© Kunsthaus Wien/Eva Szombat

Kultur
03/24/2019

Die Lederhose hat ausgedient: Die Fotografie entdeckt das Land

Während sich die Kluft zwischen Stadt und Land vertieft, sucht die Kunst nach neuen Bildern

Es gibt ein Kommunikationsproblem: Stadt- und Landbewohner wissen zu wenig voneinander. Während das rasante Wachstum der Städte zuletzt viel Aufmerksamkeit erfuhr, hat sich in vielen ländlichen Regionen ein Gefühl der Vernachlässigung eingeschlichen. Der Zuspruch zu Donald Trump und zum Brexit, aber auch die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich lässt sich unter anderem als Auflehnung der ländlichen Bevölkerung gegen die als abgehoben wahrgenommenen städtischen Eliten verstehen.

Dass der Konflikt auch kultureller Natur ist, weiß man in Österreich spätestens, wenn der Name Andreas Gabalier fällt. Wobei gerade der Sänger verdeutlicht, wie sich die Trennlinie zwischen Städtern und Landbewohnern verwischt hat: Trachten und andere Insignien der Ländlichkeit werden heute bei urbanen Wiesenfesten ausgeführt, städtischer Lifestyle wandert dafür auf digitalem Weg direkt in entlegenste Täler, wo sich Dörfer entvölkern und dabei dank vieler neuer Zweitwohnsitze trotzdem wachsen.

Es ist eine Herausforderung, diese Situation abzubilden. Dass es Kulturschaffende dennoch versuchen, zeigt ein Blick in die Programme einiger Kunsthäuser: „Über Leben am Land“ heißt die jüngste Schau , die das KunstHausWien eben eröffnete.

Fluchtpunkt

Die 20 Fotografinnen und Fotografen, die Kuratorin Verena Kaspar-Eisert auswählte, sind allerdings nicht darauf aus, den Wandel des Landlebens nüchtern-analytisch zu dokumentieren: Oft ist es eine persönliche Spurensuche – etwa beim Deutschen Philipp Ebeling, der seinen Heimatort nahe Hannover wieder aufsuchte und den Aufnahmen der Gegenwart Funde aus Familien-Fotoalben, teils aus der NS-Zeit, gegenüberstellt.Auch der Tiroler Lois Hechenblaikner kombiniert auf suggestive Weise Fotos von einst und jetzt: Ein Viehmarkt ähnelt da einem Parkplatz an der Bergbahn, eine Schafherde tritt in Beziehung zu Hansi-Hinterseer-Fans.

Viele Künstlerinnen und Künstler treffen einander in dem Anliegen, das gereinigte Bild ländlicher Idylle, wie es die Tourismuswerbung, aber auch eine wachsende Zahl von Magazin- und TV-Formaten verbreitet, zu unterlaufen. Sie stehen damit in einer langen Tradition, die die Ausstellung nur anreißt. Man könnte von den Tableaus von Heinz Cibulka und dem Langzeitprojekt „Heimat, Zyklus über Österreich“ von Paul Albert Leitner aber nahtlos in die Albertina wechseln, wo Manfred Willmanns ebenso ungeschminkte Blicke auf den ländlichen Alltag der 80er zu sehen sind.

Der Verdacht, Künstler würden nur auf die tristen Aspekte ländlichen Lebens abzielen, ist bei dieser alternativen Land-Fotografie schnell zur Hand, er lässt sich aber nur selten erhärten. Die meisten Protagonisten haben sich, so sie nicht ihr eigenes Lebensumfeld zeigen, intensiv mit ihren Sujets auseinandergesetzt. So verbrachte etwa Laura Henno zwei Monate in der kalifornischen Wüste, wo sich eine Gruppe in Armut geratener Menschen angesiedelt hatte: Das Landleben ist hier die letzte Zuflucht, dennoch behalten die Menschen in den Bildern ihre Würde.

Sehnsucht und Robotik

Die Bilder in „Über Leben am Land“ ringen dem Schwebezustand ländlicher Gegenden – oft zerrissen zwischen Aufbruch und Abbruch, zwischen Vision und Perspektivlosigkeit – Poesie ab.

Was sie nicht zeigen, ist die Transformation des ländlichen Alltags im Zeitalter von Digitalisierung und Robotik: Wie Architekt Rem Koolhaas (siehe unten) ausführt, wird Landarbeit zunehmend vom Bildschirm aus gesteuert, Serverfarmen werden baulich ununterscheidbar zu Schweinefarmen errichtet. Es gibt noch zu wenige Bilder, die diese neue Realität fassbar machen. Man darf allerdings davon ausgehen, dass die Lederhose und die Mistgabel als Insignien des Landlebens irgendwann endgültig ausgedient haben werden.

INFO: Aktuelle Ausstellungen

KunstHausWien: „Über Leben am Land“ versammelt bis 25.8.  neuere  Arbeiten zum   ländlichen Raum.  Die Schau ist Teil des Festivals „Foto Wien“.  

Volkskundemuseum Wien: Ab 4.4. versucht die Ausstellung "Retrotopia" ländliche Sehnsuchtsbilder zu ergründen. Ausgangspunkt ist ein Forschungsprojekt, das die umfassende Fotosammlung des Museums im Dialog mit alten und jungen Menschen diskutiert.

Albertina: Bis 26.5. zeigt das Museum die Werkschau des Fotografen Manfred Willmann, der Serien zum ländlichen Leben schuf, v.a. „Das Land“ (1981 – 1993).

Leopold Museum:  Auf Basis der Leopold-Sammlung zeigt die  Schau  „Wege ins Freie“  bis 28.4., wie  Künstler  ab der Biedermeierzeit das Land als Sehnsuchtsort entdeckten.