Helene Fischer: Musik wie aus dem Zufallsgenerator des Streamingdienstes

© APA/EPA/MATTHIAS BALK

Popmusik
08/05/2016

Frauen sind stark, Männer die Opfer

Der Journalist Jens Balzer diagnostiziert mit feinem Gespür, wie es dem Pop derzeit geht.

von Georg Leyrer

Man verfällt leicht in diesen raunzenden Eltern-Ton, vor allem, wenn man auf die Popmusik schaut: Was bist du groß und alt geworden. Und so verändert hast du dich!

Nur: Was genau anders geworden ist, ist gar nicht so leicht zu benennen. Vieles davon steht in einem überaus lesenswerten Buch des deutschen Journalisten Jens Balzer mit dem doch eher umfassend gehaltenen Titel "Pop". Balzer beschreibt darin mit feinem Gespür, wie der Pop heute ist – und warum.

Sein Blick ist erfreulich unsentimental: Längst ist die Popmusik in der Rückspiegelvergrößerung durch Nostalgie angelangt. Und manche Fans der frühen Stunden lamentieren ebenso ungeniert über einen "Niedergang" des Genres wie einst ihre Eltern über den Niedergang der Sitten durch die Musik der Langhaarigen. Nicht so der Autor: Er schaut, hört, benennt aktuelle Trends mit Interesse, wachem Blick und gutem Gefühl dafür, was neu ist – und wo dies an gesamtgesellschaftliche Entwicklungen andockt.

Nicht alles prickelt, manches sticht, den Exkurs über Bärte darf man getrost auslassen. Aber es gibt viele interessante Fingerzeige. Etwa die Dominanz der Frauen im Pop: Der leidende, selbstzerstörerische, dauergeile Mann an der Stromgitarre hat längst ausgedient. Stattdessen gibt es nun Frauen wie Adele. Die spielt bei den Musikverkäufen in einer eigenen Liga – mit einem Pop, der das normale Leben normaler Menschen, insbesondere: normaler Frauen spiegelt.

Die digitale Helene

Genau wie die hyper-erfolgreiche Schlagersängerin Helene Fischer. Schön die Beobachtung Balzers, dass ausgerechnet sie das Resultat des musikalischen Dauer-Überflusses ist, der aus dem Internet zu uns schwappt: Fischer lässt bei ihren Konzerten alle Stile spielen, von Kraftwerk-ähnlichem Elektro-Pop bis hin zu Funk (und auch ein bisschen Schlager).

Ein wilder, bezugspunktloser Mix, der früher, als Fans einer Band die Fans anderer Bands für zumindest ein bisschen blöde, jedenfalls aber für geschmackliche Frevler gehalten haben, undenkbar gewesen wäre. Fischer bringt nun ein Sammelsurium auf die Bühne, das wie aus dem Zufallsgenerator des Streamingdienstes kommt. Man hat sich daran gewöhnt – und sucht das im Konzert.

Im Gegensatz zur Frauenpower der männliche Opferpop: Harte Männer machen laute Musik, weil sie von Abwertungsängsten geplagt sind. Denn nicht nur Andreas Gabalier empfindet die Zeiten für Heteromänner als schwierig. Er und manche Geschlechtsgenossen sagen das auch immer wieder, um selbiges danach, bei Kritik, wieder zu relativieren.

Ein Muster: Auch die muskelbepackten Rammstein oder die politisch umstrittete Band Frei.Wild ziehen sich – wie Gabalier, den man zu Balzers Beispielen ergänzen müsste – in Diskussionen über ihre Musik "auf die Position des passiven Opfers" zurück, schreibt Balzer. Man zeigt sich als "unablässig missachtete und geschmähte Vertreter einer ehrlichen, handgemachten Musik", die Werte wie "Heimat und die heterosexuelle Kleinfamilie" hochhält. Hier trifft man sich ironischerweise mit dem Gangsta-Rap: Auch da stehen traditionelle Männlichkeit und Herkunft im Zentrum.

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