© AP/Maurizio Brambatti

Literatur
06/22/2019

Colin Whiteheads Roman "Nickel Boys" will für mehr Empörung sorgen

Der preisgekrönte US-Schriftsteller über eine mittlerweile geschlossene "Besserungsanstalt", in der Schulschwänzer gefoltert wurden.

von Peter Pisa

Das war sein Kommentar zum Rassismus (und zu anderen Unmenschlichkeiten):
„In dieser schlimmen Kälte wird nichts wachsen, aber wir können trotzdem Blumen haben.“
Er steht in „Underground Railroad“, ausgezeichnet mit dem National Book Award und dem Pulitzer Prize. Der Amerikaner Colson Whitehead - Foto oben - wurde weltberühmt.
Zwar handelt der Roman von Sklaverei und todesmutigen Fluchthelfern.
Aber man dachte  beim Lesen oft an die heutige Situation von Menschen auf der Flucht.

Geheime Gräber

Der Kommentar gilt auch für „Die Nickel Boys“.
In diesem Fall gab es jedoch keine Helfer: Whitehead erzählt von der Dozier School in Florida. Er gab der Schule  den Namen „das Nickel“, aber das ändert nichts an den schrecklichen Wahrheiten, die im Buch stehen.
 Das war eine geschlossene „Besserungsanstalt“ für Strafunmündige und hatte bis 1968 getrennte Gebäude für  schwarze und weiße Buben. (Dunkelhäutige mexikanische Jugendliche pendelten hin und her, je nach Lust des Aufsehers.)
Anfangs landeten dort sogar Fünfjährige – die „Delinquenten“ waren, man fasst es nicht, Schulschwänzer, Drückeberger, Ausreißer (damit der betrunkene Vater sie nicht prügeln konnte) ...
Auf Bildung wurde in der Anstalt wenig Wert gelegt. Auf ordentliches Essen auch nicht. Es musste gearbeitet werden, Ziegel brennen, Felder bestellen – und wer Probleme machte, wurde  ausgepeitscht, mit einem zwei Meter langen Ledergürtel.
Bis heute werden geheime Gräber gefunden.  Tote Burschen wurden schnell verscharrt, anonym. Haben Angehörige nach ihnen gefragt, hieß es z.B., sie sind weggelaufen. Ehemalige „Schüler“ reden von 300  Gräbern.
Die geringe Empörung über den Horror, der um 2010 bekannt wurde, empörte Whitehead. Sein – fiktiver – Held, ein cleverer Bursche, der mit 14 gerade begonnen hat, für die Rechte der Afroamerikaner zu demonstrieren,  wird ins Nickel eingeliefert, weil er auf dem Weg zum College von einem Autofahrer mitgenommen wurde .
Leider in einem gestohlenenen Wagen.
Er zeigt Flagge. Er kämpft. Die Welt schweigt. Die Welt will sich nicht  ins Lot bringen.
In „Underground Railroad“ gab es märchenhafte  Momente. Zum Verschnaufen zwischen Vergewaltigungen und Aufhängen am nächsten Galgen.
Bei den „Nickel Boys“ lenkt nichts ab.  Whitehead schrieb  einen kurzen Roman,  es ist wenig Platz für falsche Vergleiche.  Da bleibt fast nur der harte Kern.  Wo man keine  Blumen haben kann.

 

 

Colson
Whitehead: „Die Nickel Boys“
Übersetzt von Henning Ahrens.
Hanser Verlag.
224 Seiten.
23,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****