© DEAG Concerts/Michael Clemens

Interview
12/01/2019

Dieter Bohlen: "Mit unserer Musik wären wir heute chancenlos"

Der Pop-Titan im Gespräch über seine Tour, Mariah Carey, Instagram und Kohle.

von Nina Oberbucher

Achtung, der Ohrwurm kommt spätestens, wenn Sie die folgenden Songtitel lesen: „You’re My Heart, You’re My Soul“, „Cheri Cheri Lady“, „Brother Louie“ – mit diesen Pop-Hits feierten Dieter Bohlen und Thomas Anders in den 80ern als Modern Talking Erfolge. Die Band ist längst Geschichte und Bohlen vor allem als Juror in Castingshows ("Deutschland sucht den Superstar", "Das Supertalent") unterwegs.

Aktuell tourt er – u. a. mit den alten Songs von Modern Talking – durch Europa und gastiert am 6. Dezember auch in der Wiener Stadthalle. Im KURIER-Interview erklärt der 65-Jährige, warum er einen Großteil seiner Konzerte für 2020 absagen musste, wie er seine Gesangskünste im Vergleich zu Mariah Carey sieht und nennt viele, viele Zahlen.

Bis auf zwei Auftritte haben Sie alle Konzerte fürs kommende Jahr gestrichen. Haben Sie sich bei der Planung Ihrer Tour ein wenig übernommen?

Ja (lacht). Ich wurde von meinen Fans auf Instagram tyrannisiert, doch auch mal im deutschsprachigen Raum aufzutreten und nicht immer nach Moskau oder Chile zu fliegen. Das hatte für mich den Vorteil, dass die Medien in Deutschland nix davon mitbekommen haben und ich ganz entspannt machten konnte, was ich wollte (lacht). Ich habe dann ein Konzert in Berlin veranstaltet und das war in ein paar Stunden ausverkauft. Dann haben mich alle bedrängt, noch mehr zu spielen, also haben wir zehn gemacht und die liefen toll: Berlin 21.000, Hamburg 10.000, Dortmund 10.000. In dieser Euphorie habe ich gesagt: Komm, wir machen 2020 noch weiter!

Aber das war zu viel?

Es ist ja nicht so, dass man nur dieses Konzert spielt und das war’s. Mariah Carey war in Hamburg und hatte 3.800 Zuschauer. Ich hatte 10.000 und das liegt jetzt nicht daran, dass ich viel besser singe als Mariah Carey (lacht), sondern, dass ich viel dafür gearbeitet habe, Promotion gemacht habe undsoweiter. Ich bin zeitlich so eingespannt – ich mache ja auch Fernsehsendungen und Werbesachen – und man hat jeden Tag diese Angst: Ich darf nicht krank werden! Bei jedem, der einen irgendwie anhustet oder wo man sieht, der ist erkältet, rennt man weg. Ich desinfizier mir, glaube ich, 40 Mal am Tag die Hände. Das ist ein Druck, den hält man auf Dauer nicht aus. Deshalb ziehe ich das jetzt bis zum Jahresende noch durch, aber dann muss auch mal Ruhe einkehren.

Sie könnten ja von den Tantiemen für „Cheri Cheri Lady“ eigentlich leben.

Ja, locker (lacht).

Warum tun Sie sich das dann an? Andere gehen mit 65 in Pension.

Ich habe das große Glück, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, deshalb kommt mir alles, was ich so mache, nicht wie Arbeit vor. Aber wenn es eben so viel wird, dann kommt eine Schwelle, wo es keinen Spaß mehr macht.

Gibt es eigentlich Bohlen-Songs, die Sie nicht mehr hören können?

Nee, ich finde alle geil (lacht laut). Vor 35 Jahren haben die Menschen gesagt und – Entschuldigung – gerade auch die Zeitungen geschrieben, das ist alles Quatsch und Wegwerfmusik und man wird in ein paar Jahren nichts mehr davon hören. Für „You’re My Heart, You’re My Soul“ bekomme ich fast jeden Tag von irgendwo auf der Welt eine Anfrage, ob das jemand covern kann oder ob das in irgendeinem Film gespielt werden darf. Capital Bra hat jetzt „Cheri Cheri Lady“ gecovert, wo mich die Leute früher noch verarscht haben. Von wegen „Kirsche Kirsche Dame“, dabei war „Cheri“ ja vom Französischen abgeleitet, es hat nur keiner abgerafft. Jetzt hat Capital Bra bei Spotify 80 Millionen Streams, ich hab’ ’ne halbe Milliarde Klicks auf YouTube. Das sind alles Perlen, die mir seit 35 Jahren ’ne Menge Geld bringen, die kann man ja nur gerne hören (lacht).

Heute würden Sie wahrscheinlich HipHop machen?

Heutzutage muss man erst mal die Hürde Spotify überwinden. Ohne Spotify geht nix mehr in die Single-Charts. Mit der Musik, die wir damals gemacht haben, wären wir heute chancenlos, absolut. Spotify würde uns niemals spielen. Momentan läuft da einfach deutscher Hip Hop, alle anderen Sachen laufen nicht. Punkt. 99 Prozent der Menschen, die bei mir vor dem Tor stehen oder bei „Deutschland sucht den Superstar“, haben überhaupt noch nicht begriffen, dass sich der Musikmarkt durch die Digitalisierung völlig verändert hat. Da nützt dir keine tolle Nummer mehr, da nützt dir kein toller Sänger. Wenn die Strukturen und Zutaten nicht stimmen, kannst du gleich aufhören. Deshalb würde ich jungen Leuten auch raten, einen Plan B zu haben, falls das mit ihrem kreativen Projekt nicht klappt. Ich hab’ ja auch erst mal studiert (BWL, Anm.) und mein Examen gemacht. Wenn das bei mir nicht funktioniert hätte, hätte ich tausend andere Sachen machen können, vom Steuerberater bis zum Plattenboss.

Sie sind auf Instagram sehr aktiv. Was sagen Ihre Follower denn, wenn Sie Fotos aus dem Privatjet posten?

98 % finden es gut und 2 % nicht. Allen kann man’s ja nicht recht machen. Gestern habe ich ein Bild gepostet, das hat 60.000 Likes und 1.600 positive Kommentare. Das mit dem Jet, klar, das ist immer so ein Ding, aber es gibt ja keine Alternative. Wenn ich am Freitag in Riga ein Konzert habe und am Samstag in Kaunas – da kann ich nicht mit dem Fahrrad hinfahren und auch nicht mit dem Auto. Also gibt es für mich die Möglichkeit, das Ganze fair zu spielen oder eben zu Hause zu bleiben. Und da mich ’ne Menge Menschen sehen wollen, fliege ich hin. Wenn das 16 Leuten von meinen fast 1,4 Millionen Followern nicht gefällt, ist mir das völlig egal. Ich glaube auch, dass sich Deutschland echt über die Steuern freut, die ich an so einem Wochenende verdiene.

Sie werfen mit vielen Zahlen um sich. Sehen Sie sich eigentlich als Musiker oder als Geschäftsmann?

Eigentlich schon eher Musiker. Oder sagen wir besser: Entertainer. Musiker bin ich ja schon viel länger als ich die ganzen Sachen wie Castingshows mache. Ich habe mit 8 Gitarre angefangen, mit 10 Klavier. Gestern habe ich mich einfach an den Flügel gesetzt und gespielt und das gibt mir wirklich viel, so ein schönes Gefühl (lacht). Das habe ich am meisten, wenn ich für mich alleine spiele. Man sitzt da an seinem Klavier und dudelt vor sich hin, das ist schön.

Also bräuchten Sie kein Publikum?

Nö und das wird auch irgendwann mal kommen, dass ich nur noch zu Hause sitze und vor mich her dudel. Partiell zumindest. Irgendwelche Sachen werde ich immer machen. 

Hatten Sie je Existenzängste?

Ja, die habe ich auch. Die sind ja nicht nur pekuniärer Art, also kohlemäßig. Als Kind hatte ich immer Angst, dass ein Krieg ausbricht. Und wenn man sich das alles so anguckt, wo sich die Menschen im Moment überall prügeln und wo es Konflikte gibt, die anscheinend nicht zu lösen sind, dann bekommt man natürlich schon ... ich will nicht sagen Angst, aber man ist besorgt. Wir haben hier seit 70 Jahren keinen Krieg mehr und ich glaube, dafür sollte man auch dankbar sein. Es ist schön, dass meine Kinder in Sicherheit aufwachsen können.

Und kohlemäßige Sorgen?

Ach, die habe ich seit 1984 nicht mehr (lacht). Wenn man so einen Hit wie „You’re My Heart, You’re My Soul“ hatte, und man da 6 oder 7 Millionen Dinger verkauft, oder so ein Thema wie Modern Talking – da muss man schon richtig bescheuert sein, wenn man das ganze Geld in Scheiße reinsteckt und das verliert. Wenn man ein bisschen vernünftig ist, müsste sowas eigentlich reichen.

Und es kommt noch mehr dazu, Sie machen ja auf Instagram viel Werbung.

Ich hab’ am Tag auch manchmal 8 bis 9 Stunden mit Instagram zu tun, das muss ja auch irgendwie Sinn machen.

Es gibt Leute, die wesentlich jünger sind als Sie, und technischen Support brauchen, um Instagram zu bedienen.  Wie ist das bei Ihnen?

Also der größte Durchblicker auf Instagram bin ich echt nicht. Ich kann da Quatsch machen, mir selbst das Handy ins Gesicht halten und das dann draufstellen und ich weiß sogar, wie man Leute taggt. Ich mach das alles selbst, schreibe auch alle Kommentare. Aber technisch habe ich keine große Ahnung. Die Initialzündung kam ja eigentlich von meiner Freundin Carina. Das war zuerst auch nur mal ein Test. Wir waren auf Mallorca und hatten Freunde da, die gesagt haben: Mach das bloß nicht! Für mich immer ein Zeichen, das erst recht zu machen. Und dann hatten wir am ersten Abend schon 130.000 Follower. 

Sie sind seit 35 Jahren im Showbusiness. Was kommt in den nächsten 35 Jahren?

Keine Ahnung, das entwickelt sich immer alles erst. Ich will außerhalb der Musik auch immer andere Sachen machen, da habe ich wahnsinnig viele Ideen im Köcher. Gerade auch im TV-Bereich. Aber ich mache 35 Samstage im Jahr und dann denke ich: Mensch, lass’ den Leuten doch mal die restlichen Wochenenden ohne Dieter Bohlen (lacht). Und ich möchte ja auch keine Sachen machen, die dann am Mittwoch um 22 Uhr laufen. Ich will große Samstagabendunterhaltung machen.