© CHRIS LOADES via REUTERS/CHRIS LOADES/JESUS COLLEGE CAMBR

Kultur
06/29/2022

Das langwierige Verfahren der Rückgabe der Benin-Bronzen

Der jetzigen Einigung zwischen Deutschland und Nigeria über die Rückgabe der Kunstwerke geht ein langer Konflikt voraus.

von Sophie Neu

Seit Jahrzehnten kämpfen Nigeria und der Hof von Benin um die Restitution der Kunst, die 1897 während der Kolonisierung vom Vereinigten Königreich entwendet wurde. Langsam zeichnen sich Erfolge ab.

Am Freitag (1. Juli 2022) werden die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (beide Grüne) nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin mit ihren nigerianischen Amtskollegen Kulturminister Lai Mohammed und Staatsminister für Auswärtige Angelegenheiten, Zubairo Dada, eine Absichtserklärung unterzeichnen, die den Weg für die Eigentumsübertragungen der Benin-Bronzen freimacht. Zwei Bronzen sollen direkt im Anschluss übergeben werden.

Wo sich die Kunstwerke aktuell befinden

Die rund 4000 Kunstwerke befinden sich weltweit verteilt in Museen, Universitäten und Privatbesitz. Der größte Teil der Bronzekunstwerke befindet sich im Besitz der "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" und im British Museum. Auch im Weltmuseum Wien werden bis heute Bronzen aus Benin ausgestellt, dort wird der Kontext genau erklärt, unter dem die Objekte nach Europa gelangt sind.

Allein in deutschen Museen sind etwa 1.100 der kunstvollen Bronzen zu finden. Über die umfangreichsten Sammlungen verfügen das Linden-Museum in Stuttgart, das Museum am Rothenbaum (Hamburg), das Rautenstrauch-Joest-Museum (Köln), das Völkerkundemuseum Dresden/Leipzig und das Ethnologische Museum Berlin. Sie sind an der geplanten Eigentumsübertragung beteiligt.

Restitutionsbestrebungen

Bei den ersten Forderungen nach Rückgabe der Kunstwerke durch den Hof von Benin in 1930ern wurden nur wenige Stücke vom Vereinigten Königreich zurückgeschickt. Nigeria bemühte sich ab den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts intensiv um die Restitution und Dauerleihgaben.

Museen und politisch Verantwortliche in Deutschland hatten über viele Jahrzehnte Gespräche über konkrete Vereinbarungen für Übertragungen oder Rückgaben vermieden. Museen können von sich aus oft nicht restituieren, weil sie die Objekte lediglich verwalten, das Eigentum jedoch beim jeweiligen Staat liegt.

2008 wurde dann die Benin Dialoggruppe gegründet, die Verteter und Vertreterinen von Museen mit der nigerianischen Regierung und dem Königshaus von Benin an einen Tisch bringen sollte, um die Zukunft der Raubkunst zu diskutieren. Im April 2021 verkündete Deutschland nach Gesprächen der Dialoggruppe einen Fahrplan für die Restitution der Kunstwerke an Nigeria. Man verpflichtete sich zu ersten Rückgaben im Laufe des Jahres 2022 - das steht jetzt bevor.

In den letzten Jahren mehren sich die Retournierungen geraubter Kunstschätze. Erst letztes Jahr gab das Metropolitan Museum of Art zwei Benin Bronzen zurück an Nigeria. Das Museum hat eine der größten Sammlungen der Benin Bronzen in den USA, man schätzt, dass etwa 160  Kunstwerke aus dem Königreich Benin im Besitz des MET sind. Die Universität Cambridge und die Universität Aberdeen hatten Herbst 2021 Bronzen an Nigeria zurückgegeben. Smithsonian in den USA hat sich 2022  dazu verpflichtet, 36 Bronzen an Nigeria zu restituieren.

Die Pläne für die Bronzen

Damit steht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz der Weg frei für die Rückführung der Kunst. Der Präsident der Stiftung Hermann Parzinger sagt: „Die Verhandlungen mit der nigerianischen Seite stehen vor einem guten Abschluss. Wir sind uns einig, dass das Eigentum an allen in Berlin befindlichen Objekten an Nigeria übertragen werden soll. Es besteht Einvernehmen mit den nigerianischen Partnern darüber, dass ein Teil dieser Objekte langfristig als Leihgabe in Deutschland verbleiben soll. Die Objekte, die nicht als Leihgabe vorgesehen sind, sollen so zügig wie möglich nach Nigeria überführt werden.“

Dort könnten die restituierten Objekte zukünftig im geplanten Edo Museum of West African Art (EMOWAA) in Benin-City ausgestellt werden. Das Museum wird an der Stelle des einstigen Königspalastes stehen und soll auch nicht an Nigeria restituierte Bronzen zumindest als Leihgaben beherbergen. Auch das British Museum will in dem neuen Gebäude Objekte aus seiner Sammlung ausstellen.

Um alle Benin-Bronzen zumindest digital an einem Ort zu vereinen, wurde das Projekt Digital Benin vom Museum am Rothenbaum (MARKK) in Hamburg gestartet. Auf der Online-Plattform sollen die Kunstwerke gemeinsam mit Fotos und Erzählungen virtuell erlebbar sein.

Die Geschichte der Benin-Bronzen

Die ältesten Benin-Bronzen stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die geschätzt 4000 Kunstobjekte sind Gusstafeln, Köpfe, Menschen- und Tierfiguren aus Bronze und erzählen die Geschichte des Königreichs Benin. Sie hingen bis 1897 im Königspalast von Benin im damaligen Edo (heute Benin-City, Nigeria). Sie wurden während der Kolonisation vom Vereinigten Königreich entwendet und in London an Museen und Privatpersonen versteigert, um die Kosten der Invasion zu decken.

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