Kultur
08.09.2018

Filmfestival Venedig: Ein Nachtportier in Wien

Starker Wettbewerb, schwaches Ende des Fimfestivals Venedig: Dirk Bogarde als Wiener Nachtportier, Carlos Reygadas in der Krise.

Schräge Bilder aus Wien beendeten das Filmfestival in Venedig. Zu sehen waren sie in der Reihe der restaurierten Klassiker, die beim Publikum durchgehend auf großes Interesse stießen und mit einer Vorführung von „Tod in Venedig“ endeten. Nicht nur dort, auch in Liliana Cavanis umstrittenen Nazi-Sexploitation-Film „The Night Porter“ von 1974 übernimmt Dirk Bogarde – wie in Viscontis „Tod in Venedig“ – eine entscheidende Hauptrolle.

Die exaltiert-theatralisch inszenierte Geschichte spielt in Wien des Jahres 1957: Bogarde arbeitet als Nachportier namens Max im eleganten „Hotel zur Oper“ und betreut dort einsame reiche Damen. Eines Tages kommt ein berühmter Dirigent mit seiner jungen, schönen Frau zu Tür herein – und bald wird klar, dass sich die Frau und der Nachtportier von früher kennen.

„Früher“ – das ist die Nazizeit, in der Max als SS-Offizier Lucia, eine junge KZ-Gefangene, als seine Geliebte missbrauchte. Bizarrerweise beginnt Lucia (umwerfend: die junge Charlotte Rampling) erneut eine sadomasochistische Beziehung mit ihrem Peiniger. Allerdings ist Max Mitglied einer Gruppe von Nazis, die Zeugen ihrer Greueltaten eliminiert und auch Lucia loswerden möchte.

Calvanis sinistrer Sadomaso-Schocker erzählt die Vergangenheit als unterdrücktes Symptom, das im Wiederholungszwang in die Gegenwart drängt. Ausgerechnet in den Karl-Marx-Hof zieht sich der Ex-Nazi mit seiner Freundin zurück und wird schließlich selbst zum Opfer. Cavani beschwört faschistische Kontinuität im Nachkriegs-Wien, wo ehemalige Nazis ihre Westen reinwaschen und der Hotelportier nur nachts arbeiten kann, weil er das Tageslicht nicht erträgt.

Mit „Night Porter“ ging ein starker Jahrgang auf dem Filmfestival in Venedig zu Ende, das in seiner ersten Hälfte deutlich stärker war als in der zweiten.

Absacker

Besonders der letzte Film des Wettbewerbs, Shinya Tsukamotos Samurai-Slasher „Zan“ („Killing“) geriet zum Absacker. Zwar jubelten die Hardcore-Fans des „Tetsuo“-Regisseurs bereits, als zu Beginn dessen Name auf der Leinwand erschien. Doch Tsukamotos rapide geschnittener Blutrausch rund um einen Samurai-Kämpfer und seine hysterische Freundin versandete als stilverliebte Fingerübung.

Auf wenig Gegenliebe – wenngleich ungerechterweise – stießen auch Carlos Reygadas und seine Ehekrise „Our Time“. Mit sich selbst und seiner eigenen Ehefrau in der Hauptrolle, erzählt der mexikanische Regisseur vom Zerbrechen einer Liebesbeziehung. Die Frau hat eine Affäre begonnen, ihr Mann – gleichzeitig auch der Regisseur des Films – bestärkt sie in ihrem Vorhaben. Doch sein Versuch, dadurch die Kontrolle über die Situation zu behalten, scheitert kläglich: Wenn Reygadas durchs Fenster späht, um seine Frau mit dem Konkurrenten zu beobachten, und dabei herunterpurzelt, demontiert er damit seine selbstbewusste Männlichkeit – tragisch und komisch zugleich.