© Maurizio Frullani

Interview
08/01/2021

Autor Veit Heinichen über 20 Jahre Commissario Laurenti

KURIER-Gespräch mit Veit Heinichen: Fall 11 reicht ins besetzte Triest zurück, womit sich deutsche Historiker selten beschäftigen.

von Peter Pisa

Seit 20 Jahren ermittelt Commissario Laurenti in Triest und Umgebung. Jetzt hat ihm Veit Heinichen zum elften Mal Gelegenheit dazu gegeben. Die Vorarbeit waren Gespräche mit 110 Zeitzeugen.

Es geht um Himmler und Globocnic und andere Nazi-Führer, die Massaker im Karst bzw. im Vorort Opicina ermöglichten. Das Know-how für Verbrennungsöfen wurde aus Treblinka ins KZ in der Reisfabrik importiert.

Um italienische Verräter geht es und um Partisanen: „Entfernte Verwandte“ einer ehemaligen Kämpferin gegen die Nazis glauben, 75 Jahre später mittels Armbrust Rache nehmen zu müssen – wobei ihre alte Tante mittlerweile versteht, kein Recht auf Gewalt zu haben: „Vergiss es, niemand ist unschuldig.“

Deutsche Historiker waren bisher nicht so fleißig mit der Geschichte im besetzten Triest beschäftigt. Veit Heinichen könnte helfen.

KURIER: Sie haben dem Roman ein Zitat von Graham Greene vorangestellt: „Unschuld ist eine Form von Geisteskrankheit.“ Darf ich Sie bitten, diesen Satz in Verbindung zum Buch zu bringen, ohne mir zu erklären, dass das Buch die Verbindung ist?

Veit Heinichen: Das Buch ist die Verbindung.

Danke.

Das Bestreben, sich selbst besser darzustellen als man ist, wohnt uns vermutlich allen inne. Es wäre gut zu akzeptieren, dass der Mensch in allem was er tut, politisch ist.

Dass jeder beteiligt ist?

Aktiv oder passiv. Durch Hinschauen und anschließendes Verschweigen oder Verbiegen der Tatsachen. Oder den Dingen den Rücken zudrehen. Wer sich in Passivität unbeteiligt gibt, duldet aktiv die Geschehnisse. Dafür gibt es keinen Freispruch und keine Absolution. Wer das nicht erkennt, leidet an einer Form von Geisteskrankheit oder liegt im Koma.

Sie haben jahrelang recherchiert. Findet man in „Entfernte Verwandte“ die Wahrheit über Nazis, Kollaborateure und Partisanen?

Eine einzelne Wahrheit braucht man gar nicht erst zu suchen. Diese sind meistens mehrheitsfähig interpretierte Darstellungen von objektiven Fakten, die andere Aspekte unterschlagen oder verleugnen. Ein übliches Instrument auch der aktuellen Revanchisten von politisch extremen Rändern, mit denen Geschichte zur Propaganda werden soll. Doch der Widerspruch, etwas fürs Volk zu tun, in dem man es in Wahrheit verrät und in den Tod schickt – dieser Widerspruch von Parteien, die mit Populismus auf Stimmenfang gehen, kennt keine Nationalität. Man findet ihn in Österreich, Deutschland, überall.

Im Buch sagt die Gerichtsmedizinerin: Es braucht wenig, um Menschen wieder zu nationalistischen Bestien werden zu lassen.

Wer nicht in Isolationshaft lebt, entgeht diesen Fakten und Tendenzen kaum. Der Autor ist ein teilnehmender Beobachter. Es reicht, sich im Alltag umzuhören.

Warum eignet sich ein Kriminalroman so gut, Geschichte nahezubringen?

„Der Mensch ist ein Abgrund“, sagte Theodor Adorno. Ein guter Roman muss allen Stimmen ihren Raum geben, den sympathischen wie den unsympathischen, ohne sie zu verfälschen. In Konfliktsituationen werden diese gemeinhin extremer. Und als ich mich vor mehr als 20 Jahren für dieses Genre entschieden habe, gab es gute Gründe: Kein anderes kann so sehr eine Epoche und einen geografischen Raum bis in die Gegenwart widerspiegeln. Und umso mehr Freiheit der Autor seinen Figuren lässt, desto authentischer und lebendiger werden diese.

Gleich nach dem Krieg kamen Täter ungestraft und ungeniert nach Italien zurück, zum Beispiel leiteten ehemalige SS-Offiziere das deutsche Generalkonsulat in Mailand. Schreien Sie voll Zorn, wenn Sie darüber schreiben?

Dann wäre ich ein schlechter Autor. Aber umso tiefer man in die Materie dringt, umso mehr kämpft man mit dem Zweifel am Wesen des Menschen. Wie der Lyriker Gottfried Benn sagte: „Die Krönung der Schöpfung, das Schwein der Mensch.“

Ein „zuagraster“ Staatsanwalt sagt über Triest: Das ist eine Stadt voller Irrer, Faulenzer, Säufer und Schriftsteller. Klingt ziemlich gut.

Ich muss mich sehr über Sie wundern! Der Staatsanwalt nannte das als Kritik, nicht als Qualität! Die Stadt bietet auf jeden Fall eine lange Reihe an spürbaren Vorteilen: Eine sehr hohe Lebensqualität, das saubere Meer vor dem Haus und den wunderschönen Karst hinterm Haus. Dazu befindet sie sich in einer geopolitisch strategischen Position im Herzen Europas und des Mittelmeerraums. Und es ist eine moderne, arbeitsame Stadt. Kein Museum und kein Disneyland. Vergessen Sie aber nicht, dass k & k in extremer Dekadenz und mit Millionen Opfern zu Ende ging.


Veit Heinichen:
„Entfernte Verwandte“
Piper Verlag.
320 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: ****

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