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Kultur
05/13/2019

Das neue Rammstein-Album: Schlager mich fester!

Kritik. Das neue Album der deutschen Musikkarikaturisten kommt am 17. Mai - zur rechten Zeit. Der KURIER hat es durchgehört.

von Georg Leyrer

Verdammt, wo ist die Lederpeitsche?

Rammstein sind wieder da, und das stellt den mitgealterten Kulturredakteur vor einige Schwierigkeiten, sich dresscodemäßig für deren Horror Trigger Show zu rüsten. Dabei nähert man sich dem neuen Album der deutschen Musikkarikaturisten ohnehin schon mit einer gewissen Angstlust.

Dazu hat es nur 35 Sekunden Videomaterial und einen Songtitel – „Deutschland“ – gebraucht. Wer es vergessen hat: Die Deutschen starteten die Promotion ihres neuen Albums – des ersten seit zehn Jahren – mit einem Kurzvideo, das sie als KZ-Häftlinge knapp vor der Hinrichtung zeigt.

Wer will raten, was dann passiert ist?

Süchtig

So leicht, so professionell schnappten sich die Silberrücken des Provokationsgewerbes mal schnell einen 24-Stunden-Empörungszyklus.

Überhaupt haben wir den gutmütigen Brandstiftern in der Zwischenzeit einen neuen, großen Vorteil zugespielt: Die Aufregungskünstler veröffentlichen ihr neues Album in eine Welt hinein, die sich mit der Verzweiflung des Süchtigen in jede Empörung wirft.

Was für ein leichtes Spiel für die Verfasser von, nun ja, einprägsamen Textzeilen wie „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“ oder „Dein Gesicht ist mir egal, bück dich noch einmal“.

Sollte man meinen. Die Aufregung zu „Deutschland“ hat sich aber rascher als erwartet eingekriegt, als das ganze Video abrufbar war. Es ist – Überraschung! – eine recht eindeutige Abrechnung mit nationalistischer Landesliebe, und diesmal ist es gar nicht mal witzig.

Dabei sind Rammstein sonst so viel lustiger als die Rechten.

Und lauter.

Schon vor zwei Jahrzehnten haben sie, zu schweren Gitarren und unruhig zuckendem Keyboard, die muskelbepackte Lächerlichkeit des neuen Faschismus auf die Stadionbühnen gebracht. Sie brüllten uns die Kasperlhaftigkeit der Übermenschenfantasien entgegen, lange bevor diese die sozialen Medien eroberten.

Die Vorabsingle zum neuen Album aber brachte die Hochschaubahnfahrt an der Rechtsaußengrenze, mit der Rammstein weltberühmt wurden, zu einem eiskalten Ende: „Deutschland, meine Liebe/Kann ich dir nicht geben“, heißt es da. Sapperlot, was soll denn das?

Also zurück zur Peitsche. Denn immerhin gab es in der Rammstein-Geschichte neben Polittheater immer auch allerlei grindige Sex-, Gewalt- und Spaßexzess-Songs. Und die Kollision derartiger Neukompositionen mit der zugleich hypererregten und durchtabuisierten Gegenwart, das sollte doch auch schön weh tun.

Ausländer!

Die Kritiker-Feder ist also beim Durchhören des neuen, unbetitelten Albums ordentlich angespitzt. Und auf den ersten Blick gleich ein wohliger Schauer. Ein neuer Song heißt „Ausländer“! Der taugt aber – enttäuschend – höchstens zum Miniskandälchen. Zu dem Thema liest man jeden Tag im Kleinformat Ärgeres (von Facebook wollen wir nicht einmal hier reden, es hat alles Grenzen).

Rammstein machen sich lediglich darüber lustig, dass einst, vor der großen Aufregung, „der Ausländer“ ja auch Sexobjekt mancher Housewives war, die sich verzweifelt in die Erotik holpriger Sprache stürzten. „Du kommen mit mich, wir machen gut“, singt Till Lindemann, mon chérie, wir haben schon mehr gelacht.

Und auch sonst bleibt der Appetit auf die politische Endabrechnung ungestillt. Ein Jammer! Ausgerechnet jetzt, wo lauter Rammstein-artige Karikaturen den Kontinent erobern, scheut die Band davor zurück, die letzten Polit-Tabus unter Flakbeschuss zu nehmen. Nur der Song „Deutschland“ schafft das ab? Es wäre so ein schöner Spaß gewesen.

Also, schnell, ein neuer Aufreger muss her. Man darf wählen zwischen dem Kirchenmissbrauchssong „Zeig Dich“ oder der doch irgendwie aktuellen Rundfunkzensurfantasie „Radio“.

Regt das noch wen auf?

Aber Rammstein sind ja keine Anfänger. Sie stechen mit viel Lust in ein ganz anderes Wespennest, eines, aus dem es in ihrer Bandgeschichte eh schon immer bedrohlich herausgesummt hat. Denn Rammstein waren immer schon Schlagermusik, und zwar die, die wir verdient haben.

Schlager mich fester!

Jetzt, wo wir alle Schlager hören müssen, ist das noch deutlicher: Der ungelenke Liebessong „Diamant“, das ebenso gelenksteife „Sex“ – Schlager pur: „Wir leben nur einmal, wir lieben das Leben“, singt Till Lindemann. Wie gemein von ihm!

Das ist fiese Satire auf das, was derzeit als Soundtrack zum gesellschaftlichen Rückzug durchgeht.

Das ist ja nicht normal

Und irgendwie auch befreiend: Denn Rammstein sind das beste Gegengift zur Normalisierungs-Tyrannei des Hitparaden-Schlagers.

Wo im Schlagerbetrieb jede Unebenheit eingewalzt wird, auf dass nichts die Gemeinsamkeit störe, bohren, nein: wühlen Rammstein mit Lust und dem gestreckten Zeigefinger in jeder sexuellen, emotionalen, inneren Abweichung, die sie finden können.

Rammstein besingen alle Fetische, alle Abweichung dieser Welt – aber nicht den Schlagerfetisch der Gemeinsamkeit. Und hier, endlich, wird das neue Album hörenswert, und zwar außerordentlich. „Es geht mir nicht gut“, brüllt, nein: wehklagt Lindemann im brutalen, herausragenden „Puppe“, einer der besten Rammstein-Songs überhaupt.

Und auch „Hallomann“, Finale des Albums, verfolgt den Hörer mit abgründiger Musik, einem Alptraum-Gitarrensolo und eigentlich nicht zu ertragendem Text.

Und damit passen Rammstein dann doch wieder in die Zeit, auch wenn ihr Polittheater und ihre Musik rechts (und links) überholt wurden: Sei es nur als unfreundliche Erinnerung daran, was mit dem Niederbügeln von Andersartigkeit, Außergewöhnlichkeit, ja, auch Perversion historisch alles so angefangen hat.