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Musiklegenden
09/24/2020

Das Chanson ist tot, es lebe das Chanson: Rückblick auf eine Ära

Mit Juliette Gréco hat der letzte große Star die Bühne des klassischen französischen Chansons verlassen.

von Werner Rosenberger

Das Chanson ist tot, es lebe das Chanson – diesen Evergreen spielen die Franzosen seit Jahrzehnten. Aber mit der Trauer um die am Mittwoch in Südfrankreich verstorbene Juliette Gréco ist nicht zu übersehen: Sie war das letzte Original des klassischen französischen Chansons – einer der größten Stars des 20. Jahrhunderts in diesem Genre.

Die Piaf, die trinkfeste Straßensängerin, die zur Königin ihrer Kunst wurde, die 1997 verstorbene Barbara, die ihr eigenes Leben besang und mit ihrem Hit „Göttingen“ 1964 eine Brücke zwischen Deutschland und Frankreich baute, die Gréco, die in den 50ern und 60ern mit Liedern wie „Sous le ciel de Paris“, „L’accordeon“, „La Javanaise“, und „Deshabillez-moi“ weltberühmt wurde ...

Das Ende einer Ära

Jeder kannte sie. Auf sie konnte man sich generationsübergreifend sofort einigen, wenn es darum ging, die Legenden der Szene zu benennen. Sie sind nun alle tot. Denkmäler der leichten Muse und einer Epoche, die schon in den 80er-Jahren fast verschwunden war durch den übergroßen Einfluss der amerikanischen Unterhaltungsmusik.

Eine Piaf – den „Spatz von Paris“ – konnte es nur einmal geben, sagte ihr Freund Jean Cocteau, der nur wenige Stunden nach ihr starb.

Und da waren noch der Sänger und Komponist Charles Aznavour mit seinen unverwechselbaren Melodien, Jacques Brel, der ungekrönte König des französischen Chansons, der kein Franzose war, und der sich so verausgabt hat, dass er irgendwann nicht mehr konnte.

Yves Montand hieß eigentlich Ivo Livi, kam aus der Toscana und entwickelte als Sänger, Tänzer und Rezitator seine gefeierten One-Man-Shows à la Française – mit Starthilfe der Piaf, die sagte: „Es ist ganz einfach, einen Menschen zum Star zu machen: Man muss ihm nur helfen, zu entdecken, was er längst besitzt.“

Außerdem Gilbert Bécaud, George Brassens, nicht zu vergessen Léo Ferré und Georges Moustaki, der Grieche aus Paris, dem die Piaf mit „Milord“ 1959 einen Sensationserfolg verdankte. In seinen Liedern ist ein häufiges Wort „liberté“, Freiheit. „Sie kommt, wenn ich meine Texte schreibe“, sagte Moustaki. „Sie ist ein Ideal, eine Sehnsucht. Sie ist eine Frau.“

Chanson – eine Lebensart

Ihnen allen gelang mit meist authentischen Drei-Minuten-Kunstwerken zwischen Poesie und Engagement ein Paradoxon, das diesem Metier eigen ist: Unterhaltung und Denken zu verbrüdern.

Ihre Kunst und ihr Einfluss haben die französische Schlagerszene, im Gegensatz zur deutschen, meist vor dem kompletten Absturz ins Hirnlose bewahrt.

In dieser Zeit kam nichts der Poesie so nahe wie ein französisches Chanson. Chansons bedeuteten eine Lebensart, eine Art zu denken.

Ob mit beißender Kritik wie der Belgier Brel, ob mit sanfter Anarchie wie Brassens, der überzeugt war, dass „jeder in seiner Brust eine schlummernde Revolte trägt, man muss sie nur wecken“, oder aber mit Banlieue-Slang wie der Liedermacher und Satiriker Renaud: Die Kritik am Bürger, also am Spießer, zieht sich wie eine rote Linie durch ihre Lieder.

Was hat diese Chansons von damals so unvergesslich gemacht? Der heute 98-jährige Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller gab in seinem legendären „Pariser Journal“ schon in den 1960er-Jahren eine Antwort:

„À mourir pour mourir’ oder ,Mon histoire d’amour c’est toi’ oder ,Dis, quand reviendras tu?’ – Sag, wann kommst du wieder? Das sind ja alles Dinge, die echte Gefühle widerspiegeln.“

Und heute?

Wie einst Frank Zappa über den Jazz könnte man sagen: Das französische Chanson ist nicht tot, es riecht nur etwas seltsam. Carla Bruni versucht mit Kabinettstückchen dem Chanson neuen Charme und eine neue Seele einzuhauchen. Benjamin Biolay machte mit „Pourquoi tu pleures“ Chanson à la Serge Gainsbourg. Und Berry ist Carla Bruni mit tieferen Augenringen und mehr Bohème, verträumten Melodien, weicher Stimme und poetischen Texten im Pop-Chanson-Mix.

Voilà: Das Chanson wird vielseitig beatmet und am Leben erhalten. Kein leichtes Unterfangen, denn schon Brel erkannte: „Im Showgeschäft gibt es zu viel Geld, zu viel Neid und zu viele Menschen, die zu viel Angst haben.“

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