© Nina Subin

Literatur
03/27/2021

Kriminalrätsel zwischen heißem Wasser und meterhohem Schnee

Die Amerikanerin Julia Phillips und ihr Roman "Das Verschwinden der Erde" über die Halbinsel Kamtschatka und eine Entführung

von Peter Pisa

Was soll man machen, wenn in einem Thriller gleich am Anfang zwei Mädchen entführt werden?

Ihn weglegen.

Ausnahme: Wenn der Thriller auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka spielt, wo es – man wird wahrscheinlich trotzdem nicht hinkommen – im Dorf Paratunka eine Hotelanlage gibt, vier Stern, lauter Holzhäuser, rund 250 Euro die Übernachtung für Zwei mit Thermalpool nah bei den Geysiren, mitten in Schnee und Eis.

Auf Kamtschatka passt das zusammen.

Man muss das Buch auch deshalb nicht weglegen, weil die Amerikanerin Julia Phillips zehn Jahre an „Das Verschwinden der Erde“ geschrieben hat. Sie recherchierte in der Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski, und was sich als Thriller vorstellt, ist ein Gesellschaftsroman mit Landschaftsbildern.

Auto abschlecken

Er besteht aus Porträts von Frauen, denen es nicht gut geht, etwa weil sie nicht zur russischen Elite gehören, sondern zur Volksgruppe der Ewenen. Ein paar Männer kommen vor, die ihre Macht ausspielen wollen.

Immer gibt es Verbindungen zu den entführten Golosowskaja-Schwestern, sodass trotz anderer Schwerpunkte eine finstere Atmosphäre über allem liegt.

Da kann 90 Grad heißes Wasser neben drei Meter hohem Schnee sprudeln und sich ein Braunbär aufs Auto legen, um die Motorhaube abzuschlecken. Da kann von 8000 Rentieren erzählt werden, die nachts an den Jurten vorbeiziehen. Da können Rindszungen gehäutet und mit Zwiebel und Sellerie gekocht werden. Und auch wenn getanzt wird, wenn man sich aufs Folklorefestival in Wladiwostok vorbereitet, sind in den Köpfen der Menschen die Fragen:

Was hat der Entführer mit den Mädchen gemacht? Außer Landes gebracht wird er sie nicht haben. Kamtschatka, bis 1990 militärisches Sperrgebiet, ist auf dem Landweg nicht zu verlassen, im Norden ist das russische Festland unpassierbar. Hatte er Helfer im Hafen? Es ist ja noch ein Mädchen vor einiger Zeit verschwunden. Die Polizei ist nicht sonderlich interessiert. Werden wohl ermordet worden sein.

Eine Formulierung, die man sich gern aneignen wird:

Jemand packt den Zorn am Schwanz, bevor er davonfliegt.

 

Julia Phillips:
„Das Verschwinden der Erde“
Übersetzt von
Pociao und  Roberto de Hollanda.
dtv.
376 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: ****

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