© Wiener Festwochen/Guido Mencari

Kultur
06/15/2019

Die Wiener Festwochen haben wieder Relevanz

Christophe Slagmuylder hatte nicht viel Zeit für seine ersten Festwochen. Angesichts der Umstände bot er ein durchaus respektables Programm.

von Thomas Trenkler , Werner Rosenberger, Peter Jarolin

Die Wiener Festwochen 2019 sind Geschichte, sie enden heute mit einer „Closing Party“ – ab 22 Uhr in den Gösserhallen. Es waren die ersten unter Neo-Intendant Christophe Slagmuylder, der zumindest bis 2024 die Geschicke des renommierten Festivals lenken wird.

Und sie waren gut. Denn unter Christophe Slagmuylder haben die Wiener Festwochen – nach zwei künstlerisch wie auch publikumstechnisch überaus bescheidenen Jahren – ihre Relevanz wieder zurückgewonnen.

Die Festwochen sind nach dem desaströsen Intermezzo von Tomas Zierhofer-Kin wieder da. Aber sie haben – zumindest im ersten Jahr – ihr Gesicht verändert.

Denn Slagmuylder hat das Festival ganz nahe an ImPulsTanz herangeführt. Viel Performatives und viel zeitgenössischer Tanz bildeten das kulturelle Grundgerüst. Denn eine Anne Teresa De Keersmaeker mit ihrer (grandiosen) Interpretation von Johann Sebastian Bachs „Brandenburgischen Konzerten“ hätte ebenso bei ImPulsTanz gastieren können wie eine Marlene Montero Freitas, eine Lia Rodrigues oder die großartige Angélica Liddell mit ihrem betörend-verstörenden „The Scarlet Letter“.

Eine der intensivsten Produktionen des heurigen Festwochen-Jahrgangs – abgesehen vielleicht von den beiden Performances, die Romeo Castelluci beisteuerte.

Sie fanden in der größten der Gösserhallen statt und wurden allein durch die Wahl des Ortes, der zu einem mythischen wurde, miteinander verschränkt. In „Le Metope del Partenone“ ließ Castellucci hintereinander sechs Menschen sterben – wie auf einem Schlachtfeld. Die Schauspieler wurden zunächst hyperrealistisch drapiert – und die Zuschauer gezwungen, Voyeur zu sein. Jedes Mal war der durchritualisierte Einsatz der Rettungsmannschaften vergeblich. Da konnte niemand klatschen. Castellucci entließ sein Publikum zumindest mit einer tröstlichen Lösung auf das letzte der sechs Rätsel.

Christophe Slagmuylder hat natürlich viel eingekauft, das ohnehin durch die Weltgeschichte tourt, das kurzfristig auch einen Wien-Stopp einlegen konnte. Und das war diesfalls kein Fehler. Denn Slagmuylder, der auch als Intendant des Brüsseler Kunstenfestivaldesarts auf Performatives setzte, hatte fast keine Vorbereitungszeit. Er konnte also eigentlich nur auf Shopping-Tour gehen, an bedeutende Eigenproduktionen war schon aus Zeitgründen nicht zu denken. Doch Slagmuylders Einkäufe waren durchwegs von höchster Qualität, haben frischen Wind nach Wien gebracht und zugleich das Fenster zur weiten Welt wieder geöffnet.

Denn für Toshiki Okadas „Five Days in March“ oder für das Theaterjuwel „Sopro“ des portugiesischen Regisseurs Tiago Rodrigues hätten Interessierte sehr weit reisen müssen. Aber auch für die atemberaubende Bühnenperformance des französischen Filmstars Isabelle Huppert: „Mary said what she said“, den Monolog der schottischen Königin Maria Stuart kurz vor ihrer Hinrichtung, geschrieben von Darryl Pinckney, hat der amerikanischen Theatervisionär Robert Wilson in Szene gesetzt. Die Zeit brachte es auf den Punkt mit dem Titel: „Perfekt – aber wozu?“

Große Namen

Milo Rau enttäuschte mit seinem spekulativen Doku-Theater „Orest in Mossul“. Und auch wenn ein anderer Höhepunkt des Festivals die Hoffnungen nicht ganz erfüllen konnte: Sehenswert war die Uraufführung von Sibylle Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“, inszeniert von Regie-Shootingstar Ersan Mondtag, allemal. Das Stück schwingt wild die Keule der Gesellschaftskritik und fragt: Was ist eigentlich normal? Woher kommt der Hass? Und wo führt er hin?

Es gab also wieder große Namen bei den Festwochen – und es gab wuchtige Theaterabende, darunter die vielschichtige, politisch aufgeladene, mitunter beklemmende Interpretation des Franz-Kafka-Romans „Der Prozess“ von Krystian Lupa. Oder das sechsstündige Simultandrama „Diamante“ von Mariano Pensotti, mit dem die Festwochen am 11. Mai in der Donaustadt begannen.

Kleine Einwände

Der neuerliche Versuch, in die Stadt hinauszugehen, ist zwar nicht wirklich aufgegangen. „Diamante“ aber war – trotz Leerläufen – der richtige Beginn. Denn es handelte sich um ein Ereignis, ein Spektakel, das man nicht versäumt haben sollte. Und Events gehören eben dazu.

Wahrscheinlich gehört zu einem Festival, wie die Festwochen eines sind, auch bildende Kunst dazu. Sie fehlte völlig. Und auch wenn es immer wieder musikalisch wurde (etwa erst kürzlich beim Liederabend „Suite N°3“): Dass es – aufgrund der Umstände – keine große Musiktheaterproduktion gab, war wohl der größte Schwachpunkt. Aber es gibt ein nächstes Jahr. Slagmuylder wird zeigen, was er vermag.

Ein weiteres Fazit dieser Festwochen lautet: Es wurden nicht so sehr Geschichten erzählt, sondern Gedanken illustriert.