„Zehn Jahre hat mich Marie begleitet, es ist nicht einfach, mich von ihr zu verabscheiden“, sagt Jean-Philippe Toussaint über seine Protagonistin.

© /Joachim Unseld

Jean-Philippe Toussaint
10/27/2014

Der literarische Lebensmensch

Der belgische Autor erzählt, wie schwer ihm die Trennung von seiner Hauptdarstellerin fiel.

von Barbara Mader

Es beginnt mit einem Kleid aus Honig. Nach einer Robe aus Rosmarin und einem Gewand aus Meerestieren will Marie die Schneiderkunst an die Spitze treiben: Sie will die Haute Couture ohne Couture, also die Nähkunst ohne Naht erfinden.

Die Präsentation des Honigkleides wird von einem Bienenschwarm begleitet, der am Ende außer Kontrolle gerät. Maire aber wird behaupten, alles sei Teil der Show.

Marie ist Künstlerin und Protagonistin von Jean-Philippe Toussaints vierteiliger Romanserie, die nach "Sich lieben", "Fliehen" und "Die Wahrheit über Marie" mit dem nun vorliegenden letzten Teil "Nackt" endet.

Liebeserklärung

"Zehn Jahre hat mich Marie begleitet, es ist nicht einfach, mich von ihr zu verabscheiden", sagt Toussaint im Gespräch mit dem KURIER. Dantes Zitat "Von ihr in einer Weise sprechen, wie noch keiner je gesprochen" stellt er seinem Buch voran. Ein Satz, den Dante seinem "Lebensmenschen" Beatrice widmete. "Eindeutig eine Liebeserklärung", sagt Toussaint, für den Hauptdarstellerin Marie ein literarischer Lebensmensch ist.Er ist seiner Protagonistin als Schriftsteller, Filmer und Fotograf sehr nahe, denn beide sind Künstler.

Die Parallelen zwischen dem Schreiben und anderen künstlerischen Ausdrucksformen liegen für Toussaint auf der Hand: "Ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts machte natürlich keine Filme. Doch heutzutage haben wir über das Schreiben hinaus auch andere Möglichkeiten, unsere Sicht der Welt zu beschreiben. Ich will ein Künstler von heute sein und das bedeutet, all diese Möglichkeiten auszuschöpfen."

Die Filme des Experimentalkünstlers Toussaint wurden bereits im Pariser Louvre gezeigt. Demnächst hat er vor, der Horrorszene mit dem Bienenschwarm aus seinem Buch einen Kurzfilm zu widmen. Seine Hauptdarstellerin Marie würde das zweifellos auch tun.

1957 in Belgien geboren, lebt Toussaint heute in der Hafenstadt Ostende sowie in der korsischen Heimat seiner Frau, die ihn zur Honigszene inspiriert hat: Auf Korsika leben viele Imker, die Honig von den duftenden Macchia-Feldern herstellen. Als durchaus ironische Hommage ist der Untertitel von Maries Bienen-Horror-Show zu verstehen: "Macchia im Herbst".

Toussaint ist ein Mann der vielen Talente. Er war Juniorweltmeister im Scrabble, hat Abschlüsse der Französischen Eliteunis Sciences Po und DEA und arbeitete als Lehrer in Algerien. Zu schreiben begann er früh, schickte seinen ersten Roman "Das Badezimmer" an den Schriftsteller Alain Robbe-Grillet, über dessen Umweg das Manuskript beim legendären Verlag "Éditions de Minuit" landete, der Toussaint seit 1985 publiziert. "Ich war kaum dreißig, da wurde meine Arbeit von 25-jährigen Studenten an der Uni besprochen, das gefiel mir", erinnert sich Toussaint schmunzelnd.

In Deutschland wurde er zunächst bei Hanser, dann bei Suhrkamp verlegt, wo ihn Joachim Unseld, Sohn des legendären Verlagschefs Siegfried Unseld, übersetzte und förderte. Das Zerwürfnis der Familie hatte auch Folgen für Toussaint:"Als Joachim den Verlag verließ, sprach niemand mehr von meinen Büchern, ich verschwand in Deutschland zehn Jahre in der Versenkung. Bis Joachim Unseld mit der Frankfurter Verlagsanstalt seinen eigenen Verlag gründete und meine Bücher dort publizierte."

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