Kultur
22.10.2017

"Die Leute wissen gar nicht mehr, auf wen sie wütend sein sollen"

Filmemacher und Autor David Schalko über die große Krise der linken Parteien, das "unsichtbare Establishment" und fehlende Narrative

KURIER: Was ist bloß passiert?

David Schalko: Was eigentlich mehr oder weniger überall passiert ist in Europa: Dass das Migrationsthema so vorherrschend ist, dass es alle anderen Ebenen übertüncht. Einerseits, weil es eine reale Problematik dahintersteckt, die nicht stark genug benannt wurde. Und weil es ein emotionales Thema ist, das sich von der Politik leicht missbrauchen lässt. Es hat natürlich auch etwas mit einer substanziellen Krise aller linken Parteien zu tun.

Die Themen, für die ein progressives, weltoffenes Milieu steht, sind abgewählt worden.

Man kann das wohl nicht mehr anhand von klassischen Milieus betrachten. Sondern eher, dass es eine Art der Gefühls-Milieus gibt. In Deutschland sitzen die AfD-Wähler sowohl im Großbürgertum als auch in der Arbeiterschicht. Ich glaube, dass die SPÖ und die Grünen tendenziell von denen, die ich als die "Moralischen" bezeichnen würde, gewählt werden und die FPÖ und die ÖVP entweder von den "Beleidigten" oder von denen, die halt wirklich unter diesem Kulturkampf leiden, der nicht deutlich genug benannt wird.

Man kann die Wahl auch als Absturz bestimmter Eliten mit ihren lästigen Diskursen über das Binnen-I sehen.

Die ganze Politik wird zunehmend auf einen Kulturkampf reduziert. Entweder es geht um Islam oder ähnliche Dinge. Oder es geht um die richtige Art, wie man leben soll. In einem gewissen Bobo-Milieu herrscht eine Art Missionars-Arroganz vor à la: "Wir wissen, wie man besser leben soll." Obwohl man gleichzeitig aber in einer Blase lebt. Daher kommt ja auch dieser Zorn auf diese Leute. Ich glaube aber auch, dass sehr viele Eliten den Sebastian Kurz gewählt haben. Deswegen kann man nicht sagen, dass die ÖVP eine Anti-Establishment-Partei ist. Dafür hat sie auch zu viele Großspender.

Aber das Establishment ist unten durch, oder?

Die Leute wissen gar nicht mehr, auf wen sie wütend sein sollen. Das wirkliche Establishment ist ein unsichtbares: Das zeigt sich in der Öffentlichkeit nicht. Das sind Leute, die abgekoppelt sind von dieser Gesellschaft. Diese sind nicht mehr greifbar. Daraus entsteht, glaube ich, auch so eine diffuse Wut. Man führt, wie immer in solchen Fällen, einen Stellvertreterkrieg. So wie man das mit der Ausländerfrage tut.

Sie haben mit einer Plattform dafür plädiert, im Wahlkampf nicht alles auf Ausländer zu schieben...

... was ja, wie wir am Wahlergebnis sehen, wahnsinnig gut funktioniert hat (nimmt einen Schluck Tee).

… das Wahlergebnis zeigt vielleicht auch: Politik ist immer noch 90 Prozent Bauchgefühl.

Viele Leute schauen in eine ungewisse Zukunft, man kann sich auf vieles nicht mehr verlassen. Und es gibt nicht nur die diffuse Angst vor einem Kulturkampf – er findet ja auch tatsächlich statt. Dazu kommt, dass viele Menschen der Politik nicht abnehmen, dass sie noch im Auftrag der Menschen unterwegs ist, weil sie ein Konkubinat mit der Wirtschaft eingegangen ist. Die Leute wollen aber gesehen und endlich mal angehört werden. Ich glaube, dass die einfach von der Politik nicht ernst genug genommen wurden. Letztlich nimmt sie auch die Sozialdemokratie nicht ernst – die hat sich am Migrationsthema so gut es geht vorbeigeschummelt.

Was könnte denn die Gegen-Erzählung der Linken sein, die sie denen anbieten könnte, die sich von ihr politisch abgewendet hat?

Das Problem ist, dass sich die Sozialdemokratie sehr stark über eine Staatsaufgabe definiert, die nichts mehr mit der Lebensrealität von Menschen zu tun hat. Menschen, die selbstständig sind, oder solche, die wissen, dass sie in einem Jahr vielleicht keinen Job mehr haben, sind viel stärker auf sich selber zurückgeworfen, als das vor 20, 30 Jahren der Fall war. Die glauben nicht mehr, dass der Staat ihr Leben organisieren kann – oder dass er das überhaupt soll. Für diese "Vogel-freiheit" oder "Zurückgeworfenheit" müsste man ein Narrativ entwickeln. Es fehlen in der Sozialdemokratie natürlich auch die großen Würfe wie im 20. Jahrhundert, wo sie freien Zugang zur Bildung oder soziales Wohnen schuf.

Mit der Übernahme der Partei durch Christian Kern im Vorjahr schien es kurz eine Art Narrativ für die SPÖ zu geben.

Nein. Es gab die Ankündigung eines Narrativs. Und dann gab es einen Plan A, der ein Maßnahmenkatalog ist. Das ist aber etwas anderes als ein Gesellschaftsentwurf.

Es gibt die populäre These, dass die Linke die Menschen mit den Auswirkungen des Neoliberalismus alleingelassen hat, gleichzeitig aber auf immer abgehobenere, moralische Codes gepocht hat, die bitteschön einzuhalten seien. Deswegen wählen sie Rechtspopulisten. Auch bei uns?

Wenn man das eigene Milieu verraten hat, aus dem man ursprünglich kommt, verzeihen das die Leute nicht. Da gibt es ganz viele Schichten, die einfach nur von der FPÖ gesehen wurden. Auf eine billige Art zwar, auf Basis von Ressentiments – aber: Sie haben sie gesehen. Das Interessante ist wiederum, dass die Menschen, die Opfer des Neoliberalismus sind, jetzt jene wählen, die für ihn stehen – siehe Trump, aber auch Kurz oder Strache. Das liegt daran, dass sich offenbar die meisten potenziell auf der Gewinnerseite sehen. Die halten ihren Status quo für ein Missverständnis.

Als Moslem hat man dagegen nur mehr die Wahl vom österreichischen Populisten als Feindbild instrumentalisiert zu werden, oder sich von Leuten wie Erdoğan vor den Karren spannen zu lassen. Ein Dilemma.

Genau daran erkennt man vermutlich, dass die Politik nicht viel mehr ist als ein Kulturkampf. Sie reduziert sich darauf, statt sich auf Sachpolitik zu konzentrieren. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass der Politik eine Rat- und Machtlosigkeit innewohnt. Wir müssen uns als Wähler fragen: Was können wir einer Politik überhaupt noch zutrauen? Und die Politik müsste sich selber auch einmal fragen, was ein Staat überhaupt sein soll. Und was nicht.

Die Jungen und die Frauen wählen oft anders. Hat sich der ganze Populismus vielleicht bald von selbst erledigt?

Wo die Trauer und die Frustration drinstecken, ist, dass wir das Gefühl hatten, wir sind eine Generation, bei der es immer besser wird. So als ob man auf ein Ziel zusteuert, wo jedes absolvierte Level das Leben zunehmend verbessert. Jetzt begreift man langsam, dass das nicht stimmt: Wir stehen kurz vor einem dritten Weltkrieg, wir erleben eine Klimakatastrophe, die Wirtschaft geht den Bach hinunter ... Man verabschiedet sich vom Fortschrittsgedanken, dass die Welt Jahrzehnt für Jahrzehnt besser wird und sich in etwas entwickelt, das dann irgendwann einmal das Paradies ist. Abgesehen davon geht es uns zunehmend besser, weil es anderen zunehmend schlechter geht. Die ganze Fortschrittsverherrlichung ist zum Teil auch Heuchelei.

Die Frage ist, ob man damit konstruktiv umgeht.

So wie man die falschen Erwartungshaltungen an die Politik hat, hat man sie auch an das Leben selbst: Ich glaube, dass unsere Erwartungshaltung an das Leben viel zu hoch gesteckt sind. Deshalb gibt es auch diese Erlöserkulte in der Politik: Jeder, der das Heilsversprechen abgibt und sich als Messias aufspielt, wird sofort gewählt. Es gibt überhaupt keinen Sinn für Realismus mehr. Es gibt nur mehr Sinn für die Fiktion und für das, was einem versprochen wird, weil die Frustration so hoch ist. Ich glaube, wir sollten endlich wieder einmal einen Sinn und eine Liebe für Realismus entwickeln. Natürlich hat Politik immer über Gefühle funktioniert. Aber so unfaktisch wie jetzt war sie noch nie. Wir brauchen auch mehr Instinkt dafür, wem wir über den Weg trauen können und wem nicht. Da muss man sagen, dass Frauen viel bessere Wähler sind als Männer. Die haben nämlich viel mehr Gespür dafür. Eine intelligente Demokratie braucht intelligente Gefühle. Ich glaube, das müssen wir uns einfach auch ein bisschen anlernen: Wir müssen unsere Instinkte schärfen.

David Schalko (44) lebt und arbeitet als Produzent, Regisseur und Autor in Wien. Sein größter TV-Erfolg war die Serie "Braunschlag", danach drehte er für den ORF "Altes Geld". 2013 erschien sein Roman "Knoi"