"Der Markt ist eben enden wollend"

Franz Patay, Geschäftsführer der Vereinigten Bühnen Wien, über schlechte Auslastungszahlen und die Suche nach neuen Intendanten.

Schaffte heuer nur 62,5 Prozent Auslastung: das Musical „Schikaneder“ Verzichtet auf den Titel Generaldirektor: VBW-Geschäftsführer Franz Patay

Am 3. Oktober 2016 wurde Franz Patay zum Geschäftsführer der Vereinigten Bühnen Wien (VBW) bestellt – und damit zum Nachfolger von Thomas Drozda, der im Mai 2016 zum SPÖ-Kulturminister berufen wurde.

Laut Aussendung wollte Patay "noch bis Anfang 2017 als Rektor zur Verfügung stehen". Aber er ist nach wie vor Rektor der Musik und Kunst Privatuniversität, die bis Ende 2015 Konservatorium Wien hieß. Und er wird es noch länger bleiben. Obwohl es eine Ausschreibung gab. KURIER-Informationen zufolge wurde im April ein Dreiervorschlag erstellt – mit der Ex-Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl als Erstgereihter. Als Gründe für die Nichtbestellung werden u. a. Fraktionskämpfe innerhalb der SPÖ genannt.

Gegenüber dem KURIER will sich Patay dazu nicht äußern: Im Interview geht es ausschließlich um die VBW. Er versichert, seinen Vertrag mit fünf Jahren Laufzeit erfüllen zu wollen. Die Vorgänge rund um die MUK und Patays zwei Fulltimejobs werden jedoch Thema bleiben.

KURIER: Die VBW hatten letzte Woche eine Aufsichtsratssitzung. Was wurde bezüglich des Raimund Theaters beschlossen? Kommt es zu einer Erweiterung der Sitzplatzkapazität?

Franz Patay: Nein, wir haben uns für eine Sanierung des Hauses entschieden. Das Fundament ist aufgrund des gestiegenen Grundwassers sanierungsbedürftig, die Fassade muss erneuert werden. Es gibt Verbesserungsbedarf bei der Barrierefreiheit, den feuerpolizeilichen Auflagen – und die Sessel sind abgewetzt, wie Ihnen vielleicht aufgefallen ist.

Welche Kosten fallen an?

Die Kostenschätzung liegt knapp unter 13 Millionen Euro. Diese Summe wird jetzt auf Finanzierbarkeit geprüft – und dann wird das Projekt umgesetzt. Die Arbeiten können aber frühestens im Herbst ’18 beginnen.

Das Theater fasst 1200 Besucher. Damit man Musical kostenneutral produzieren kann, braucht man zumindest 2000 Sitzplätze. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, den Zuschauerraum zu vergrößern? Das wollte Ihr Vorgänger Drozda.

Wir haben uns zu dieser Variante entschlossen, weil es immer schwieriger wird, große Häuser zu füllen.

Die Staatsoper ist beinahe täglich zu 99 Prozent ausgelastet.

Ja, aber sie spielt jeden Tag ein anderes Stück. Und wir spielen monatelang das gleiche. "Schikaneder" kam seit der Uraufführung am 30. September auf 180.000 Besucher. Das ist schon sehr viel für ein einzelnes Stück!

Dabei waren die Vorstellungen extrem schlecht ausgelastet.

Extrem schlecht nicht, aber das Stück blieb unter den Erwartungen von 80 Prozent.

Unternehmenssprecherin Katja Goebel meinte im Dezember 2016, dass die Auslastung seit der Uraufführung im Schnitt bei 69 Prozent gelegen sei. Dem Geschäftsbericht entnehme ich, dass sie nur 65,5 Prozent betrug. Mehr als ein Drittel der Plätze blieb leer. Die letzte Vorstellung fand am 21. Juni statt. Welches Defizit hat "Schikaneder" produziert?

Wir haben mit "Schikaneder" keine Verluste gemacht. Der Produktionsdeckungsbeitrag ist niedriger ausgefallen als budgetiert, aber dennoch positiv.

Die Kartenerlöse der Vereinigten Bühnen insgesamt sind von 25,54 Millionen Euro im Jahr 2014 auf 24,3 Millionen und nun auf 22,53 Millionen gesunken. Zudem fiel die Subvention von ehemals 42 auf 39,5 Millionen Euro. Trotzdem haben die VBW positiv bilanziert. Wie geht das?

Indem wir zum Beispiel eine Rücklage in der Höhe von gut zwei Millionen aufgelöst haben. Aber nun wird es eng. Denn man hat uns kommuniziert, dass die Subvention der Stadt Wien heuer nicht angehoben werden wird.

Nochmals zu "Schikaneder". Welche Auslastung hat es im letzten halben Jahr erreicht?

Etwa 62,5 Prozent. Diese Zahl besagt aber nicht viel. Wenn wir "Schikaneder" nicht im Raimund Theater mit 1200 Sitzplätzen gespielt hätten, sondern im Ronacher mit 1000 Sitzplätzen, hätten wir eine Auslastung von 80 Prozent erreicht.

Dann handelt es sich um einen Fehler bei der Programmierung der Häuser. Oder ist es überhaupt noch sinnvoll, zwei Musical-Häuser zu führen?

Wir haben den Auftrag, eigene Stücke zu entwickeln. Und die Verwertung der Musicals im Ausland generiert Einnahmen. Aber aufgrund der jüngsten Erfahrungen werden wir unsere Uraufführungen ab dem nächsten Jahr im kleineren Ronacher herausbringen. Und im Raimund Theater zeigen wir Tour- und Lizenzproduktionen – auch um eine gewisse Ausdifferenzierung des Angebots zu erreichen. In der Vergangenheit haben wir in beiden Häusern ein ähnliches Publikum angesprochen. Und da ist der Markt eben enden wollend.

Vielleicht ist auch die Zeit für Uraufführungen vorbei?

Das glaube ich nicht. "Schikaneder" wurde gut bewertet, es hat nur quantitativ nicht gepasst. Vielleicht war der Titel falsch gewählt. Wir beide wissen, wer Emanuel Schikaneder war, aber viele können mit dem Namen nichts anfangen – und schon gar nicht die Besucher mit wenig Bezug zur Wiener Geschichte. Fast die Hälfte unseres Publikums kommt aus den Bundesländern. Wir müssen Titel finden, die mehr Assoziationen wecken.

Dann müsste "Don Camillo & Peppone" besser laufen. Die Fernsehserie kennt man allerorts. Wie läuft dieses Musical?

Wir liegen bei knapp über 70 Prozent. Aber die Vorverkäufe für die Herbst-Premieren "I Am From Austria" ab 16. September und "Tanz der Vampire" ab 30. September sind erstaunlich positiv: Wir liegen weit über den Vergleichszahlen, haben pro Musical bereits an die 40.000 Karten verkauft.

"I Am From Austria" ist ein Musical mit den Songs von Rainhard Fendrich. Worum geht’s?

Eine romantische Lovestory in einem Wiener Nobelhotel, auch der Opernball ist Thema. Die Handlung ist mit den Songs ähnlich humorvoll verwoben wie bei "Ich war noch niemals in New York".

Der Librettist ist ja mit Christian Struppeck, dem Musical-Intendanten, der gleiche.

Fendrich hat sich das Team Struppeck und Titus Hoffmann gewünscht.

Struppeck fungiert öfters als Librettist. Und er setzt zum dritten Mal seinen Freund Andreas Gergen als Regisseur ein – wie bei "Besuch der alten Dame" und "Don Camillo und Peppone". Was sagen Sie dazu?

Dass wir das in Zukunft nicht mehr machen werden. Obwohl Gergen ein guter Regisseur ist. Ich kann nur über meine eigenen Entscheidungen sprechen. Und ich möchte solche Fragen nicht gestellt bekommen. Das betrifft nicht nur diese Freundschaft, sondern jede.

Und dass sich der Intendant selber beauftragt?

Ich bin dafür, projektbezogen die Besten zu engagieren. Der Spruch "Variatio delectat" ("Abwechslung erfreut", Anm.) gilt ganz besonders für diesen Bereich.

Die Verträge von Struppeck und Roland Geyer, seit 2006 Intendant des Theaters an der Wien, laufen 2020 aus. Im Frühjahr wurden die beiden Jobs ausgeschrieben, es gibt 50 Bewerbungen. Zwei Drittel interessieren sich für das Opernhaus, ein Drittel für das Musical. Wann wird die Entscheidung fallen?

Mein persönlicher Zeithorizont ist, dass wir nach den Sommerferien zu einem Ergebnis kommen.

Laut "News" will Gerhard Weis als Aufsichtsratsvorsitzender Geyer halten. Stimmt das?

Nein, es ist nichts ausgemacht, es wurden keine Vorentscheidungen getroffen. Dann hätten wir ja gar keine Ausschreibung machen müssen. Wir wollen im Interesse der VBW die besten Köpfe.

Roland Geyer, Jahrgang 1952, wird 2020 längst das pensionsfähige Alter erreicht haben.

Das ist aber kein Grund gegen eine Vertragsverlängerung. Ioan Holender war bis zu seinem 75. Lebensjahr Staatsoperndirektor.

Man konnte sich auch für beide Intendanzen gemeinsam bewerben. Wird es den "Wunderwuzzi" geben können?

Ich habe genügend Einblick bekommen – und kann mir kaum vorstellen, dass eine Person parallel beide Bereiche leiten kann. Die Aufgaben sind zu unterschiedlich.

Was wollen Sie noch loswerden?

Die VBW werden immer als Geldvernichtungsmaschine dargestellt. Dem ist aber nicht so. Mit einem Eigendeckungsgrad von 50,47 Prozent sind wir einer der sparsamsten Theaterbetriebe hierzulande. Vor allem die Berichterstattung über das Musical finde ich nicht fair – gegenüber den Mitarbeitern, die sich jeden Tag anstrengen, das Publikum zu erfreuen.

Die Medien üben ja nicht Kritik an den Darstellern, sondern an der Kulturpolitik, die das Musical sehr hoch subventioniert.

Wir wissen, dass sich unsere Musicalbesucher aus allen Einkommens- und Bildungsschichten zusammensetzen. Ich finde, dass man auch deren Kulturerlebnisse subventionieren soll. Diese Menschen haben das Recht, herausragende Produktionen zu sehen – und zwar nicht in einer riesigen Halle am Stadtrand, wo man einen Feldstecher braucht, sondern in einem schönen Theater wie dem Ronacher.

(kurier) Erstellt am
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