Erwartet hohe Einnahmenverluste: ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger

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Kultur
03/13/2020

Die Österreichische Nationalbibliothek macht Inventur – bis 2039

Johanna Rachinger, Generaldirektorin der ÖNB, im Interview über die Auswirkungen der Schließung und das Haus der Geschichte

von Thomas Trenkler

KURIER: Auch die Bundesmuseen sind zu – vorerst bis 3. April. Warum ist man derart radikal vorgegangen? Das Literaturmuseum z. B. hätte man nicht schließen müssen, da es nie von 100 Personen gleichzeitig besucht wird.

Johanna Rachinger: Es war der Wunsch des zuständigen Ministeriums, dass wir zu einer einheitlichen Lösung kommen. Damit es nicht zu Verwirrungen kommt, sind alle Bundesmuseen und die ÖNB geschlossen – samt den Dependancen und Spezialsammlungen. Aber man kann online auf unsere digitalisierten Bestände zugreifen – und das sind Millionen von Seiten!

Das Literaturmuseum könnte gar nicht aktueller sein: Am 2. April sollte die Ausstellung „Utopien und Apokalypsen“ eröffnet werden…

Wir hoffen natürlich, dass sich die Situation beruhigt. Und dass wir mit einem Tag Verspätung eröffnen können.

Die Studierenden, Ihre größte Klientel, haben Jahreskarten. Die Einnahmenverluste fallen also eher gering aus.

Im Prunksaal aber sind sie gewaltig. Dazu kommt, dass nahezu alle geplanten Einmietungen abgesagt wurden. Wir werden unseren Budgetplan nicht einhalten können und Korrekturen bei den Ausgaben vornehmen müssen.

Dennoch ist die Situation lange nicht so gravierend wie bei dem einen oder anderen Bundesmuseum.

Natürlich: Die Schließung wird unter anderem das Belvedere, das die meisten Besucher hatte, die Albertina und das Kunsthistorische Museum massiv treffen.

Ich nehme an, dass die echten Einnahmeausfälle, also nach Abzug der Einsparungen durch weniger Publikumsdienst und weniger Stromverbrauch, vom Ministerium ersetzt werden?

Wir hoffen das – und orten bei Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek Verständnis. Aber es gibt keine Versprechungen. Zunächst sind wir gefordert, die Situation so gut wie möglich zu managen.

Bei den Bundesmuseen stehen Entscheidungen an. Der Vertrag von Karola Kraus, Direktorin des Mumok, dürfte verlängert werden. Wie beurteilen Sie das Verfahren für die Leitung des Naturhistorischen Museums? In die Jury wurden Personen berufen, die befangen sind.

Ich habe Ihren Artikel gelesen, kenne aber nicht alle Fakten. Ich würde mir wünschen, dass diese Besetzungsverfahren zeitgerecht begonnen werden, mindestens ein Jahr vor Ablauf der Funktionsperiode. Wir reden hier von großen Kultureinrichtungen mit langfristigen Planungen. Die Entscheidung erst wenige Monate vor Ablauf des Direktorenvertrags zu fällen, finde ich auch respektlos gegenüber den Institutionen.

Und nun soll, so das Koalitionsabkommen, eine Bundesmuseen-Holding kommen. Als Sprecherin der Direktorenkonferenz kritisieren Sie das Vorhaben.

Wir haben eine einheitliche Meinung: Wir halten eine Holding für verzichtbar, weil die Synergien, die möglicherweise gehoben werden, in keiner Relation zu den Kosten stehen, die eine solche Organisation verursachen würde. Darüber hinaus arbeiten die Häuser bereits sehr gut zusammen und stimmen sich in vielen Bereichen ab.

Könnte es nicht eine Aufgabe der Holding sein, Verdoppelungen bei Ankäufen oder im Programm zu vermeiden?

Staatssekretärin Lunacek hat klar gesagt, dass es bei der geplanten Holding nicht um Einmischung in künstlerische und wissenschaftliche Aufgaben geht, sondern um Synergien in wirtschaftlichen Bereichen, gemeinsames Ticketing und Gebäudemanagement. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Letzteres von einer Holding übernommen werden könnte. Denn für die meisten Gebäude ist die beim Wirtschaftsministerium ressortierende Burghauptmannschaft zuständig. Ich halte das für nicht umsetzbar.

Das in der ÖNB verankerte Haus der Geschichte taucht im Regierungsabkommen nicht auf. Die Pressesprecherin hat das sinkende Schiff bereits verlassen.

Klar ist, dass das Haus der Geschichte in dieser kleinen Form nicht weiterarbeiten kann. Denn es fehlt in der Neuen Burg der Platz für Wechselausstellungen. Die Redimensionierung war eine Fehlentscheidung vom damaligen Kulturminister Thomas Drozda. Man hätte die Idee von Vorgänger Josef Ostermayer – ein Museum mit 3.000 Quadratmetern – umsetzen sollen. Aber gut, das ist nicht passiert. Nun wurde das Museum evaluiert, die Fakten liegen auf dem Tisch, spätestens bis zum Sommer 2021 muss eine Entscheidung gefällt werden. So lange laufen die verlängerten Leihverträge der ausgestellten Objekte.

Ein Neubau wird sich bis dahin nicht ausgehen.

Ich persönlich halte eine gemeinsame Lösung mit dem Heeresgeschichtlichen Museum für überlegenswert. Denn dort gibt es Handlungsbedarf. Und es gibt ein Gebäude, das Arsenal: gleich beim 21er Haus, der Erste Stiftung und dem Belvedere.

Das HGM steht aber eher rechts. Führt das nicht zum Krieg der Kuratoren?

Voraussetzung wäre ein völlig neues Museumskonzept. Unterschiedliche Denkweisen oder Ausrichtungen zusammenzuführen: Das ist schwierig, aber nicht unlösbar. Und eine solche Zusammenführung wäre relativ rasch umsetzbar.

Im Herbst erschien der Rechnungshofbericht über die ÖNB. Er ist echt langweilig…

Sie könnten auch sagen, dass er sehr gut ausgefallen ist und deshalb als langweilig empfunden wird.

Stimmt. Bis auf ein Detail: Laut RH führt die ÖNB eine Inventur durch. In der Bibliothek am Heldenplatz würden seit 2015 zwei Personen daran arbeiten. Der geplante Abschluss sei nun von 2026 auf 2039 verschoben worden. Ich sehe diese beiden Jammergestalten vor mir, die noch 19 Jahre lang Buch für Buch prüfen müssen. Das ist ja schlimmer als in den Erzählungen von Franz Kafka.

Das ist die erste Bestandsrevision seit mehr als 200 Jahren! Und es gibt zwölf Millionen Bücher und andere Objekte. So eine Aufgabe kann man nicht von heute auf morgen umsetzen, das ist auch nicht notwendig. Wir arbeiten auf der Grundlage eines Masterplans mit ausgebildeten Bibliothekaren, die im Sinne eines guten Benützungsservices die Korrekturen der Revision im Onlinekatalog umsetzen. Mehr Personal einzusetzen ist nicht möglich, denn wir haben das Projekt aus dem laufenden Budget zu finanzieren.

Jetzt hätten Sie viele Mitarbeiter zur Verfügung…

Selbstverständlich werden unsere Mitarbeiter, die im Kundendienst tätig sind, nun – soweit es möglich ist – für andere Aufgaben eingesetzt. Auch für die Revision.

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