Violetta Schurawlow und Tobias Moretti in "Die Hölle"

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Kultur
01/19/2017

"Die Hölle": Ein Serienmörder macht Wien zur Hölle

Stefan Ruzowitzky verwandelt in seinem packenden Psychothriller Wien in ein hartes Pflaster.

von Alexandra Seibel

Der Blick aus dem Fenster ist grausig. Nicht nur, weil er in einen verranzten Hinterhof führt, sondern auch, weil dort eine Frauenleiche liegt. Übel zugerichtet. Ein Bild des Schreckens, das man lieber nicht gesehen hätte.

Aber es kommt noch schlimmer: Auch der Mörder der Frau steht noch im Hof. Und er hat gesehen, dass er gesehen wurde.

Drei tote Frauen in Teheran, zwei in Tripolis, Libyen... und jetzt auch in Wien.

Stefan Ruzowitzky, seit "Die Fälscher" Oscarpreisträger, bringt in seiner Heimatstadt die Tradition des "G’fäuden Wien" zum Vorschein. In nachtgeschwärzten, verregneten Bildern schleicht er durch triste Nebengassen und Rotlichtmilieus. Er verwandelt den harmlosen Schwedenplatz in einen Showdown zwischen Leben und Tod, den braven Donaukanal in eine tödliche Wassermasse und die nette Ringstraße in eine Rallyestrecke für Verfolgungsjagden.

Kongenial verbindet sich Ruzowitzkys Vorliebe für das amerikanische Genre-Kino mit seiner handwerklichem Kompetenz für Thriller und einem Gespür für Location: Wien-Noir als charismatischer Schauplatz des Verbrechens zwischen Wiedererkennungseffekt und Verfremdung.

Die junge, wortkarge Özge arbeitet als Taxifahrerin in Wien und trainiert nebenher Thaiboxen. Wenn ihr ein Kunde blöd kommt, bricht sie ihm ohne viel Federlesen die Nase. Doch nachdem sie vom Mörder der verstümmelten Frau gesehen wurde, wird ihr die eigene Wohnung zu unsicher. Auch der ermittelnde Polizeiinspektor scheint wenig vertrauenserweckend: "Bist du Türkin?", fragt er Özge. "Österreicherin", antwortet sie, und mit dieser Replik lässt Ruzowitzky souverän den "Menschen mit Migrationshintergrund"-Diskurs hinter sich; unaufdringlich und selbstverständlich erzählt er die Hauptstadt als Schmelztiegel.

Tiroler Kieberer

Violetta Schurawlow als kombattante Taxlerin erwies sich als guter Griff: Ihr Gesicht, nicht aus dem Fernsehen abgenutzt, sondern von spröder Schönheit, versteinert sich in seiner Verletzlichkeit zunehmend zur entschlossenen Rächerin.

Tobias Moretti als mürrischer Tiroler Kieberer brilliert mit räudigem Schmäh und barschen Umgangsformen. In jedem zweiten Satz lässt er landesübliche Rassismen durchschimmern (Thaiboxen ist natürlich "Türkensport"), liest aber in seinem gutbürgerlichen Zuhause Musil und hört Schubert. Im sonnigen Barock-Wien im ersten Bezirk lebt er, "der Bua" in Wohngemeinschaft mit seinem Vater: Ein umwerfender Friedrich von Thun spielt den Alten als dementen Lustgreis und liefert im Duett mit Moretti die komischsten Momente. Auch Robert Palfrader ist wieder einmal mit von der Partie und spielt einen Taxiunternehmer, der sich geschmeidig ins multikulturelle Weichbild der Stadt einfügt.

Gegen Ende hin verliert Ruzowitzky einige Grade an Coolness, indem er eine gefällige Liebesgeschichte durchgehen lässt. Auch die Religionsmotive des Frauenmörders füttern den Zeitgeist auf problematische Weise.

Aber eins ist klar: Stefan Ruzowitzky hat Wien schon bei Nacht gesehen. Als saftigen Psychothriller in Top-Besetzung.

INFO: D/A 2017. 92 Min. Von Stefan Ruzowitzky. Mit Violetta Schurawlow, Tobias Moretti.

KURIER-Wertung:

Von schierer Verzweiflung und entwaffnender Komik

Der Winter in Manchester by the Sea, Massachusetts, ist so eisig, dass man nicht einmal mehr Begräbnisse durchführen kann. Der Boden ist einfach zu hart gefroren. So muss die Leiche des alleinerziehenden Vaters Joe so lange im Tiefkühler warten, bis es Frühling wird.

Für seinen Teenagesohn eine schwere Herausforderung, und auch für Joes Bruder Lee: Dieser wollte nur zum Begräbnis des Bruders in die Heimatstadt zurückkehren, in der ihn ein traumatisches Erlebnis niederschmetterte. Nun soll er bleiben und die Vormundschaft seines Neffen übernehmen – eine Aufgabe, der er sich keineswegs gewachsen fühlt. Kenneth Lonergans feinzieseliertes Porträt eines trauernden Mannes und seiner inneren Verwüstung schlägt alle Zwischentöne an – von schierer Verzweiflung bis zur entwaffnenden Komik. Casey Affleck bringt trotz – oder gerade wegen seiner Sprachlosigkeit ganze Gefühlswelten zum Schwingen. Ein Meisterwerk der Emotionen, verortet im klaren Realismus eines working class Fischerstädtchens in New England.

INFO: USA 2016. 137 Min. Von Kenneth Lonergan. Mit Casey Affleck, Michelle Williams.

KURIER-Wertung:

Trauerarbeit mit Hilfe von arbeitslosen Schauspielern

"Der Tod" ist eine weiße alte Dame und sieht aus wie Helen Mirren. "Die Liebe" ist jung und ebenfalls weiblich (Keira Knightley) und "die Zeit" ein schwarzer Typ mit einem Skateboard (Jacob Latimore).

So hat sie sich der trauernde Familienvater nicht vorgestellt, als er ihnen jeweils einen Brief schrieb – dem Tod, der Liebe und der Zeit. Umso größer seine Verblüffung, als die drei tatsächlich in menschlicher Gestalt bei ihm auftauchen und mit ihm zu diskutieren beginnen. Dass es sich um arbeitslose Schauspieler handelt, die seine Geschäftspartner engagiert haben, kann er nicht wissen.

David Frankels gelackter Tränendrüsendrücker erzählt davon, wie ein Vater (Will Smith) den Tod seiner Tochter bewältigen muss. Vollgestopft mit Lebensweisheiten aus dem Selbsthilferegal und zugekleistert mit offensiver Affektmusik, betreibt ein Star-Ensemble (von Kate Winslet bis Ed Norton) aufdringliche Trauerarbeit. Wann immer genuines Gefühl aufzuflammen droht– es wird von triefendem Emotionskitsch erledigt.

INFO: USA 2016. 97 Min. Von David Frankel. Mit Will Smith, Edward Norton, Helen Mirren.

KURIER-Wertung:

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