Kultur
05.06.2018

"Der Dolmetscher von Trump tat mir leid"

Sprachmittler sind die unsichtbaren Helfer bei TV-Events oder großen Interviews. Der Stresslevel ist hoch.

Zu sehen war von ihnen nicht mehr als ein schwarzer Knopf im Ohr, als „ZiB 2“-Anchorman Armin Wolf den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Kreml befragte (das Interview war Montagabend auf ORF2 zu sehen und ist online in der „TVthek“ abrufbar). Dennoch waren sie maßgeblich am Gespräch beteiligt: die Dolmetscher.

„Solche Interviews sind an und für sich gut vorzubereiten“, weiß Ingrid Kurz, die seit 50 Jahren regelmäßig für den ORF aus dem Englischen dolmetscht. Sie hat unter anderem bei Gesprächen mit Bischof Desmond Tutu, Jassir Arafat und Waris Dirie vermittelt.

„Man kann sich schon orientieren, in welche Richtung es gehen wird. In der Regel bekommt man ja im Voraus die Fragen.“ Oder – wie beim Interview zwischen Wolf und Putin, für das der Kreml zwei Dolmetscher engagiert hat – zumindest die groben Themenfelder.

Wesentlich nervenaufreibender als solche Zweier-Interviews (in der Regel im Voraus aufgezeichnet und dann für die Ausstrahlung mit einem Voice-over versehen) seien da schon große Events, die simultan für das TV-Publikum gedolmetscht werden. „In einer Live-Sendung weiß man nie, was kommt“, erklärt Kurz im KURIER-Gespräch.

Man weiß genau, es hören alle Kollegen zu – das bedeutet natürlich Stress.

Zuletzt war sie unter anderem bei den royalen Hochzeiten im Einsatz: „Da kann man natürlich erwarten, dass Bibelzitate vorkommen“, so Kurz. Als der Erzbischof von Canterbury bei der Trauung von Kate und William aber plötzlich einen alten englischen Dichter in seiner Predigt zitierte, sei sie für einen Moment ins Schwitzen geraten. „Dann muss man sich eben mit einer weniger ausgefeilten Formulierung behelfen“, sagt Kurz, die schon bei der Mondlandung 1969 gedolmetscht hat.

Drahtseilakt ohne Netz

Kurz lehrte jahrelang an der Uni Wien und befasste sich auch in wissenschaftlichen Publikationen mit dem Dolmetschen fürs Fernsehen. „Drahtseilakt ohne Netz“ heißt bezeichnenderweise eine davon. Was im Gegensatz zum Konferenzdolmetschen im Fernsehen dazukommt: „Man weiß genau, es hören alle Kollegen zu – das bedeutet natürlich Stress.“

Groß ist die allgemeine Belustigung, wenn dann etwas schiefgeht. Etwa 2010, als beim Dresdner Semperopernball ein Dolmetscher an der Rede von Michael Jacksons Schwester LaToya scheiterte. „Mitunter hatte man den Eindruck, dass kein professioneller Dolmetscher herangezogen wurde, wenn ganz grobe Fehler passieren“, meint Kurz.

Natürlich könne einem aber auch die Technik die Arbeit erschweren, etwa wenn der Ton schlecht sei oder man zusätzlich zum Sprecher auch die eigene Stimme über die Kopfhörer bekomme: „Aber man kann ja im Fernsehen nicht sagen, dass es gerade technische Probleme gibt.“

Pro Jahr zählt man im Schnitt acht Dolmetsch-Einsätze beim ORF – darunter fallen erfreuliche Anlässe, wie die erwähnten Hochzeiten, aber auch Naturkatastrophen, Terroranschläge oder politische Großereignisse.

Ungewöhnlich sei laut Kurz dabei oft die Tageszeit. Bei den Präsidentschaftsdebatten zwischen Hillary Clinton und Donald Trump etwa, „da war es bei uns mitten in der Nacht, und da ist man nicht gerade in Höchstform“, so Kurz. „Ich war froh, dass ich Clinton dolmetschen durfte, die eine ausgezeichnete Rednerin ist.“ Eine Eigenschaft, die man dem jetzigen US-Präsidenten nicht gerade zuspricht: „Mein Kollege, der für Trump zuständig war, hat mir leidgetan.“