"Die Komödie der Irrungen" von William Shakespeare in einer Neufassung von Sabrina Zwach unter der Regie von Herbert Fritsch am Wiener Burgtheater.

© KURIER/Jeff Mangione

Kritik
01/26/2017

Burgtheater-Kritik: Wer bin ich, und wenn ja, warum nicht?

Herbert Fritschs hemmungslos aber- wie -witzige Inszenierung der „Komödie der Irrungen“ in der Burg

von Guido Tartarotti

Irgendwann in dieser Aufführung fällt der schöne Satz: „Ihr alle seid verwirrt, wenn nicht gar verrückt.“

Und damit ist eigentlich alles gesagt über diese völlig durchgeknallte, hemmungslos kindische, ebenso aber- wie -witzige Inszenierung.
Über Herbert Fritsch und seinen Sil lässt sich nur eines mit Bestimmtheit sagen:

Das muss man mögen.

Wenn man das mag, erlebt im Wiener Burgtheater bei Shakespeares „Komödie der Irrungen“ zwei wunderbar amüsante Stunden auf höchstem Blödel-Niveau. (Der Autor dieser Zeilen gesteht: Er mag.)

Wenn man das nicht mag, sollte man das Burgtheater an Abenden, an denen diese Inszenierung gespielt wird, großräumig umfahren.

Vor zwei Jahren inszenierte Fritsch an der Burg Molières „Eingebildeten Kranken“ – und schaffte dabei nicht weniger, als den Tod lächerlich zu machen. Diesmal zeigt er, wie wenig relevant, wie fragil Identität ist: Der Henker ist eigentlich eine liebesbedürftige Tunte. Der Herrscher macht sich mit erigiertem Penis-Futteral lächerlich. Unter dem Ornat der Äbtissin steckt eine Sexbombe. Der eine Zwillingsbruder vernascht das weibliche Hauspersonal, der andere mag nur Männer, unterscheiden kann man sie nur an der Farbe der Halskrause.

Shakespeares genial geschriebene, aber auch ziemlich jenseitige Doppel-Zwillings-Verwechslungskomödie ist ideal für Fritsch: Zwillingsbrüder, die nicht nur getrennt werden, sondern auch noch den selben Namen bekommen? Und das gleich in zweifacher Ausführung? Man muss schon ziemlich viel an Unwahrscheinlichkeit akzeptieren, damit dieses Stück funktioniert.

Rammel

Fritsch interessiert sich auch kaum für die „Wer bin ich, und wenn ja, warum nicht?“-Handlung. Er nimmt sie als Ausgangspunkt für wildes Bewegungstheater, infantile Wortspiele, irren Slapstick. Da gibt es minutenlange Pantomime, in deren Mittelpunkt ein anhänglicher Nasenrammel steht bzw. hängt. Da gibt es eine großartige Parodie auf die todernsten Shakespeare’schen Degen-Gefechte. Da wird „voll“ auf „Alkoholl“ gereimt, und „Sonette“ auf „Toilette“. Da wird „wohl wahr“ zu „Vulva“ (Fritschs Bühnenbild erinnert übrigens an eine), und „Gespräch und Umgang“ wird zu „Gesäß und Umfang“. Da brüllt jemand „Da ist ein Klo! Ster.“ Oder „Nehmt euch in Sex, sieben, äh, Acht!“ Da rollen Menschen über die Bühne und schreien „Bratspieß! Bratspieß!“ Da schwebt ein Guglhupf vom Himmel. Warum? Ohne Grund. Einfach so.

Das Schauspielerteam – allen voran Dorothee Hartinger und Simon Jensen – ist einfach sensationell, es ist eine Freude, zuzuschauen, mit welchem heiligen Ernst sie diesen herrlichen Blödsinn exekutieren.

Am Ende verbeugen sich die Schauspieler grimassierend in gespielter Zeitlupe, während Regisseur Fritsch vom Schnürboden herab schwebt und umgehend von seinen Darstellern im Souffleurkasten entsorgt wird.

Etwa die Hälfte des Publikums jubelt, die andere schweigt entrüstet. Viele Bravos, ein paar Buhs.

Ob man das mag oder nicht, muss man, wie gesagt, selbst entscheiden. Handwerklich war der Abend aber auf hohem Niveau.