Kultur
30.03.2018

Der immer noch widerborstige Jubilar

Alfred Hrdlicka. Der Bildhauer und Grafiker wäre heuer 90 Jahre alt geworden. Galerist Ernst Hilger erinnert sich.

2018 ist das Jahr der Jubiläen. Doch neben den Todestagen von Klimt, Schiele und Kolo Moser, dem 80. Geburtstag von Günter Brus und dem 90er von Architekt Gustav Peichl gerät leicht in Vergessenheit, dass einer, den sie zu Lebzeiten „Titan“ nannten, heuer ebenfalls 90 geworden wäre: Alfred Hrdlicka, Bildhauer, Grafiker und politischer Widerborst, einst einer der prominentesten, kontroversiellsten Künstler Österreichs.

Einer, der sich erinnert, ist Ernst Hilger, der langjährige Galerist Hrdlickas. In der Dependance „Hilger Next“ in der ehemaligen Ankerbrotfabrik in Favoriten hat er bis Ende April eine Schau aus Radierungen und Bronzeskulpturen arrangiert.

Hrdlicka wird bei mir immer eine Rolle spielen“, sagt Hilger. „Irgendwie war er der Vater der Galerie.“ Die Laufbahn des Unternehmers war eng mit jener Hrdlickas verknüpft, seit er 1971 eine Hrdlicka-Radierung für Studenten um 360 Schilling anbot. Der Künstler wohnte zuletzt oberhalb der Galerieräumlichkeiten in der Doro-theergasse, man frühstückte mehrmals pro Woche miteinander. „Wir waren sozusagen sein Sekretariat. Hrdlicka hat sich mit vielen Leuten zerkracht, und ich habe versucht, Dinge wieder zurechtzubiegen. Ich habe auch viele Gegnerschaften von ihm geerbt“, sagt Hilger.

Schwieriges Erbe

Nicht geerbt hat Hilger die Betreuung des Nachlasses, der weiterhin in der Hand von Hrdlickas Witwe ist. Der Galerist will sich über das Verhältnis dezidiert nicht äußern und betont, dass er nur mit Werken aus seinem eigenen Bestand handle.

Hrdlicka habe Werke nie in Kommission gegeben, sondern wollte „immer gleich das ganze Honorar haben“, erzählt der Galerist. Er kaufte also bei ihm und verkaufte die Werke dann weiter. Bei Bronzegüssen wurden gewisse Auflagen (bei Kleinplastiken oft 30, bei großen Werken nicht mehr als neun) vereinbart. Aus Kostengründen wurde aber nur gegossen, was nachgefragt war. „Wir haben nach seinem Tod alles ausgießen lassen, was uns noch gehört, und kümmern uns jetzt darum“, sagt Hilger.

Das Preisniveau für Hrdlicka-Arbeiten ist heute moderat: Die größte Plastik in Hilgers Schau, der „Liegende Gladiator“ von 1988, schlägt sich mit 110.000 Euro zu Buche, Kleinplastiken sind aber schon ab 3.900 € zu haben, Radierungen zwischen 150 und 900 Euro. Auktionsergebnisse spiegeln dieses Preisniveau, wobei zuletzt nur wenige große Werke die Besitzer wechselten – etwa die Bronze „Boxer II“ um 63.000 € im Jahr 2016.

Gegen den Strich

„Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen, dass am Markt nicht viel los ist“, räumt Hilger ein. „Aber Joseph Beuys ist erst 20 Jahre nach seinem Tod wieder ,explodiert‘. Ich glaube, dass große Künstler Zeit brauchen, um ins Bewusstsein einzudringen. Und bei Auktionen sind die Werke zwar nicht teuer, aber sie werden gekauft.“

Als zeitgeistig lässt sich Hrdlicka kaum bezeichnen: Die schonungslose Körperlichkeit in den Skulpturen und die oft explizite Sexualität in den Grafiken sind in einem Kunstdiskurs, der alles durch die Linse der politischen Korrektheit betrachtet, vielleicht weniger konformistisch als je zuvor. Die Kraft der Werke ist aber nicht zu leugnen, sie fordert die Neubetrachtung förmlich heraus. Die letzte museale Hrdlicka-Schau fand 2010 statt. 2019 jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal. Auf die Anfrage, ob Projekte geplant seien, repliziert die Witwe des Künstlers, sie werde sich im April oder Mai melden.