© Metropolitan Museum of Art

Kunst
11/08/2019

Der fromme Avantgardist: Paris feiert den Maler El Greco

Eine Werkschau verdeutlicht die Magie des Griechen, dessen Stil die Barockmalerei aufmischte und die Moderne inspirierte

Es ist kein Zufall, dass die Werkschau des Malers El Greco im Pariser Grand Palais (bis 10. 2. 2020) mit zwei Legenden beginnt.

Gleich am Eingang, in einem 1580 gemalten Bild, hält eine Heilige Veronika den Betrachtern ihr Schweißtuch entgegen, darauf tritt plastisch das Antlitz Jesu hervor. Unweit daneben sieht man eines der frühesten bekannten Werke, das der 1541 als Doménikos Theotokópoulos auf Kreta geborene Künstler, der später „der Grieche“ hieß, um 1567 schuf: „Der heilige Lukas malt die Jungfrau Maria“ ist auf den ersten Blick eine typische Ikone, nur ein dreidimensional wirkender Arbeitstisch, der auch in einem modernen Künstleratelier stehen könnte, verrät, dass hier einer schon über die starren Grenzen der Darstellungstraditionen blickte.

Beide Geschichten sind so etwas wie die Grundlagen einer religiös begründeten Kunsttheorie: Im Fall der Veronika beansprucht ein Bild – der Abdruck von Jesu Gesicht, die „Vera Icon“ – den Status einer Reliquie, die mit dem Göttlichen in Berührung kam. Im zweiten Fall beansprucht ein Künstler – der Evangelist Lukas, dem angeblich die Jungfrau Maria Modell saß – den Status eines Heiligen, eines Mittlers zwischen Gott und Mensch. El Greco sollte ihn im Laufe seiner Karriere noch oft malen.

So stark wie Reliquien

El Greco war sehr interessiert daran, die Legitimität von Bildern zu verteidigen“, bekräftigt Kurator Guillaume Kientz im Gespräch mit dem KURIER. 1563 hatte das Konzil von Trient die Legitimität der Reliquien- und Bilderverehrung bekräftigt, Bildern aber einen eher belehrenden Charakter zugewiesen. „Greco wollte Gemälde schaffen, die genauso stark waren wie Reliquien“, sagt Kientz.Und starke Bilder sind es in der Tat, die der Kurator aus der ganzen Welt zusammengetragen hat.

Die Farbfeuerwerke aus Gelb und Rot, die sich auf dem „Modena-Triptychon“ (1567/’69), einem kleinen tragbaren Flügelaltar, abspielen, künden schon von extremen Visionen. Im Verlauf des Rundgangs steigert sich die Expressivität und malerische Finesse bei Heiligenbildern, Porträts und visionären Werken wie dem „Traum Philipps II.“ mit seinem riesigen Höllenschlund-Hund.

Das vier Meter hohe Altarbild der „Himmelfahrt Mariens“ (1577 – 1579) ist der Höhepunkt der Schau – es wurde extra aus dem Art Institute of Chicago, Kooperationspartner und ab März 2020 zweiter Standort der Schau, nach Europa geschafft.

Inspiration für Cézanne und Picasso

Selbst wenn die Motivation, überwältigende Bilder zu schaffen, bei dem in Venedig und dann in Toledo tätigen Griechen religiös motiviert war, lässt sich doch leicht nachvollziehen, warum El Greco von den Avantgarden des 19. und 20. Jahrhunderts verehrt und als Ahnvater der Moderne verklärt wurde: Auch die Kunst, die sich vom katholischen Bilderkult gelöst hatte, behauptete häufig von sich, zu etwas Höherem hinführen zu können. Dazu beanspruchte sie Freiheit – der überschwängliche Umgang mit Farben, die abenteuerliche Verzerrung von Körpern bei El Greco wies den Weg.

Vom umwerfenden Porträt des Kardinals Niño de Guevara aus dem Metropolitan Museum of Art (1600) führt der Weg zu Velázquez und weiter zu Francis Bacon; Von der „Öffnung des fünften Siegels“ (1610-1614, ebenfalls New York) zeigt der Pfeil zu Paul Cezanne und Picasso, der seine „Demoiselles d’Avignon“ nach dem Bild modelliert haben soll.

Der Anti-Caravaggio

Die Pariser Schau merkt solche Verbindungen wohl an, fokussiert aber nicht darauf: Die Entwicklungsgeschichte des Malers, der zunächst die venezianische Malerei von Tizian und Tintoretto aufsaugte, in den Künstlermetropolen Italiens aber Außenseiter blieb und und daher in Spanien seinen ganz eigenen Stil hervorbrachte, ist Betrachtungsstoff genug.

Von Caravaggio, dem Star der aktuellen Sonderschau im Wiener KHM (bis 19.1.), wusste El Greco wohl nichts, sagt Kurator Kientz. El Grecos ins Vergeistigte übersteigerte Renaissance-Malerei ist in vielem konträr zum extremen Realismus des Kunstrebells Caravaggio, der 30 Jahre nach dem Griechen auf die Welt kam und vier Jahre früher, 1610, starb. „Doch beide reagierten auf eine Krise der Malerei zu ihrer Zeit“, sagt Kientz. „Und beide verursachten eine bildnerische Revolution.“