Katerina Poladjan und ihre magische Zeitmaschine
Ein Mann auf der Couch, eine schäbige römische Villa, eine berühmte Treppe in Odessa und ein Ferienort an der bulgarischen Schwarzmeerküste: Katerina Poladjan erzählt in ihrem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Roman „Goldstrand“ die Geschichte einer Familie, eines Jahrhunderts und eines Kontinents. Nebenbei streift sie Kino-, Literatur- und Architekturgeschichte von Italo Calvino bis Sergej Eisenstein.
All das macht sie äußerst leichtfüßig und knapp. Auf nur 160 Seiten schafft Katerina Poladjan Welten, in denen man sich schnell verlieren kann.
„Goldstrand“ wird mit dem Bild der 142 Meter langen Potemkinschen Treppe in Odessa eröffnet. Filmbegeisterte erkennen hier Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“, und sie haben recht. Geschichtsinteressierte wiederum wissen: In Odessa legten 1922 die sogenannten „Philosophenschiffe“ ab, auf denen Russland dem Regime Unbequeme wie Schriftsteller, Wissenschafter und Philosophen ausweisen ließ. Auch davon wollte Katerina Poladjan erzählen.
Falsche Fährten
In ihrem Roman beginnt hier in Odessa außerdem jene Geschichte, die der auf der Couch liegende Eli Fontana, ein gealterter Regisseur, seiner „Dottoressa“ gegenüber als seine Familiengeschichte und zugleich seinen letzten Film ausgibt. Doch beides, die Patienten-Therapeuten-Situation ebenso wie die angebliche Familiengeschichte, könnten falsche Fährten sein. Denn Katerina Poladjan ist Meisterin im Fährtenlegen, sie ist Meisterin der Auslassung und der Verdichtung.
Sie braucht wenige Worte, um sehr viel zu sagen.
Diese Erzählökonomie ist nicht zufällig, sie folgt einem Plan. „Mein Schreiben an einem Roman beginnt mit einem Ton, einer Idee, ein paar Punkten, die mich interessieren, einigen Charakteren. Der große Plan entsteht erst später mithilfe von Zeittafeln, Figurenbiografien, Fahrplänen, historischen Umständen. Aus diesem Puzzle ergibt sich irgendwann eins aus dem anderen, zum Beispiel, dass Eli 1961 am Goldstrand gezeugt wurde. Es ist ein langer Weg mit vielen Umwegen, Fehltritten und glücklichen Zufällen.“
Verschleiern und erhellen
Literatur bedeutet für Katerina Poladjan, „die Welt in der Fantasie auseinandernehmen und dann probehalber neu zusammensetzen“. So formulierte sie es in ihrer Dankesrede zum Leipziger Buchpreis 2026. Im Interview mit dem KURIER präzisiert sie: „Für mich liegt darin das Wesen der Literatur, die die Welt ja immer nur in Ausschnitten wahrnehmen und wiedergeben – also erzählen – kann. Wir lesen also eine Zusammensetzung von Ausschnitten, und das ist ein Vorgang, der verschleiernd oder erhellend wirken kann, manchmal vielleicht sogar visionär.“
Persönliche Geschichte
Katerina Poladjan verarbeitet in ihrem fünften Roman auch persönliche Geschichte. Sie wurde 1971 in Moskau geboren. Ihre Eltern, Künstler, wurden in den 1970er-Jahren, ähnlich wie zur Zeit der Philosophenschiffe, aufgefordert, das Land zu verlassen. Über Wien und Rom kam die Familie nach Berlin, wo Poladjan heute noch lebt. Sie studierte dort Kulturwissenschaften, arbeitete zunächst als Schauspielerin, unter anderem in Oliver Hirschbiegels Kinospielfilm „Der Untergang“. 2011 erschien ihr erster Roman „In einer Nacht, woanders“. Ob es Gemeinsamkeiten zwischen diesen Berufen gebe? Durchaus. Etwa könne die Verkörperung eines Charakters die fiktionale Einfühlung generell trainieren.
Rom einst und jetzt
Das Thema Film beschäftig Poladjan derzeit vor allem hinter der Kamera. Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Regisseur Henning Fritsch, hat sie vergangenes Jahr mit dem Dokumentarfilm „Ancora un dialogo di Roma“ eine filmische Überschreibung von Marguerite Duras' Film „Il dialogo di Roma“ (1982) geschaffen. Der Film der Schriftstellerin Duras besteht aus Bildern der Stadt Rom im Jahr 1982, der Film der Schriftstellerin Poladjan aus Rom-Bildern des Jahres 2024. Rom hat Poladjan in vieler Hinsicht geprägt: Als Kind, auf der erzwungenen Ausreise aus Moskau, lebte sie hier ein Jahr mit ihrem Eltern. 2024 brachte ein Stipendium sie zurück in die Stadt, die nun auch ihren Roman „Goldstrand“ maßgeblich formt.
Ihr Schreiben, sagt Poladjan, sei eine „seltsame Mischung aus Kalkül und geradezu willkürlichen Setzungen“. Sie wollte einen europäischen Roman schreiben, und sie wollte über die Philosophenschiffe schreiben.
Sie war ein Jahr in Rom. Ein verregneter Urlaub verschlug sie an die bulgarische Schwarzmeerküste. „Dann beugte ich mich über eine Karte von Europa und stellte fest: Sobald ich die Willkür des Schicksals ernst nehme, mit der Menschen am einen oder anderen Ort geboren werden, sich von dort aus auf Reisen begeben oder gezwungen sind, sich auf den Weg zu machen, spannt sich ein Panoptikum von Schicksalen mit aller Ungerechtigkeit, Schönheit, Grausamkeit und Absurdität auf. Die inneren Kämpfe der Figuren ergeben sich fast wie von selbst.“
Katerina Poladjan will mit ihrem Schreiben Räume öffnen. Sie sucht „Spielräume“, aber niemals Endgültigkeit. Denn: „Es ist immer interessanter, Fragen zu stellen, als die Antworten zu geben.“
Katerina Poladjan:
„Goldstrand“
S. Fischer.
160 Seiten.
23,95 Euro