etwas werden – ist gebrochen. Wer einen schlecht bezahlten Job hat und danach noch putzen geht und sich um die Eltern kümmern muss, der oder die weiß: Das wird nicht besser. Wenn man dann sieht, dass alleine im letzten Jahr die reichsten 500 Leute der Welt um ein Drittel reicher geworden sind, dann erkennt man: Dieses System funktioniert nicht mehr für mich. Vielleicht gibt es andere Systeme.

Aber weltweit gesehen geht es den Menschen doch so gut wie nie: Es gibt weniger Kriegstote, weniger Hungertote, weniger Bitterarme.

Das ist richtig. Aber es widerspricht unserer Lebensrealität. Wenn man die globale Statistik ansieht, war der Zweite Weltkrieg eine Zeit mit relativ geringer Sterblichkeit, da es in anderen Erdteilen keine Kriegstoten und kriegsbedingte Seuchen gab. Wenn man das jemandem aus Polen oder Litauen erzählt, hat der eine ganz andere Erinnerung an diese Zeit. Und viele unserer Errungenschaften sind ein Pyrrhussieg, da sie auf dem inflationären Gebrauch fossiler Brennstoffe beruhen. Und die globale Wachstumsökonomie müllt uns so zu, dass wir bald ersticken.

 

Dann war die Aufklärung also ein Luxusmoment, den wir uns geleistet haben, da es uns gut gegangen ist – und sie bricht beim ersten Gegenwind wieder zusammen.

Das glaube ich nicht. Die Ersten, die für die Aufklärung gekämpft haben, haben nicht in luxuriösen Umständen gelebt – und viel riskiert. Die Aufklärung hat das für uns erreicht, was wir an unserem Leben besonders schätzen. Sie war zuerst eine riesige Landschaft an Argumenten und Provokationen. Im 19. Jahrhundert verheiratete sie sich mit der Macht des Bürgertums. Und dann wurde sie zurechtgestutzt, um deren Bild und Interessen zu entsprechen. „Die Aufklärung“ kam auf einmal im Singular daher. Seltsamerweise sieht man dann, dass diese Aufklärung genau die selben Machtstrukturen stützt, wie sie der christliche Kolonialismus errichtet hatte. Es herrschten nicht mehr die Gläubigen über die Ungläubigen, sondern die Rationalen über die weniger Rationalen. Aber das waren dieselben Menschen.

Aber gerade die Rationalität ist ja jetzt in die Krise gekommen. Viele Menschen freuen sich über Fake News, solange diese ihre eigene Meinung bestärken.

Und damit haben wir eine Büchse der Pandora aufgemacht: Es stellt sich nämlich die Frage, wie Demokratie ohne einen einigermaßen einheitlichen öffentlichen Raum existieren kann. Demokratie ist letztlich durch den Buchdruck möglich geworden. Durch die Idee, dass man eine öffentliche Sphäre hat, in der man eine gemeinsame Diskussion führen kann. Natürlich gab es früher schon Filterblasen. Neu sind die Intensität, mit der diese Filterblasen heute funktionieren, und die Unmittelbarkeit, mit der sie unser rationales Denken überspringen. Und mit Klicks und bunten Bildern und Stimulation gleich auf unser Reptilienhirn zielen.

 

Und was jetzt?

Wir werden sehen, was daraus folgt. Die Frage ist, wie wir Wahlen über einen Sachverhalt haben können, wenn wir uns nicht einigen können, was für ein Sachverhalt das überhaupt ist. Ob sich die Demokratie in diesem Umfeld wandeln muss. Und ob sie sich in Richtung mehr Demokratie wandeln kann, mit kreativeren Modellen der Beteiligung. Oder vielleicht geht es auch dahin, dass Demokratie ein Auslaufmodell ist.

Was wäre das neue Modell?

Es gibt genügend Politiker in Europa, die Singapur bewundern. Dort ist es friedlich und die Wirtschaft brummt. Oder das „Social Credit“-Modell in China (Menschen bekommen für Fehlverhalten Punkte abgezogen und verlieren dadurch gesellschaftliche Möglichkeiten, Anm.). Man kann sich vorstellen, dass Algorithmen und Überwachung und Big Data so ein System sehr favorisieren. Und in diesem System können viele Menschen gut und friedlich leben. Ohne freie Meinungsäußerung, ohne allgemeine Menschenrechte, aber sehr effizient.

Und ohne Freiheit der Kunst – diese scheint, sagt auch Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser, den Menschen immer unwichtiger in ihrem Leben: „Vielleicht wird diese Kultur, für die wir stehen, genauso aussterben wie die Mayakultur“, sagte er kürzlich zum KURIER. Geht diese Entwertung der Kunst Hand in Hand mit der politischen Entwicklung?

Natürlich. Aufklärung funktioniert nicht ohne Hoffnung. Dass wir besser leben, bessere Menschen sein können. Wenn man aufhört, das zu glauben, dann klingt das alles sehr hohl. Und dann wird die Kunst, die sich dem verschreibt, dieses bessere Selbst zumindest sichtbar zu machen, zum Entertainment für eine globale Elite. Das ist schade, das muss sie nicht sein. In Salzburg sieht man, dass man manchmal eine Menge Geld in die Hand nehmen muss, um große künstlerische Ereignisse sichtbar zu machen. Ich vertraue Markus Hinterhäuser, dass er das tut, weil er die Kunst für wichtig hält. Weil er Menschen berühren und erreichen will. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die so etwas glauben.