Der Schüler Gerber - Von Friedrich Torberg

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Foto: Kristian Bissuti „Die Schneeflocke, die auf seine Lippe fällt, ist wie ein kühler und flüchtiger Kuß. Wie ein Abschiedskuß.“ - Friedrich Torberg (1908 - 1979)

Torbergs Roman fasziniert durch großartige Schlüsselszenen. Unaufhaltsam wird man hineingezogen in diese düstere Version der „Feuerzangenbowle“.

Der Spätsommer war lau, und die Türe zum Klassenzimmer stand offen.“ So beginnt „Der Schüler Gerber hat absolviert“, wie der Originaltitel des 1930 erstmals veröffentlichten Romans lautete. Längst ist das Buch zu einem Klassiker der deutschen Literaturgeschichte geworden, längst hat sich Friedrich Torberg eingereiht in den Dichter-Olymp Österreichs. Und „Der Schüler Gerber“ ist ein Buch, das schwerlich vergessen wird, nachdem es einmal gelesen wurde.

Eine Erinnerung an den Inhalt: Kurt Gerbers (genannt „Scheri“) Kampf um die Matura und gegen den Mathematiklehrer „Gott Kupfer“. Das letzte Schuljahr ist für die Oktava angebrochen, der fast klischeehaft böse Lehrer Kupfer zum neuen Klassenvorstand geworden. Einer, der seine Macht genießt, der sich wirklich als Gott empfindet, wenn er seine Schüler vernichtet. Ein boshafter Mensch, „abgrundtief schlecht“, wie es im Roman heißt. Kurt Gerber wird kämpfen und verlieren, seine Niederlage wird durch zusätzliche Umstände forciert: Seine Jugendliebe Lisa wird er nicht erringen, sein Vater erkrankt schwer. Das Ende ist Selbstmord, obwohl er – der Leser erfährt es in der letzten Zeile des Romans – „von der Prüfungskommission für reif erklärt worden war“.

Der Roman fasziniert durch großartige Schlüsselszenen. Unaufhaltsam wird man hineingezogen in diese düstere Version der „Feuerzangenbowle“, die Streiche und Scherze verlangen hier Blutzoll. Unvergesslich etwa die erste Mathematikprüfung in der Gerber, den rettenden Spickzettel schon in der Hand, von Gott Kupfer erwischt wird. Ausnahmslos jeder Leser erschauert bei diesen Beschreibungen, fühlt sich selbst ertappt und in seine Schulzeit zurückgeworfen. Oder die zarten Bilder zwischen Kurt und Lisa, das Skifahren im Gebirge etwa oder die nächtliche Zugfahrt im Dunkeln.

Kurier Foto: Kurier Johanna Rachinger

Eine Erinnerung an die großartige Klarheit und Eindringlichkeit von Torbergs Sprache: Glasklar und doch intensiv führt uns der Autor durch die Strapazen einer Jugend. Der Erzähler ist ein allwissendes Wesen, das mühelos in die unterschiedlichsten Personen schlüpft. Und gerade in der Darstellung des jeweiligen Gedankenstroms brilliert Torberg: Wie etwa am Ende des Romans der Schüler Gerber zunehmend in Verwirrung, Verzweiflung und Panik verfällt, ist bis heute auf selten erreichte Weise dargestellt. „Das ist ein lebendiges Buch“, urteilte Kurt Tucholsky begeistert.

Friedrich Torberg, 1908 in Wien geboren, starb 1979 ebendort. „Der Schüler Gerber“, sein erstes und zugleich erfolgreichstes Buch schrieb er als 21-Jähriger, als er gerade selbst, nach einer Wiederholung, maturierte. Autobiografisch ist diese Abrechnung mit schulischen Machtstrukturen, aber auch angeregt von Zeitungsberichten über Schülerselbstmorde. Viele Bücher folgten Torbergs Erstling, der von seinem Mentor Max Brod an den Wiener Zsolnay-Verlag vermittelt wurde. 1975 etwa die anekdotisch geprägte „Tante Jolesch“, ein Longseller. Dazwischen lagen Verfolgung durch die Nazis, Emigration über die Schweiz und Frankreich in die USA, 1951 schließlich die Rückkehr in sein geliebtes Wien. In der Nachkriegszeit gründete Torberg die einflussreiche Kulturzeitschrift „FORVM“, übersetzte Ephraim Kishon und setzte den – politisch motivierten – Brecht-Boykott an den Wiener Theatern durch. Als „Jud vom Dienst“, wie er sich selbst belächelte, bespielte er die Kulturbühne, wurde eingeladen zu Rundfunk und Fernsehen und war im Gesellschaftsleben der Stadt schon damals ein intellektueller „Star“ – auf den man hörte.

(kurier / Johanna Rachinger) Erstellt am
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