Eine Wiederentdeckung: Charles Jackson zeichnete mitten im Zweiten Weltkrieg in Don Birnam das eindrucksvolle Porträt eines Alkoholikers 

© Jackson Family Collection.

Literatur
08/19/2014

Der schlimmste Erfolg seines Lebens

Charles Jacksons heute so gut wie vergessener Trinkerroman "Das verlorene Wochenende".

von Barbara Mader

Man hört es ja nicht gerne. Alkohol ist eine Droge.

Sie treibt dich zur Selbsterniedrigung, zu Gewalt, ins Delirium, in den Tod.

Wie tief die Hölle der Sucht und der Schmerzen, der Selbstaufgabe und der Entblößung reichen kann, darüber hat Charles Jackson vor siebzig Jahren einen heute so gut wie vergessenen Roman geschrieben.

Billy Wilders Film

Möglicherweise ist die gleichnamige Verfilmung von "Das verlorene Wochenende" noch in Erinnerung. Das Alkoholiker-Drama von Billy Wilder aus dem Jahr 1945 mit Ray Milland und Jane Wyman in den Hauptrollen wurde mit vier Oscars ausgezeichnet.

Es erzählt, sehr nah an Jacksons Vorlage angelehnt, fünf Tage im Leben des erfolglosen Schriftstellers Don Birmham. Tage, in denen der New Yorker Langzeit-Alkoholiker mehrmals abstürzt und in den seltenen Momenten der Nüchternheit panisch versucht, Geld für Alkohol-Nachschub aufzutreiben. Der Film ist, obwohl er im Gegensatz zur Romanvorlage einen Hauch Hoffnung offen lässt, nichts weniger als eine glaubwürdige Horror-Vorstellung von Sucht. Dennoch sollen Vertreter der Abstinenz-Bewegung darin eine Verführung zum Trinken gesehen haben.

Wirklich schlimm aber wiegt die Tatsache, dass der Film die Vorlage vergessen ließ (um deren Rechte sich übrigens auch Alfred Hitchcock riss). "Wer an ,Das verlorene Wochenende‘ und seinen taumelnden Protagonisten Don Birnam dachte, der hatte meist keine Buchseiten, sondern eine Filmleinwand vor Augen", schreibt Rainer Moritz im Nachwort des nun wieder aufgelegten und neu übersetzten Romans.

Horrorvision der Sucht

"The Lost Weekend", so der Roman im Original, wurde im Vorjahr bei Vintage neu aufgelegt, dem amerikanischen Verlag, der sich in seiner Klassiker-Edition auf das Bergen verschütteter Schätze spezialisiert hat: Er hat das zutiefst berührende Drama "Stoner" von John Williams wiederentdeckt.

Jackson wusste, dass sein 1944 erschienener Roman bald in Vergessenheit geraten würde. Der Erfolg von "Das verlorene Wochenende" sei das "Schlimmste, was mir je widerfahren ist", sagte er. Es muss ihn tief getroffen haben, den Erfolg seiner persönlichen Geschichte gleichsam davonfliegen zu sehen. Jacksons Roman war seine Geschichte. Auch er kämpfte, wie sein Protagonist Don, zeitlebens mit der Angst vor Misserfolg und dem Bemühen, Nichttrinker zu bleiben.

Von Joseph Roth bis Charles Bukowski, Edgar Allan Poe, Hans Fallada oder Georg Trakl – sie alle wussten, was es bedeutet, wenn man jenen Punkt erreicht hat, an dem "ein Drink zu viel ist und hundert nicht genügen".

Doch Jacksons besondere Tragik liegt darin, dass die eindringliche Erzählung seiner persönlichen Horrorvisionen der Sucht zum Erfolg anderer wurde.

Selbsterniedrigung

Jackson wusste, was sein Held Don auf seiner verzweifelten Suche nach dem nächsten Drink durchmachte. Der Schriftsteller kämpfte nach einer Tuberkuloseerkrankung mit Medikamenten- und Alkoholabhängigkeit.

In "Das verlorene Wochenende" beschreibt er eindringlich die verschiedenen Stadien der Selbsterniedrigung: Sein Hauptdarsteller Don verwüstet seine Wohnung, weil er sich nicht erinnern kann, wo er in der Nacht zuvor die Whiskyflasche deponiert hat. Er bettelt die alte Nachbarin um Geld an, stiehlt eine Handtasche (und wird erwischt), tobt, hat die Körperfunktionen nicht im Griff. Die Scham vor sich selbst ist nichts gegen die Verheißung des nächsten Drinks. Einen fürchterlichen Kater und zerrüttete Nerven kann man nicht ohne Alkohol überstehen.

Kapitulation

Als Don schließlich die Schreibmaschine versetzen will, gesteht er sich auch sein Scheitern als Schriftsteller ein. Wohl die endgültige Kapitulation vor sich selbst, denn er ist, wie sein Schöpfer Jackson, literarisch ambitioniert: Er macht diverse Anspielungen auf Fitzgerald, Shakespeare, Tolstoi und Thomas Mann. Letzterer, schreibt Rainer Moritz, revanchierte sich bei Jackson, indem er "Das verlorene Wochenende" mit Knut Hamsons "Hunger" verglich.

Thomas Mann und Charles Jackson blieben einander viele Jahre verbunden. Es muss Balsam auf Jacksons verletzte SchriftstellerHorrorseele gewesen sein.

Er geriet als Autor schnell in Vergessenheit. Seine weiteren Romane und Kurzgeschichten blieben erfolglos, er arbeitete für Fernsehen und Radio. Kurz sonnte sich Jackson im rasch verblassenden Ruhm von "Das verlorene Wochenende" und in der Bekanntschaft berühmter Schauspieler: Die Wände seines Schlafzimmers sollen mit ihm gewidmeten Fotos von Hollywood-Stars ausgekleidet gewesen sein.

Jackson starb 1968 an einer Überdosis des Schlafmittels Seconal im Chelsea Hotel in New York City.

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