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Literatur
05/02/2020

Le Clézio reist in seinem Alterswerk nach Mauritius

"Alma" heißt der Roman, in dem Familiengeschichte ausgelöscht wird wie es beim Vogel Dodo geschehen ist

von Peter Pisa

Als 2008 verkündet wurde, der Nobelpreis gehe an Jean-Marie Gustave Le Clézio (Foto oben), waren Verlage und Buchhändler gar nicht froh darüber. Schnell wurden Taschenbücher gedruckt, denn

nur ein einziges seiner 40 Bücher lag damals in Übersetzung vor, und es hätte ja sein können, dass Neugierige zugreifen ... Es half alles nichts.

Es heißt immer: Er schreibt so wunderbar.

Und so fad.

Sagen wir lieber so: Le Clézio singt. Und gibt dabei Töne von sich, die aus der Mode gekommen sind. Man könnte sie heute als kitschig bezeichnen.

In „Sturm“ (zwei Novellen, 2017) sang er:

„Die Nacht legt sich über die Insel. Jeden Abend, Lache für Lache, Spalte für Spalte. Die Nacht steigt aus dem Meer auf, dunkel und kalt, verschmilzt mit der Wärme des Lebens ...“

Verwurzelt

In seinem Alterswerk „Alma“ verkünden die Blätter eines Baumes nicht nur „eine Wahrheit“ – der Duft der Blätter parfümiert auch das Wasser für ein Baby. Die Blätter machen das und die Baumsäfte.

Der Franzose wurde vor wenigen Tagen 80 Jahre alt. Er ist weit gereist, seine Heimat ist wahrscheinlich die Sprache.

Jetzt zu „Alma“: Das ist Le Clézios Liebeserklärung an die Landschaften von Mauritius – einst niederländische, portugiesische, französische, britische Kolonie im Indischen Ozean.

Die Familie seines Vaters stammt von der Insel. Bis zur Spanischen Grippe 1918 gehörte man zu den mächtigen Plantagenbesitzern. Tabak und Zuckerrohr.

Die Plantage hieß: Alma.

Alma“ ist, wie meist im Werk dieses Schriftsteller-Dichters, ein Schritt zu den eigenen Wurzeln.

Deshalb schickt er sich selbst in Gestalt eines Mittvierzigers namens Jéremy Felsen nach Mauritius. Der letzte Spross der Familie ist das. Er will seiner Mutter in Frankreich irgendetwas mitbringen, das an alte Zeiten erinnert.

Jéremy hat einen Stein mit, sein Vater behauptete, es sei ein Stein aus dem Magen eines Dodos. Diese Vögel, die nur auf Mauritius vorkamen, fraßen tatsächlich manchmal Steine.

Der Dodo, groß wie ein Schwan, konnte nicht fliegen, er brütete auf dem Boden. Schweine und Ratten, von den Fremden an Land gebracht, fraßen seine Eier. Ums Jahr 1690 starb der Dodo aus.

Spuren hat Jéremy Felsen keine gefunden.

Aber vom Kolonialismus. Von den Sklaven. Reste der Lager entdeckte er. Ruinen eines Gefängnisses, in dem jene schwarzen Plantagenarbeiter inhaftiert waren, die es gewagt hatten, auf den Feldern beim Arbeiten laut miteinander zu reden; oder sie sind eingenickt.

Zerfetzt

Le Clézio, dieser Abenteurer der Poesie, verschachtelt. Kompromisslos schiebt er eins ins andere und darüber und darunter.

Jéremy – warum das denn jetzt? – steigt einer kaum 17-Jährigen nach, und parallel wird von einem obdachlosen Einheimischen erzählt, Dodo genannt, der nach Paris reist und seine Kollegen Clochards trifft. Brüderlich geht’s dabei nicht zu. Weder das heutige Frankreich kommt in „Alma“ gut weg noch Mauritius mit dem Hypertourismus und den Hochhäusern.

Der Dodo ist ausgelöscht wie die Geschichte der Familie Felsen (der Familie Le Clézio).

Die Geschichte ist immer ein zerfetztes Gewebe, das schnell zur Gänze zerfällt.

 

J.M.G
Le Clézio:

Alma
Übersetzt von Uli Wittmann.
Kiepenheuer
& Witsch Verlag.
368 Seiten.
25,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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