Kultur
19.05.2018

Cannes: Baby im Suppentopf in den Slums von Beirut

Cannes im Finale mit Nadine Labakis Kinder starkem Drama "Capharnaüm“ und Sergey Dvortsevoys hartem Realismus in "Ayka“.

Politik unter Palmen war heuer groß geschrieben auf dem Filmfestival in Cannes. Die Zeichen standen auf Veränderung – vor allem in Hinblick auf Geschlechterpolitik in der Filmindustrie.

Die Schauspielerin Cate Blanchett, Präsidentin der Preis-Jury, war demonstrativ mit 81 Frauen die Stufen zum roten Teppich hinauf gestiegen, um auf das Missverhältnis zwischen (weißen) Männern und Frauen im Wettbewerb um die Goldene Palme hinzuweisen.

Immerhin aber war es Festivalchef Thierry Frémaux gelungen, unter den mageren drei Beiträgen von Frauen, die er für seinen Wettbewerb von insgesamt 21 Filmen für würdig befunden hatte, zumindest ein echtes Meisterwerk zu platzieren. Alice Rohrwachers magisch-tragisches Ausbeutungsporträt „Happy As Lazzaro“ riss Publikum und Kritik zu Begeisterungsstürmen hin und sorgte für einen Höhepunkt auf dem Festival.

Nach dem missglückten Tränendrüsen-Drama über kurdische Kämpferinnen von Eva Husson, „Girls of the Sun“, landete am Ende des Festivals die dritte Frau, die libanesische Regisseurin Nadine Labaki noch einen echten Cannes-Hit: „Capharnaüm“ erzählt im Rahmen eines Gerichtssaal-Dramas von den miserablen Lebensumständen in den Slums von Beirut – und zwar aus der Perspektive eines Kindes.

Der zwölfjährige Zain steht vor Gericht und klagt seine Eltern an, dass sie ihn auf die Welt gebracht haben. Im Zuge der Verhandlung entrollt Labaki die tragischen Lebensumstände des Buben, eindrucksvoll gespielt von dem syrischen Flüchtlingskind Zain Al Rafeea. Nachdem seine Eltern Zains Schwester, die elfjährige Tochter für ein paar Hühner an den Sohn ihres Vermieters als Ehefrau verkauft haben, läuft Zain von zu Hause weg. Er freundet sich mit einer jungen äthiopischen Mutter und deren einjährigen Sohn Yonas an.

„Baby-Palme“

Sollte es so etwas wie eine „Baby-Palme“ für bestes Baby-Schauspiel geben, so wäre der Gewinner klar: Sie würde an das äthiopische Kleinkind Boluwatife Treasure Bankole – übrigens ein Mädchen – vergeben werden, das in seiner Rolle als Yonas im charmanten Zusammenspiel mit Zain für hinreißend süße Momente sorgt. Nachdem nämlich die Mutter verschwunden ist, packt Zain das Baby in eine Art Suppentopf, montiert es auf ein Skatebord und zieht es durch die Elendsviertel von Beirut. Die beiden Kinder sind einfach sensationell: Labaki folgt ihnen mit flinker Handkamera und herzzerreißender Hingabe durch eine Großstadt krasser Empathielosigkeit. Doch so dringlich sich ihr Anliegen anfühlt, spürt man doch auch eine gewisse ästhetische Kalkulation, etwa, wenn sie ihre Bilder immer wieder (durch Zeitlupe und schwellende Musik) ins pittoresk-gefällige Arthouse-Kino kippen lässt.

Da fährt der Russe Sergej Dvortsevoy schon ein härteres Programm: Seine kompromisslose Handkamera-Tour-de-Force „Ayka“ kennt keinen Ton Musik und auch keine visuelle Verschnaufpause. Eisern folgte er seiner Protagonistin Ayka, einer verzweifelten Kirgisin ohne Arbeitsbewilligung, durch ein kaltes Moskau. Ayka hat gerade ein Kind geboren und sich danach aus dem Spital geschlichen. Gequält von Schulden und endlosen Blutungen, schleppt sie sich durch russische Schneeverwehungen.

In seiner naturalistischen Formstrenge fühlt sich „Ayka“ ein bisschen an wie ein Remake von „Rosetta“ der Brüder Dardennes. Dieser Wiedererkennungseffekt schmälert die Wirkung eines ansonsten eindrucksvollen Schicksalsschlags in einem durchwegs starken Wettbewerbsprogramm, in dem heuer nicht nur alte Meister, sondern auch weniger kanonisierte Filmschaffende ihre Chance bekamen.