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Kultur
05/01/2019

Cranberries-Album: Die letzten Songs der verstorbenen Sängerin

Im KURIER-Interview spricht Gitarrist Noel Hogan über die letzte Zeit mit Dolores O'Riordan und ihr musikalisches Vermächtnis.

„In The End“ ist das Album der Cranberries, auf das sich Sängerin Dolores O’Riordan am meisten gefreut hatte. Doch seine Fertigstellung mitzuerleben, war ihr nicht mehr vergönnt. Am 15. Jänner 2018 fand man die 46-Jährige in der Badewanne in einem Hotelzimmer in London, wo sie in Folge von übermäßigem Alkoholkonsum ertrunken war.

Gitarrist Noel Hogan, der mit O’Riordan Hits wie „Linger“ und „Zombie“ geschrieben hatte, hat jetzt mit seinen Bandkollegen aus den damals fertigen Demos das letzte Album der Cranberries produziert. Doch darüber zu sprechen, fällt ihm immer noch hörbar schwer.

„Es war so hart, dabei dauernd ihre Stimme zu hören“, erzählt er im KURIER-Interview. „Sie klang so frisch. Und all diese Texte handeln davon, wie Dolores eine schwierige Lebensphase überwunden hatte und das Schlimme hinter sich lassen konnte. Sie war so begierig, daran zu arbeiten, dass ich gar nicht schnell genug die Musik für ihre Texte und Melodien liefern konnte.“

Deshalb ist der Tod der Sängerin, bei der man 3,3 Promille Alkohol im Blut fand, für Hogan – allen Freitod-Spekulationen zum Trotz – nur „ein ganz dummer, trauriger Fehler“. Denn auch wenn O’Riordan schon einen Selbstmordversuch hinter sich hatte, war sie in den Monaten vor ihrem Tod „so positiv, wie ich sie nur selten erlebt hatte“.

Leidensweg

Die Lebensphase, die O’Riordan hinter sich lassen wollte, war geprägt von einem Leidensweg, der schon in der Kindheit begann, als sie vom achten Lebensjahr an vier Jahre lang sexuell missbraucht wurde. Nach dem die Band mit „Zombie“ zu Weltruhm kam, folgten Erschöpfungszusammenbrüche, Essstörungen, Alkoholsucht, die Scheidung vom Vater ihrer drei Kinder und 2014 schließlich die Diagnose „manisch depressive Störung“.

„Aber das hatte sie gut in den Griff bekommen“, erinnert sich Hogan. „Nachdem sie den richtigen Cocktail von Medikamenten gefunden hatte, war sie wie am Anfang, als wir als Newcomer in einem Van von Konzert zu Konzert durch Großbritannien gefahren sind und immer so viel zu lachen hatten. Ich habe Dolores im November 2017 das letzte Mal gesehen. Sie lebte damals in New York, war aber in Irland auf Besuch und wir haben zusammen einen wunderbaren Nachmittag verbracht. Sie hatte einen neuen Partner und war fröhlich. Zu dem Zeitpunkt hatte sie schon zwei Jahre lang nichts mehr getrunken. Das war früher ein Problem, aber dann hatte sie damit aufgehört. Ich habe sie nach dem Nachmittag im November zwar nicht mehr gesehen, denn wir haben per Internet zusammen an den Songs gearbeitet. Weil wir aber so intensiv am Schreiben waren, haben wir im Jahr danach fast jeden Tag telefoniert. Dabei klang sie nie betrunken. Deshalb war es umso trauriger, als ich hörte, unter welchen Umständen sie gestorben war.“

Für eine ganze Weile nach der Schreckensnachricht dachte Hogan gar nicht an die Band. Erst als er sich die Demos wieder anhörte, reifte der Entschluss, dieses letzte Album fertigzustellen. Aber: „Ich wollte zuerst den Segen von Dolores’ Familie. Ohne dem hätten wir es nicht gemacht. Aber sie sagten alle, dass es ihnen helfen würde, weil Dolores auch mit ihnen zum Schluss nur mehr darüber gesprochen hatte, wie sehr sie sich über dieses Album freut. Und wir nahmen für ,In The End‘ auch nur Songs, von denen wir wussten, dass Dolores mit dem Texten fertig war, die sie auch fertig gesungen hatte.“

Ist „In The End“ das Ende der Cranberries, oder könnten sich die drei verbliebenen Musiker vorstellen, mit einer anderen Sängerin weiterzumachen? „Wir haben das noch nicht besprochen, weil es nach dem Tod von Dolores hektisch war. Wir wollen jetzt den Sommer abwarten und dann entscheiden, wie es – wenn überhaupt – mit den Cranberries weitergeht. Aber ich kann mir das mit einer anderen Sängerin ehrlich gesagt nicht vorstellen.“