Kultur
26.04.2017

"Der Feind ist nicht Facebook, der Feind sind wir selbst"

Bei den neuen technologischen Möglichkeiten liegen Chancen und Gefahren nah beieinander. Es stellen sich viele Fragen für den Menschen neu. Bei "4GameChanger" wurden diese diskutiert.

Die ersten Einschläge der Digitalisierung wurden mit gelassener Verwunderung zur Kenntnis genommen: Dass Anfang der Nullerjahr die Musikindustrie dank neuer Technologien von einem atemberaubenden Wandel getroffen wurde, wurde als interessant, aber nicht weiter bedauerlich abgestempelt.

Jetzt aber geht es um mehr als um Gratiskultur. Das Silicon Valley löst ein traditionelles Geschäftsmodell nach dem anderen auf, und die sozialen Medien bieten eine neue Öffentlichkeit, mit der umzugehen erst gelernt sein will. Diese Neuerungen berühren nun die sensibelsten Bereiche der westlichen Gesellschaft; und die geraten erstaunlich schnell ins Wanken. Die jüngsten Wahlkämpfe von weltweiter Bedeutung wurden von Fake-News-Störfeuer aus Russland begleitet; die westlichen Gesellschaften kämpfen mit einer Spaltung in Extremmeinungen und mit einer digital befeuerten Entsolidarisierung.

Die Nachrichtenmedien stöhnen unter dem Druck der großen US-Plattformen wie Facebook und Google, die Inhalte und, schmerzhafter noch, Werbegelder abziehen.

Und plötzlich fühlen auch viele anderen Branchen – und die Menschen selbst – den Digitalisierungssturm herannahen: Traditions–Autobauer beäugen die US-Ambitionen bei selbstfahrenden oder auch E-Autos mit Missmut. Amazon ist nicht nur Buchhändler, sondern längst weltgrößter Anbieter jener wichtigen IT-Dienstleistungen, von denen unzählige kleinere europäische Onlinefirmen abhängig sind. Die demnächst voll durchstartende Roboterisierung wird viele Arbeitsplätze obsolet machen. Und damit viele Menschen vor gewaltige Herausforderungen stellen.

Die breite Öffentlichkeit steht nun recht unvorbereitet vor der Diskussion, wie sich der Mensch in einer digitalen Zukunft zurechtfinden soll – und was von ihm übrig bleibt, wenn etwa die technologische Aufwertung des Menschen zum Cyborg oder auch zum gentechnisch ausgebesserten Supermenschen möglich sein wird.

Hier liegen neue Chancen auf engster Tuchfühlung mit vielen Problemen. "Technologie hat keine Ethik, die müssen wir dazutun", sagt Gerd Leonhard (siehe Interview unten und hier).

Europafrage

In diesem Moment des Aufbruchs regt sich nun das Bewusstsein, dass die europäischen Staaten, im Ideallfall gemeinsam, hier aktiv eine eigene Position finden müssen. Es dürfe nicht darum gehen, Konkurrenz wie Facebook zu verbieten oder aus Europa zu verbannen, sagt etwa PULS4-Chef Markus Breitenecker. "Es muss uns gelingen, unsere Energie, Ressourcen und auch Regulierung dazu zu bringen, eigene gute digitale alternative Destination selber zu bauen."

Der Sender lud am Dienstag beim 4GameChanger-Festival digitale Vordenker, Sportler, Künstler, Politiker und Medienmacher zur großen Diskussion über die Digitalisierung. Diese startete gleich mit einem heftigen Disput über die besten Strategien gegen Fake News, gegen jene Falschmeldungen also, die aus politischem oder wirtschaftlichem Kalkül online in Umlauf gebracht werden.

"Fake News sind beliebter als echte Nachrichten", sagte Randi Zuckerberg (siehe Interview unten). Ein Problem. Nicht zuletzt auch, weil diese auf den selben Plattformen leben wie die echten Nachrichten. Die sind keine neutralen Herrscher – und sie unterliegen weniger Regulierung als die europäische Konkurrenz.

Und "auch Algorithmen haben Schlagseiten", sagt Zuckerberg. Facebook zeigt keinen neutralen Nachrichtenmix, sondern jene Artikel, die der Nutzer mögen sollte. Und so bindet Facebook die Aufmerksamkeit – in einer endlosen Schleife der Selbstbezüglichkeit. "Wir haben den Feind gefunden: Der Feind ist nicht Facebook, der Feind sind wir selbst. Der Algorithmus tut, was wir tun", sagt Veit Dengler von der NZZ-Gruppe. Stellt sich die Frage nach dem Umgang damit: "Es ist das Recht einer Demokratie, sich zu verteidigen."

Dieses schwierige Umfeld sei auch eine Chance, sagten mehrere Diskutanten: Echter Journalismus könnte sich gegenüber den Fake News mit neuem Selbstbewusstsein behaupten. "Als Journalist verstehe ich mich als jemand, der die Regierung sehr kritisch anschaut. Jeden Tag", sagte KURIER-Herausgeber Helmut Brandstätter zu jemandem, der sich mit Fake News auskennt: Ivan Rodionov von Russia Today. Dort wird die Position des Kremls in alle Welt verbreitet. Aber "die Parteizeitungen gibt es auch nicht mehr. Weil sie keiner gekauft hat. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie Journalist sein oder Propaganda machen wollen. Wenn Sie Journalist sein wollen, müssen Sie Ihrer eigenen Regierung gegenüber kritisch sein. Das tut nicht einmal weh", sagt Brandstätter. Ein bisserl weh getan hat vielleicht die Verwandlung von Neil Harbisson: Er trägt eine Antenne im Kopf, kann damit telefonieren und fernschauen und gilt als erster Cyborg. Sein Auftritt zeigte, wohin die Reise des Menschen gehen kann. Wenn wir das wollen.

( Georg Leyrer)

Wir sollten Technologie umarmen, aber nicht Technologie werden

"Wir werden in zwanzig Jahren an dem Punkt angelangt sein, wo fast nichts mehr unmöglich ist", sagt Gerd Leonhard im Gespräch mit dem KURIER. Der deutsche Futurist und Humanist sprach bei 4GameChanger über das Thema "Technologie vs. Mensch".

Bei seiner Arbeit hält er es mit einem Zitat des Sci-Fi-Kultautors William Gibson: "Die Zukunft ist bereits hier, sie ist nur ungleichmäßig verteilt." Anders gesagt: "Die meisten Sachen, die wir in fünf Jahren sehen werden, sind schon hier. Wir müssen sie nur suchen und aufnehmen." Leonhard, der sich nicht Zukunftsforscher nennen will, sucht unablässig nach diesen Dingen. "Grundsätzlich bin ich ein Optimist", sagt er, "mit diesen Technologien können wir einen Lebensraum erreichen, der viel besser, menschlicher und freier ist. Aber wir müssen wirklich an einem Strang ziehen, um diese Technologien zu beherrschen". Es gehe darum, sich auf eine globale digitale Ethik zu einigen.

Drei schwierige Themenkomplexe sieht Leonhard auf uns zukommen: Künstliche Intelligenz, Genmanipulation und Geo-Engineering (Eingreifen u.a. ins Wettergeschehen, Anm.). "Man muss bedenken, dass Technologie zur mächtigsten Kraft der Gesellschaft geworden ist", daher gelte es zu überlegen, nicht alles zu machen, "nur weil es effizient ist oder weil es geht", sagt Leonhard. "Wir können wahrscheinlich in 15 bis 20 Jahren durch Genmanipulation den Krebs besiegen. Aber wir sollten dafür sorgen, dass mit der gleichen Technik nicht Supersoldaten gezüchtet werden." Eine solche Dynamik sieht Leonhard parallel zu den Atomwaffen-Arsenalen als große Bedrohung: "Wir brauchen nicht viel Material, um einen intelligenten Roboter zu bauen, der mit bösen Absichten bestückt ist. Wenn wir uns da nicht einig werden, was erlaubt ist und wer das kontrolliert, ist in fünfzig Jahren Game Over für uns."

Zu den aktuellen Gefahren zählt der Autor einen "vollkommen fehlgeleiteten" US-Präsidenten. Dieses Thema werde sich aber schon dieses Jahr von selbst erledigen, prognostiziert er, "weil Trump für alle Beteiligten immer mehr zur Last wird".

Die Zukunftsfrage sei eine andere, viel globalere. Bisher hieß es: Was geht überhaupt und was kostet es? Nun aber gelte es zu definieren: Was wollen wir überhaupt?

"Im ursprünglichen griechischen Sinne ist das menschliches Glück. Und nicht, ein Werkzeug zu werden," erklärt Leonhard. "Und wenn wir das wollen, müssen wir alles, was wir erfinden, an diesem Ziel messen. Wir sollten Technologie umarmen, aber nicht Technologie werden."

( Peter Temel

Das gesamte Interview lesen Sie hier

Randi Zuckerberg: "Wir alle nutzen Social Media freiwillig"

Randi Zuckerberg wollte eigentlich Opernsängerin werden, doch Harvard verweigerte ihr die Aufnahme im Musik-Zweig der Universität. Dann studierte sie stattdessen Psychologie. „Das war im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte“, erzählt die Schwester vom Facebook-Gründer Mark Zuckerberg beim 4GameChangers Festival in Wien.

Jetzt ist die 35-Jährige eine erfolgreiche Unternehmerin und Gründerin von „Zuckerberg Media“. Sie bezeichnet sich selbst als Aktivistin und setzt sich dafür ein, dass Frauen in der Technik-Welt mehr zutrauen. Die futurezone traf Randi Zuckerberg in Wien zum Gespräch.

Futurezone: Sie sind die Schwester von Mark Zuckerberg. War das für Sie bei der Unternehmensgründung ein Vorteil oder ein Hindernis?
Randi Zuckerberg: Beides. Ich bin sehr froh, Zuckerberg zu heißen. Der Name ist verknüpft mit Unternehmertum. In den USA glauben viele an den amerikanischen Traum und neben Namen wie Rockefeller denken viele dabei dank meines Bruders auch an Zuckerberg. Das ist sehr hilfreich und hat mir viele Türen geöffnet. Auf der anderen Seite werden Geschwister oder Kinder von Berühmtheiten oft nur nach dem Namen beurteilt. Ich bin zwei Jahre älter als Mark und war der erste von uns in Harvard. Ich habe für alles, was ich in meinem Leben erreicht habe, hart gearbeitet. Seit ich mein eigener Chef bin, arbeite ich noch härter.

Sie haben sieben Jahre bei Facebook als Marketing-Managerin gearbeitet. Wollten Sie schon während der Zeit Unternehmerin werden, oder wie kam es dazu?
Bei Facebook gab es Freitagabend nach der Arbeit immer sogenannte Hackathons (Anmerkung: Events zur kollaborativen Software- und Hardwareentwicklung) . Dazu blieb man bei Facebook nach einem Arbeitstag im Büro und arbeitete die ganze Nacht gemeinsam an Herzblut-Projekten. Um sechs in der Früh hat man das seinen Kollegen präsentiert. Diese Hackathons haben es ermöglicht, das man sein eigenes Unternehmen innerhalb des Unternehmens gründen konnte. Und für mich war das der Türöffner. Davor habe ich mich im Unternehmen nur als die Person gesehen, die andere Ideen vermarktet. Durch die Hackathons habe ich gelernt, dass man keine Angst davor haben darf, zu scheitern. In so einer Kultur kann jeder zum Gründer werden.

Warum haben Sie Facebook dann verlassen?
Ich habe Facebook geliebt, aber ich konnte mich nicht weiter auf die Bühnen dieser Welt stellen, um andere Frauen dazu zu ermutigen, Unternehmen zu gründen, wenn ich es selbst nicht getan habe. Nach sieben Jahren bei Facebook habe ich mich dazu entschlossen, meine eigene Firma zu gründen. Mit Zuckerberg Media geht es mir jetzt genau darum, junge Frauen im Technik-Bereich den Pfad ins Unternehmertum zu zeigen und sie für Technik zu begeistern.

Warum ausschließlich Frauen?
Heutzutage gibt es weniger Frauen im Technik-Bereich als noch vor 50 Jahren. Da haben wir einen Rückschritt gemacht und das sehe ich als Problem, das man angehen muss. Wenn man Mädchen nicht schon in der Schule für Technik interessiert, bringt man sie später auch nicht mehr dazu. Ein paar Computerklassen werden daran selbstverständlich nichts ändern, das Problem ist vielschichtiger. Wir müssen die Praktiken und die Denke innerhalb von Unternehmen ändern und auch den Weg beeinflussen, wie Popkultur mit dem Bild von Frauen umgeht. Darüber könnte ich jetzt ewig sprechen, weil all meine Leidenschaft da drin steckt.

Sehen Sie sich als Aktivistin in diesem Bereich?
Alles, wofür ich mich einsetze, hat damit zu tun. Von der TV-Sendung bis zum Kinderbuch.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für Frauen im Technik-Bereich?
Da gibt es so viele, aber die wichtigste: Ich glaube, weil es so wenig Frauen in dem Bereich gibt, fehlt der Netzwerk-Effekt, also die Gemeinschaft, die bereits existiert, in der man sich austauscht und gegenseitig Jobs zuschanzt. Aber das Problem beginnt bereits darin, dass es viel zu wenig Frauen mit einer abgeschlossenen Ausbildung in den Bereichen gibt. Deshalb muss man schon viel früher ansetzen, in Schulen.

Sehen Sie eine Diskrepanz zwischen den USA und anderen Teilen der Welt?
Ich glaube, dass es manche Länder gibt, in denen der Technologie-Begriff noch immer negativ behaftet ist und dass viele Menschen gar nicht erst etwas damit zu tun haben wollen und sich deshalb ihre Möglichkeiten verbauen, weil sie zu große Angst davor haben, etwa aus Datenschutzgründen. Darüber darf man nachdenken, das ist sogar wichtig, aber das sollte niemanden davon abhalten, die Fähigkeiten zu erlernen. Technologie ist niemals zu 100 Prozent gut oder böse.

Ist Technologie für Sie neutral?
Im Silicon Valley halten die Menschen Technologie immer für positiv und großartig. Ich sehe das etwas differenzierter. Wenn jemand mit einem Virtual-Reality-Projekt an mich herantritt, will ich all die großartigen Dinge wissen, die diese Technologie bietet, aber auch die Gefahren.

Verstehen Sie, dass manche Menschen in Europa Facebook wegen diverser Datenschutzverletzungen auch kritisch gegenüber stehen?
Das ist ein schwieriges Thema. Auf der einen Seite liebe ich Social-Media-Dienste. Wir nutzen sie alle, aber keiner zwingt uns dazu. Das sind privat entwickelte Unternehmen und wir haben die Wahl, ob wir sie nutzen, oder nicht. Auf der anderen Seite nutzen wir diese Dienste täglich. Wenn ich mir z.B. Google Maps ansehe, weiß ich, dass ich Google unglaublich viele Daten von mir preisgebe, wenn ich den Dienst nutze, aber damit bin ich einverstanden, weil der Dienst wirklich nützlich für mich ist. Das ist ein Kompromiss. Ich glaube, dass wir alle in einer Welt leben wollen, mit all den Vorteilen von Big Data, aber dass wir nicht wollen, dass unsere eigenen Daten gesammelt werden. Wir müssen aber verstehen, dass das immer ein Tausch ist. Es ist nicht ok, wenn jemand nur die Vorteile haben will, aber nicht bereit ist, dafür etwas herzugeben. So funktioniert das nicht.

Was für eine Rolle spielt Facebook Ihrer Meinung nach bei Fake News?
Social Media hat Fake News wieder vor den Vorhang geholt, aber das Problem hat davor bereits existiert. Wir umgeben uns mit Menschen, mit denen wir einer Meinung sind und die Algorithmen unterstützen diese Entwicklung. Ich glaube nicht, dass es fair ist, zu sagen, dass Facebook das Problem erst geschaffen hat. Aber natürlich müssen Unternehmen wie Facebook oder Twitter eine gewisse Verantwortung dafür übernehmen, weil sich sehr viele Menschen heutzutage über diese Kanäle informieren.

( Barbara Wimmer)