© Christian Eisenberger/Bildrecht

Kultur
02/24/2021

Die Welt des Christian Eisenberger: Halbe Gesichter, ganze Sachen

Der Steirer, der gegenwärtig die Galerie Krinzinger in Wien bespielt, macht den Fehler zum Mitgestalter

von Thomas Trenkler

Christian Eisenberger sollte fast recht behalten. Auf dem Plakat zur Ausstellung, die am 6. November in der Galerie Krinzinger eröffnet wurde, steht „open end“. Denn keiner wusste, was die Pandemie ermöglichen würde. Nun, nach wochenlangen Schließzeiten, ist die Personale wieder zu sehen. Bis Samstag.

Gleich der Titel „SEHN SIE TIEF 9975 – 15432 – 32718“ gibt Rätsel auf – abgesehen von der kreativen Schreibweise des Wortes „sensitiv“. Die erste Nummernkombination sei, sagt Eisenberger, die Anzahl seiner lebensgroßen, bemalten Pappfiguren u. a. von Bettlern und anderen Außenseitern, die er einst im öffentlichen Raum aufgestellt hat; die zweite die Zahl der Lebenstage von der Geburt 1978 in Graz bis zum Tag der Ausstellungseröffnung; und in den letzten 20 Jahren seien 32.718 Skizzen entstanden, die er in einem eingeschweißten Block aufbewahre.

Die Zahl erscheint möglich. Denn der vor Ideen sprühende Steirer hat ein Kreativitätspotenzial, das für zehn Künstlerbiografien reichen würde. Daher ist Eisenberger, Jonathan Meese nicht ganz unähnlich, auch nur schwer einzuordnen. Die Ausstellung in allen Räumen der Galerie gibt einen guten Überblick über Stränge und Themen.

Die Vergänglichkeit

Wobei man eigentlich mit dem letzten Saal beginnen müsste. Denn die dort gezeigten Arbeiten verweisen, subsumiert unter dem Begriff „Land Art“, auf die Ursprünge und zeigen das Spielerische in Eisenbergers Werk.

„Man wächst in Semriach am Bauernhof auf, man hat viel Natur – Bäche und Dreck und Gestein und Wälder – vor seiner Nase. Ich war immer schon viel in der Natur.“

Klar war, dass der Bub einen Beruf zu erlernen hat. „So wurde ich Betriebsschlosser bei einer Papierfabrik in Gratkorn. Dort kriegt man mit, was disziplinierte Arbeit bedeutet. Von sechs Uhr bis zwei Uhr. Was super ist. Den Vormittag opfert man der Pflicht, den Nachmittag hat man für sich. Teiche angelegt, Staudämme gebaut.“

 

Das hatte noch nichts mit Kunst zu tun. Aber schon damals war es so, „dass man das Aufgebaute der Vergänglichkeit überantwortet“. Und das Ephemere ist zur Konstante geworden: Bei seinen „Wald-Wiesen-Bach-Schlucht-Begehungen“ entstehen „fragile Sachen“, die er abfotografiert, bevor der nächste Windstoß sie umbläst. Oder bevor das Schachbrett aus Tannenzapfen – Eisenberger spricht von einem „Zapfenteppich“ – vom Moos überwuchert ist.

Das gehäufte Scheitern

Einmal lagen bei einem Tümpel Birkenrinden – und Eisenberger ordnete sie zu einer Gesichtshälfte an, die sich im Wasser spiegelt. „Ich dachte mir: Da braucht man nur die halbe Arbeit machen – für das gesamte Resultat. Die Idee, dass daraus eine Serie werden könnte, ist mir aber erst Wochen später gekommen. Weil ich das mit anderen Materialien, mit Erde, Blumen, Stroh, Steinen, probiert hab’. Und jetzt im Winter entstanden die Eisköpfe. Aber ich denke nicht in Serien. Es ist eben ein gehäuftes Scheitern. Oder ein andauerndes Ausprobieren. Denn das nächste Ding könnte besser werden.“

Nach der Schlosserlehre besuchte er die Ortweinschule in Graz, in die auch Erwin Wurm, Werner Schwab, Sonja Gangl gegangen waren. Ab 2000 studierte er in Wien bei Brigitte Kowanz. Was verwundert, wenn man deren technisch perfekte Lichtkunst kennt. Eisenberger pflichtet bei: „Sie hätte mich fast nicht genommen, die Aufnahmsprüfung war konfus – und ich passe nicht ins Schema. Aber solche Leute braucht sie auch. Denn will man nur angepasste Menschen haben?“

 

Das Studium schloss er nicht ab. „Ich hatte bereits ein Atelier und dachte mir: Was soll ich noch auf die Angewandte gehen?“ Seither „switcht“ er „zwischen dem Stadtkünstler, der im Atelier mit chemischen Farben arbeitet, und dem Landmenschen, der auf all das verzichtet“.

Immer wieder wird Eisenberger der Arte povera zugeordnet. Eben weil er mit Abfallmaterialien, Sperrmüll, ja auch mit Dung arbeitet. „Ich habe mir diese Kunstrichtung nicht ausgesucht. Ich wollte einfach nur Handlungen setzen. Und als Student hat man eben kein Geld. Das ist kein Klischee, das ist so. Die Farbe für meine Pappfiguren habe ich mir eben von den Müllsammelstellen geholt. Das waren zum Teil super Farben! Zwei halb volle Dosen waren für mich eine ganze – und ich sparte mir zehn Euro.“

Mittlerweile kann er sich Leinwände und Farben leisten. Aber er möchte jene Zeit nicht missen. Denn er hätte zwar nichts gehabt, sei aber umso freier gewesen: „Man ist nicht gebunden an Finanzabgaben und Vereinbarungen mit der Galerie. Und man ist keinem Stil verhaftet.“ Je älter man werde, desto enger werde das Korsett, in das die Gesellschaft einen zwängt.

Die größere Freiheit

Gefundene Materialien verwendet er aber weiterhin. In der Ausstellung sieht man z. B. Bilder, gemalt auf Metallfedermatrazen. Und am Boden liegen riesige Kartons, die quasi Passepartouts für Porträts bilden. Eisenberger bekam sie in einem Fahrradgeschäft: „Die hatten den Keller voll mit denen.“

 

Die Gesichter mit Kulleraugen haben oft etwas Geisterhaftes. Weil er zuerst mit Silikon das Bild zeichnet: „Die Linien bilden den Farbdamm. Aber manchmal schwappt die Farbe drüber. Es kämpft also die Kolorierung gegen die Zeichnung.“ Er arbeitet unglaublich rasch, mit großer Geste. „Dafür brauchen die Bilder eine lange Zeit zum Trocknen.“ So gleiche sich das wieder aus.

Eisenberger erklärt den Prozess anhand der Großformate im großen Saal: „Ich hab’ die Leinwände auf den Boden gelegt und die Farbe draufgeleert. In der Mitte hat sich dann immer so eine Lacke gebildet. Weil eben dort die Farbe zusammengeronnen ist. Für mich ist das wie ein Sehfehler, wenn man in der Mitte nichts mehr scharf sieht. Und so ist das eben ein Bildfehler. Aber ich lasse ihn zu. Denn wenn man den Fehler zulässt, hat man eine größere Freiheit. Und der Fehler ist ja nichts Schlimmes.“

Hätte er nicht etwas unter die Leinwand legen können, um das Durchhängen zu vermeiden? „Ja, aber ich mache den Fehler zum Mitgestalter.“

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