"Der Bockerer" im Theater Scala: So wie wir (nicht) waren
Thomas Marchart, Bernhard Feit, Georg Kusztrich
Zusammenfassung
„Ihr Blatt, Herr Rosenblatt.“ So beginnt und so endet diese Geschichte über den unbeugsamen Wiener Fleischermeister Karl Bockerer, der sich den Nazis nicht unterordnen will. Der sich weigert, seine Freunde, den jüdischen Rechtsanwalt Rosenblatt und den Sozialisten Hermann, zu verleugnen. Und zwar weniger aus politischer Überzeugung, sondern weil er durch und durch Mensch ist. Für den weder Herkunft noch Klasse zählen, sondern nur Anstand und emotionale Rechtschaffenheit.
Unvergessen ist, wie ihn Karl Merkatz 1981 in Franz Antels legendärem Film „Der Bockerer“ verkörpert. Antel gelang es mit dem „Bockerer“, sein Image als Produzent leicht schmuddeliger Alpen-Erotik vergessen zu machen und einen Meilenstein österreichischer Filmgeschichte zu setzen. Es erfordert daher einigen Mut, es mit dieser Legende aufzunehmen. Georg Kusztrich hat diesen Mut. Er fügt dem Fleischhauer aus der Paniglgasse in dieser Inszenierung des „Bockerer“ neue, stillere Nuancen hinzu.
Ob es ansonsten eine sehr neue Version dieses Volksstücks ist, die Hausherr Bruno Max nun im Theater Scala inszeniert, sei dahingestellt. Der Zeitpunkt, vor Hetze und insbesondere unter jungen Menschen grassierendem Judenhass zu warnen, ist jedenfalls kein falscher. Der Wiener Schauspieler Ulrich Becher und der Berliner Schriftsteller Peter Preses schrieben das Stück während der Nazizeit im amerikanischen Exil. Als Vorlage für den Karl Bockerer diente eine Figur, die Friedrich Torberg bereits 1938 erschaffen hatte: der „Herr Neidinger“. Als das Stück 1948 in Wien uraufgeführt wurde, gab es Plagiats-Diskussionen. Damals wollten die Wiener nicht unbedingt an ihr Verhalten während der Nazizeit erinnert werden. Denn der unbeugsame Bockerer mag ein typischer Wiener gewesen sein. Jene, die jubelnd danebenstanden, als Juden auf Knien die Straßen waschen mussten, waren es ebenso.
Die Inszenierung von Bruno Max erinnert daran, dass wir Wiener nicht alle so sind, wie wir gerne sein möchten. Gemütlich und Wienerisch grantelnd beim Heurigen sitzend, allerweil, aber gewiss alle nicht unbeugsam und von Prinzipien des Menschseins geprägt. Doch man erkennt sich halt lieber im Herrn Bockerer als im Herrn Karl. Sich nicht im Spiegel zu erkennen, ermöglicht es so manchem auch, in diesem finsteren Polit-Stück herzhaft zu lachen. Das Stück lädt stellenweise ja auch dazu ein, etwa, wenn Bockerer-Gattin Binerl von „Rassen“ daherschwafelt und er antwortet: „Rasse? Bin i a Dackel?“ Trotzdem, es sollte einem das Lachen im Halse stecken bleiben.
Georg Kusztrich gelingt es insbesondere im ersten Teil, die Eulenspiegeleien des Bockerer nicht zum Schenkelklopfer werden zu lassen. Er zeigt hier einen Mann, der in seiner Umgebung der letzte zu sein scheint, dem Herz und Verstand nicht abhandengekommen sind. Einen, der nicht anders kann, als Mensch zu sein. Auch sein Sohn Hans, dargestellt von Thomas Marchart, bleibt als NS-Fanatiker, der seinen Irrweg zu spät erkennt, nachhaltig in Erinnerung. Die Abschiedsszene der beiden ist der Höhepunkt des Abends. Anderen Rollen wird weniger Sorgfalt zuteil. Insbesondere nach der Pause wird diese deklarierte Polit-Posse stellenweise mehr Posse und weniger „Polit“.
Neu oder aktuell ist in dieser etwas über zweistündigen Inszenierung wenig, will es wohl auch nicht sein. Bühne, Kostüme, (Robert Notsch, Sigrid Dreger) – alles ist sehr solide, könnte aber auch zehn, zwanzig, dreißig Jahre alt sein. Ob das ein Problem ist? Zumindest nicht für die Zuschauer beim Premierenabend. Großer Jubel.