Stefanie Reinsperger, Schauspielerin des Jahres, im Stück "Die lächerliche Finsternis", das zum Stück des Jahre gewählt wurde.

© APA/GEORG HOCHMUTH

Bühne
08/28/2015

Schauspielerin des Jahres: Reinsperger im Interview

"Die Wiener sind wahnsinnig"

von Barbara Mader

Was die Kritikerumfrage der Fachzeitschrift Theater heute nun offiziell machte, ist nichts weiter als eine Bestätigung: Wer Stefanie Reinsperger zuletzt in "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz oder in Ewald Palmetshofers "die unverheiratete" erlebt hat, dem war längst klar: Diese Frau ist ein schauspielerisches Naturereignis. Wie sie auf der Bühne tobt, wütet, zittert, bettelt, flüstert, rast, liebt, fleht; wie sie sich – so abgedroschen dieser Ausdruck wirken mag, hier passt er – die Seele aus dem Leib spielt, die Bühne zu ihrem Spielplatz, ihrer Kampfarena, ihrem Zuhause macht: das geht direkt ins Herz, lässt keinen unbeteiligt.

Und dann trifft man diese schauspielerische Naturgewalt... und sie heißt Steffi.

Man denkt, das ist, als würde man einen Chihuahua Rambo nennen. Im Gespräch stellt sich dann heraus: irgendwie passt’s doch.

Ja, sie ist DIE Reinsperger, eine auch im Interview sehr expressive, beeindruckende 27-jährige Frau, die mit rauer Stimme direkt sagt, was sie will, denkt, fühlt, weiß. Die viel lacht und mit ihrem breiten Lächeln, oft auch Grinsen, viel von sich selbst gibt. Die selbstbewusst sagt, einen Mentor zitierend: "Du triffst eine Entscheidung und wenn du merkst, es war die falsche, dann triffst du eine neue."

Die "aus dem Bauch heraus" entschieden hat, das Burgtheater gegen das Volkstheater auszutauschen. Das, was viele als Weihestätte des Theaters und als Krönung einer Schauspielkarriere schlechthin empfinden, hat sie eingetauscht gegen ein Abenteuer. Warum?
"Die Themen, die Stücke und die Regisseure, mit denen ich im Volkstheater arbeiten werde, sind mir näher. Hier können Debatten stattfinden."

Die Bühne ist ihr Leben, aber nicht nur ihres. Theater ist Verantwortung. "Als Schauspieler können wir Dinge formulieren, die ein Zuschauer nicht kann. Dafür haben wir einerseits Texte. Aber die Bühne ist schon per se der Ort für gesellschaftspolitische Äußerungen. Theater muss die Menschen verändern."

Das sitzt. Hier spricht DIE Reinsperger.

Und dann ist sie die Steffi aus Baden, die als Kind die Maria im Krippenspiel war. Die mit Barbiepuppen Theaterstücke inszenierte und ganz unbekümmert sagt: "Ich spiel’ halt gerne."

Der enorme Erfolg, ja, der freut sie. Aber Theater ist ein Gemeinschaftsprodukt. "Wir stehen alle zusammen auf der Bühne. Das ist unsere gemeinsame Lebenszeit." Erfrischend und allürenfrei.

Aufgewachsen ist sie in London und in Serbien, der Vater arbeitete im Außenministerium. Als sie neun war, übersiedelte die Familie nach Niederösterreich, wo sie später die Handelsakademie absolvierte. "Meine Eltern und ich haben gerne Witze über die sogenannte fundierte kaufmännische Ausbildung gemacht. Aber wirklich vorstellen konnte ich mir das nie."

Wir uns auch nicht.

Mit vier ist sie schon auf der Bühne gestanden, im Londoner Kindertheater. "Der Ort Theater hat mich immer verzaubert. Mit allem, was dahintersteckt." Und mit "allen", die dahinterstecken, denn: "Wenn der Portier die Tür nicht aufsperrt und der Mitarbeiter an der Kassa die Karten nicht verkauft, dann findet Theater nicht statt. Das ist ein Gesamtkunstwerk." An dem sie dringend teilhaben wollte.

Birgit Minichmayr, die ist ihr großes Vorbild. "Als ich sie das erste Mal sah, dachte ich: Wow. Ein Mensch, der die Bühne zum Lebensraum erklärt. Das ist es."

Lebensraum Bühne

Das Wohnen auf der Bühne, das ist jetzt ihres. "Ich fühle mich da oben geschützter als im Leben. Die Bühne ist der schönste Spielplatz."

Ihre Traumrolle? "Medea", die durfte sie bereits in Düsseldorf spielen. Was, wenn man ihr das "Gretchen" anböte? "Lieber würde ich den Mephisto spielen."

Man würde ihr das zutrauen. Sie kann aber auch ganz anders. Etwa teigige Waldviertler Landpolizistinnen wie in der Fernseh-Serie "Braunschlag" spielen.

Am Film mag sie die Möglichkeit, zart, leise und intim zu sein. Doch Theater, das ist "Im-Moment-Sein. Theater pusht mich und macht mich total narrisch."

Sie liebt die Interaktion mit dem Publikum. "Bei meinem Betrunkenen-Monolog in ,die unverheiratete‘ verließ ein Zuschauer wutentbrannt den Saal. Natürlich wurde er mein Dialog-Partner, er hat sich fast nicht rausgetraut!"

Das Publikum, sagt sie, müsse spüren, dass es wahrgenommen wird. "Die Zuschauer sind mein dritter Spielpartner."

Und wie fällt ihre Kritik über die Wiener Spielpartner aus? Sind sie anders als in Düsseldorf? "Die Wiener sind wahnsinnig. Es ist ein unfassbares Geschenk, in dieser Stadt Künstlerin zu sein. Sie lieben oder sie hassen dich, dazwischen gibt’s nix."

Sie ist eine Schwärmerin. Befragt nach der Jelinek’schen Sprache, mit der sie demnächst als "Nora" zu tun hat, kommt ein lang gezogenes "Ich liiiiiebe das." Das steckt an. Man liebt mit ihr. Stefanie Reinsperger reißt einen mit und haut einen um.

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