Kultur
30.11.2016

Die brachiale Kraft der Zerstörung

Aufbegehren mit den Mitteln des Nichtskönners: John Lydon und Sid Vicious © Bild: /Ho

Der wildeste Schauplatz der Rockgeschichte sieht heute ziemlich alt aus. Vieles hat der Punk ermöglicht, am Weltenlauf ist er letzten Endes grandios gescheitert.

Punkjahre sind Hundejahre: Nach vier Jahrzehnten ist das wildeste Streitross der Popkultur stark gealtert. Die Generation Y bedient sich in ihrem Retrokult entweder an konventionellerer Rockmusik oder sampelt sich auf dem Rap-Highway in die Zukunft. Instabile Gefäße sind kaum gefragt, aus "No Future" wurde braves "Zero Waste".

Das 40-Jahre-Punk-Jubiläum, das heuer begangen wird, orientiert sich an den Sex Pistols, die am 26. November 1976 ihre skandalöse Debütsingle "Anarchy in the UK" veröffentlichten und bis zu ihrer Auflösung mit Radau in Film, Fernsehen und Zeitungen die beste PR für das eben erst entstandene Rockgenre lieferten. Ihre zynische Antihymne "God Save The Queen" wurde breitflächig verboten, verkaufte sich aber, als hätte man Geld zum halben Preis im Angebot. Die Nummer eins auf den britischen Charts blieb damals ausgerechnet Rod Stewart vorbehalten, der sich der Legende nach nur deswegen an der Spitze halten konnte, weil die Hitparade von der Plattenindustrie zuungunsten der Sex Pistols manipuliert worden sei.

Trostlose Realitäten

Die Band um John Lydon ("Rotten") und Sid Vicious war ein einziger nihilistischer Aufschrei gegen trostlose Realitäten. Die Proponenten einer verlorenen Generation der chancenlosen Loser erklärten dem Establishment und den freundlichen Hippies den Krieg. Kein Tabu war heilig: Lydon schmückte sich mit Hakenkreuzen, erklärte die Monarchie gleichzeitig für faschistisch und breitete über all das die Aura des leidenschaftlichen Amateurs, der eigentlich nur hassen mag.

Punk war Aufbegehren mit den Mitteln des Nichtskönners. Drei Akkorde, aus Zeitungen ausgeschnittene Buchstaben als Grafik-Artwork, kunstvoll zerrissene Kleidung - jeder konnte und kann dabei sein. Nach diesem reinigenden Gewitter war vieles möglich: New Wave, Hardcore, Heavy Metal, Grunge... Punk selbst wanderte Anfang der 80er-Jahre in den Untergrund und zerfaserte dort in ungezählte Subgenres. Vom politisch korrekten Straight-Edge-Kult der drogen- und alkoholabstinenten Minor Threat in Washington D.C. bis zum sauf- und fußballverliebten Gegenteil, der Oi-Bewegung aus England. Jede Genrevermischung wurde stets mit äußerstem Naserümpfen betrachtet. Keine Splittergruppe war zu klein, um nicht streng abgegrenzte Publikumszirkel hinter sich versammeln zu können. Der Einfluss des Punk als stets verzerrte, niederschwellige Antihaltung zum geltenden Mainstream schob bis zum Ende der 90er-Jahre die Popkultur weiter an.

McLaren fährt nach New York und trifft Richard Hell

Über die Entstehung des Genres herrscht weitgehend Klarheit. Der Kunstmarketingmann Malcolm McLaren, der mit seiner damaligen Frau Vivienne Westwood in London Szeneklamotten verkaufte, reiste nach New York, wo er unter anderem auf Richard Hell traf, der seine Haare zu Stacheln gegelt hatte und seine zerrissenen Shirts mit Sicherheitsnadeln zusammenhielt. Mit dem Look im Kopf fuhr er zurück nach London und rekrutierte die wildesten Szenegänger, die sich rund um ihr Geschäft namens "Sex" herumtrieben.

Womit die beiden Epizentren der Punk-Revolution besprochen wären: Im damals völlig heruntergekommenen New York tobten sich Richard Hell oder die Ramones in den Undergroundclubs der Stadt aus, in London zündeten die Sex Pistols einen Medienskandal nach dem anderen an.

Erlösung

Kunst, Mode und Gesellschaft waren schnell bereit für die brachiale Erlösung vom Spießertum: Das Wort "Punk" wird im daraus entwachsenen Establishment noch heute mit Ehrfurcht ausgesprochen, als wäre die dahinter vermutete Haltung schon eine Lösung. In Wahrheit spielt der Punk im Jahr 2016 eine eher untergeordnete Rolle. Der zweite Aufsteiger aus den Ruinen der späten 70er-Jahre, die Hip-Hop-Kultur, blieb hier die nachhaltigere Energieform.

Punk hingegen war stets der bessere Hafen für Außenseiter, die im gegenseitigen Wiedererkennen Trost finden. Aufgestellte Haare, Nietenarmbänder, Leben im Prekariat ... Diese Codes versteht jeder, egal ob mit Sympathie oder mit Ablehnung. Die ultimative Rebellion der 70er-Jahre lässt sich aber nur mehr schwer nachahmen. Wer damals mit gefärbten kurzen Haaren und zerrissener Kleidung durch die Stadt lief, kassierte Watschen – oder Schlimmeres. Auch Frauen können davon ein Lied singen.

Das kollektive Entsetzen über den Energieausbruch dieser Rockspielart hat sich seither nicht mehr wiederholt. Nihilismus, Antikapitalismus, Kritik an den USA, am Krieg im Allgemeinen und Rassismus im Besonderen, Verteilungsungerechtigkeit: Themen, die der Punk in all seinen Schattierungen gern vor sich hertrug, verloren sich danach ziemlich im Weltenlauf. Nach 9/11 kristallisierte sich zunehmend heraus, dass der Feind nicht mehr so klar sichtbar ist. Der vorangetriebene ästhetische Zerfall wurde von einer zerbrechenden Gesellschaft überholt, die sich in das Althergebrachte rettete.