Coronavirus: Auf der Couch durch Indien. Die Reise endet

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Der Fotograf Christoph Liebentritt durchforstet für den KURIER seine Festplatte, auf der sich zahlreiche noch unveröffentlichte Schätze befinden. Zum Auftakt geht es mit dem Motorrad durch Indien.

Es ist Zeit, sich zu erinnern. An schöne Momente, an Reisen, von denen man heute noch mit leuchtenden Augen erzählt. Man kann dafür sein Reisetagebuch samt den sorgfältig eingeklebten Fotos, aber auch einfach sein Smartphone zur Hand nehmen, und sich Aufnahmen vergangener Reisen, Kurztrips und Langzeiterlebnisse in Erinnerung rufen: Schau, damals in ... 

Der Wiener Fotograf hat sich während der ersten Tage in Isolation durch sein Archiv gewühlt. Dabei ist er auf bereits in Vergessenheit geratene Aufnahmen gestoßen, Bilder seiner Indienreise aus dem Jahr 2016, denen er aufgrund des täglichen Hamsterlaufs keine Aufmerksamkeit mehr schenkte. "Für eine Ausstellung kurz nach der Reise hatte ich schlichtweg keine Zeit und so gerieten die Arbeiten auf einer externen Festplatte in Vergessenheit", schreibt mir Christoph Liebentritt per E-Mail. 

Aufsteigen!

Wann, wenn nicht jetzt, dachte ich mir und lud Christoph Liebentritt zu einer gemeinsamen Aktion ein: Der KURIER präsentiert in den nächsten Tagen ausgewählte Arbeiten aus dem Archiv des Fotografen. Wir starten mit dem bereits oben erwähnten Indien-Roadtrip: Es geht 5.000 Kilometer auf einer alten Royal Enfield quer durch Indien.

Alle aufsteigen, die Reise beginnt. Der KURIER präsentiert Ihnen täglich neue Eindrücke.

 

Tag 1: Christoph Liebentritt und sein Vater (Foto unten, links) machen sich auf dem Motorrad - begleitet von Kumar, einem Inder, den sein Vater im Rahmen einer Kasachstan-Reise am Straßenrand getroffen und kennengelernt hat - auf die Reise durch ein Land voller Gegensätze.

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Tag 2: Unsere gesamte Reise fand in Gujarat statt, einem Bundesstaat, der über 60 Millionen Einwohner zählt und in dem Mahatma Gandhi geboren wurde. Dieses kleine Detail wirkt sich auch heute noch auf das tägliche Leben der Bevölkerung aus. Gujarat gilt als „dry state“. Dies bezieht sich allerdings nicht auf klimatische Begebenheiten. Alkohol ist streng reglementiert bzw. teilweise ganz verboten. 

 

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Schnell wird klar, das Motorrad ist nicht nur unser Fortbewegungsmittel, es ist omnipräsent im Straßenverkehr. Oft dient es für ganze Familien als Transportmittel. Da wir abseits von Touristenpfaden unterwegs sind, fallen wir sofort auf. Das Erste, das uns im indischen Straßenverkehr als Europäer entlarvt: der Helm. Den sucht man sonst vergeblich. 

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Bei einem Abstecher ins Gir Naturreservat, einem der bekanntesten Nationalparks Indiens, begegnen wir immer wieder Löwen. Eine Tagestour, die sich auf jeden Fall auszahlt - nicht nur fototechnisch.

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Tag 3: Die folgende Aufnahme war eine der schwierigsten im Rahmen der ganzen Reise. Ich wusste bereits beim Überqueren der Brücke, welche man im Hintergrund erkennen kann, dass ich diese Szene irgendwie einfangen will. Wir gaben ein zu Beginn der Reise vereinbartes Handzeichen zu unserem Freund und Weggefährten Kumar - und schon blieben wir am Straßenrand stehen. Ich kletterte die Böschung in das Bachbett hinab und fragte nach einem Portrait. Inmitten einer Ziegenherde Porträts zu machen, gestaltete sich jedoch schwieriger, als ich zu Beginn angenommen habe.

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Alltägliche Szenen wie diese, Sehenswürdigkeiten oder auch nur eine kurze Teepause: Wir machen viele Zwischenstopps auf unserer Route - nicht zuletzt deshalb, weil der Straßenverkehr zu Beginn noch etwas gewöhnungsbedürftig war.

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Tag 4: Wir erreichen die Industrie- und Universitätsstadt Vadodara, die mit knapp 2 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt des Bundesstaates darstellt. Der 130 Jahre alte Lakshmi Vilas Palace einer bedeutenden Maharadscha Familie, liegt im Zentrum der Stadt und kann auf einem Golfplatz umspielt werden oder aber auch für Feste gemietet werden. Unser Freund Kumar ist Teil des Golfclubs, was uns eine Besichtigung des beeindruckenden Palastes erleichtert. 

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Der Mann auf dem Foto (unten) ist der Chef eines Hotels, in dem wir übernachtet haben. In drei Wochen haben wir nur zwei Mal in Hotels bzw. Gästehäusern geschlafen, ansonsten sind wie immer bei Freunden von Kumar untergekommen. An diesem Tag hatte ich in der Früh noch Zeit für ein Porträt, weil wir den ersten Platten bei der  Royal Enfield hatten.

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Tag 5: Obwohl das indische Essen für seinen hohen Schärfegrad bekannt ist, gewöhnen wir uns schnell an die vielfältige indische Küche. Der selbstgebrannte burgenländische Schnaps in der Motorradtasche, dient nach dem Essen dennoch als Desinfektionsmittel. Sicher ist sicher, schließlich will man kein Risiko eingehen.

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Auch den guten Rat von Freunden, auf keinen Fall Street Food zu konsumieren, werfen wir schon nach wenigen Tagen über Bord. Kurz angebratene und gesalzene Chilischoten (auf dem Bild oben schon fast aufgegessen) können also auch ein Frühstück am Straßenrad sein. Dies sei gesund für den Magen, so unser Wegbegleiter. Der kurze Abstecher zu einem Chilibauern passt also perfekt ins Programm (siehe Foto unten).

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Tag 6: Obwohl wir nur wenige Wochen für unseren Roadtrip eingeplant haben und demnach nur einen kleinen Bruchteil dieses Kontinents fassen können, zeichnet sich ein Bild, das an Diversität kaum zu übertreffen ist. Den ganzen Tag am Motorrad sitzend, kann man dabei zusehen, wie sich die traditionellen Gewänder der Menschen zwischen Anfang und Ende der Tagesetappe unterscheiden.

Hier ein paar Eindrücke von der Straße: Es sind kurze Begegnungen am Straßenrand bei einer Teepause, die hier wirklich einen hohen Stellenwert genießt. Wir begegnen Menschen, die am Gehsteig schlafen, Schülerinnen in ihren Uniformen und Tiere, die Abfälle fressen.

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Tag 7: Den Jahreswechsel verbringen wir auf dem beeindruckenden Anwesen eines Freundes unseres Wegbegleiters. Gefeiert wird ähnlich wie bei uns, mit dem Unterschied, dass um Mitternacht mit scharfen Waffen in die Luft geschossen wird. Die Überraschung des Abends ist zweifelsohne der Gastgeber. Kurz nachdem er bemerkt, dass wir aus Österreich kommen, spricht er - wenn auch zu Beginn noch etwas eingerostet - Deutsch mit einem Salzburger Dialekt. Es stellt sich heraus, dass er in Österreich eine Hotelfachschule absolvierte. Einige Witze später, die man offenbar in der österreichischen Gastronomie lernt und begleitet von Toten Hosen Gassenhauern, die (warum auch immer?!) für uns gespielt werden, taumeln wir ins neue Jahr. 

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Tag 8: Die nächste Etappe führt uns zur Sardar-Sarovar Talsperre am Fluss Narmada, einem Damm der Superlative, der mehrere indische Bundesstaaten mit Strom versorgt. Mit ihrer Staumauer gehört die Talsperre zu einer der größten der Welt. Der Staudamm wurde erst vor wenigen Jahren fertiggestellt und verfügt mittlerweile über die größte Statue der Welt. Die sogenannte Statue der Einheit ist mit 182 Metern viermal so groß wie die Freiheitsstatue.

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Der Staudamm ist vor allem bei Schulklassen ein beliebtes Ausflugsziel.

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Tag 9: Wir gelangen zum renommierten Rajkumar College in Rajkot, das unser Begleiter in jungen Jahren besucht hat. Für ehemalige Studenten auf der Durchreise gibt es immer ein freies Apartment, in dessen Genuss auch wir kommen.

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Der Direktor gibt uns eine Privatführung durch die weitläufigen, geschichtsträchtigen Gemäuer und lädt uns am Abend sogar zu einer internen Veranstaltung ein. Gastfreundschaft spielt nicht nur hier eine große Rolle, sie wird uns auf der gesamten Reise zuhauf entgegengebracht. 

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Tag 10: Das Ende der Reise

Nach einer längeren Reise kommt oft die Reflexion. Man schaut sich zu Hause die während der Reise geschossenen Bilder an, wischt sich am Smartphone durch Erlebtes und verarbeitet dadurch das Gesehene oft erst richtig. Erinnert hat sich nun auch der Fotograf Christoph Liebentritt, der in den vergangenen zehn Tagen für den KURIER seine Ordner mit Bildern seiner Indienreise durchforstet hat. 

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Rückblickend ist dem Fotografen vor allem eines in Erinnerung geblieben: die Gastfreundschaft. „Ich habe das zwar schon auf anderen Reisen erlebt (zum Beispiel in Zimbabwe), aber Indien hatte eine andere Qualität. Es liegt bestimmt auch daran, dass wir mit unserem Begleiter unterwegs waren und wir auch meistens bei Bekannten von ihm abgestiegen sind. Es wurden uns alle Tore geöffnet, wir durften bei allen zu Hause in Gästezimmern schlafen und wurden bewirtet. Die Gastfamilien haben uns danach teilweise auch noch am Motorrad begleitet, weil sie uns noch Sachen in der Umgebung zeigen wollten“, schreibt mir Christoph Liebentritt per E-Mail.

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Liebentritt beschreibt Indien als Land der Gegensätze. "Wenn du am Weg zum Flughafen in Mumbai bist und teure Sportwägen wie einen Lamborghini siehst und daneben auf der Straße Familien mit ihren Kindern am Gehsteig unter Planen leben, dann macht das etwas mit einem", so Liebentritt.

Diese für Europäer nicht immer ganz einfach zu verarbeitenden Kontraste zwischen extrem arm und superreich konnte ich selbst im Rahmen meines Städtetrips nach Mumbai vergangenen November miterleben. Solche Bilder vergisst man nicht. 

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„Es war bei meiner Reise aber auch nicht alles super. Die Stellung der Frau ist mir oft sauer aufgestoßen, auch bei den Leuten, bei denen wir abgestiegen sind. Ich bin mit Indien aber noch nicht fertig und würde gerne noch andere Teile des bereisen“, schreibt Liebentritt.
Vielleicht wieder mit dem Papa?
„Ich hab mit ihm früher, als ich ein Kind, ein Jugendlicher war, wahnsinnig viele Reisen gemacht. Dafür bin ich ihm auch sehr dankbar. Wir sind mit dem Auto quasi durch ganz Europa gefahren. Jedes Jahr im Sommer für zwei Wochen (UK, rauf bis zum Nordkapp, runter bis Spanien und sogar weiter nach Marokko). Das hat sich irgendwann einmal aufgehört, als ich erwachsen und das Reisen mit dem Papa uncool wurde. Jetzt wäre ich aber wieder bereit für ein Revival.“

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Die hier präsentierten Fotos sind nur ein kleiner Auszug, die Christoph Liebentritt im Rahmen seiner Reise durch den indischen Bundesstaat Gujarat gemacht hat. Er bietet ausgewählte Prints auch in einer Limited Edition zum Kauf an. Falls Sie Interesse haben, schreiben Sie ihm einfach - hier finden Sie seinen Kontakt.

Zur Person: Christoph Liebentritt, geboren 1986, studierte Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Als Teil des vierköpfigen Designstudios buero butter arbeitet er als Fotograf in Wien und ist spezialisiert auf Porträts und Fotoreportagen - analog wie digital. 

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