„Ich war ein unmögliches Kind“
„Natürlich“, sagt Josef Winkler, gibt es in seinem neuen Roman wieder „gotteslästerliche Passagen und das macht mir eigentlich einen großen Spaß“.
Vieles wird man im neuen Roman des Büchnerpreisträgers wiedererkennen: Die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus, mit den patriarchalen Verhältnissen, mit Sprachlosigkeit, mit Missbrauch und mit seelischer und körperlicher Gewalt.
In „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ kehrt Winkler in sein „kreuzförmig gebautes“ Kärntner Heimatdorf Kamering zurück.
An seiner Seite seine fünf Jahre ältere Schwester Maria, die ihm von allen Geschwistern am nächsten stand, wie Winkler im Gespräch mit dem KURIER erzählt. „Weil sie ja anders war als meine anderen Geschwister und weil auch ich als Kind schon anders war. Von der Empfindlichkeit und vom Empfinden waren wir uns in gewisser Weise ähnlich. Ich war ein sehr widerspenstiges, widerborstiges, unmögliches Kind, sie hat mich oft verteidigt.“
An ihrer Seite
Und auch er verteidigte sie. Maria, genannt „Mitzele“, lernte später den Beruf Konditorin, erkrankte psychisch, wollte sich mehrmals das Leben nehmen. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in einem psychiatrischen Pflegeheim. „Als ich ein Kind war, hat sie ein Auge auf mich geworfen. Später bin ich immer an ihrer Seite gestanden.“
Im Dorf, in der eigenen Familie, wurde die Frau, die nach einem traumatischen Erlebnis mit Depressionen kämpfte, für „verrückt“ erklärt. Im Buch deutet Winkler sexuellen Missbrauch durch den Großvater an.
„Ich rede nie direkt davon im Buch, aber man spürt es und es gibt Andeutungen und Hinweise. Die Schwester hat es nicht sagen können, aber mir war klar, da muss was Größeres passiert sein.“
Gerettet durch Bücher
Die Heimkehr der verlorenen Tochter und die Rückkehr des verlorenen Sohnes ziehen sich durch das ganze Buch. Sie blieb, er ging wieder fort.
Das Erlebte steht im Zentrum des bildhaften Schreibens des heute 73-Jährigen, den das Lesen und das Schreiben aus den repressiven Verhältnissen gerettet haben.
Als traumatisches Erlebnis schildert er den Moment, als er seine Mutter fragte, ob sie ihm Geld für ein Buch geben könne. Und sie, die ihr ganzes Leben kein Buch gelesen hatte, sagte: „Für Bücher haben wir kein Geld“: „Das hat mich schwerst getroffen.“ Der damals 12-Jährige hatte soeben die Bücher von Karl May entdeckt und überlegte, wie er an weitere herankommen konnte. „Ich habe einen kriminellen Weg gewählt und Geld von meinem Vater zu stehlen begonnen, um mir Bücher zu kaufen. Später hab ich im Dorf das Kirchenblatt ausgetragen. Das habe ich brav jahrelang gemacht und zum Schluss habe ich dem Pfarrer einfach das Geld dafür nicht mehr gegeben. Damit habe ich dann auch Bücher gekauft.“
Nach der achtklassigen Dorfvolksschule besuchte Winkler die Handelsschule in Villach. „Zwei Klassen hab ich geschafft, die dritte nicht mehr, weil ich so viel gelesen habe. Ich habe über Jahre hinweg Geld gestohlen, um mir Bücher kaufen zu können, und ich habe mir eine Bibliothek im Elternhaus angelegt. Kein Mensch hat gefragt, woher das kam. Das war das Glück in meiner Kindheit, bei all dem, was so passiert ist. Keiner hat gefragt, wohin gehst du, wo bist du, wo warst du, was denkst du? Niemand hat einem was vom Gesicht abgelesen. Ich musste mich nie rechtfertigen. Es hat mich niemand durchschauen können.“
Camus’ „Pest“
Mit 14 Jahren stieß Josef Winkler im Bücherregal seiner Lehrerin auf „Die Pest“ von Albert Camus. „Bei den Rowohlt-Taschenbüchern war auf den letzten Seiten immer eine Werbung für andere Bücher. Hemingway, Faulkner, Sartre. So habe ich zu großer Literatur gefunden.“ Mit 19 las er „Ulysses“ von James Joyce. „Da gibt es sehr blasphemische Stellen, die haben mir imponiert. Ich war ja sieben Jahre lang Ministrant. Schließlich habe ich es durch eine Intrige zum Erzministranten gebracht, wie der Pfarrer mich genannt hat. Als ich mein Schreiben entwickelt habe, bin ich draufgekommen, mit welcher Leichtigkeit ich selbst blasphemische Fantasien entwickeln kann. Ich wusste bald: Das gehört zu meinem Stoff.“
Später entdeckte Josef Winkler die französischen Surrealisten, auch der aktuelle Roman ist davon geprägt. So wird etwa aus dem Buch „Die unbefleckte Empfängnis“ der surrealistischen Lyriker André Breton und Paul Éluard zitiert. Im Film fand Winkler Ähnliches, etwa bei Luis Buñuel, dessen Filme damals auch Villach und Spittal an der Drau erreichten. „Ich bin kein Theatergeher, sondern Leser und Kinogeher. Lesen und Kino, das war für mich immer das Ein und Alles und ist es heute noch.“
Das Bildhafte bestimmt sein Schreiben: „Bei Suhrkamp sind 21 Bücher von mir erschienen und es gibt in diesen 4000 Seiten wenige Sätze, die nicht aus einem Sprachbild bestehen.“ Da sind dann Sätze wie dieser zu lesen: „In der Unordnung meines Seelenscheiterhaufens kann ich kein Feuer mehr für dich entfachen.“
Das Spielzeug Sprache
Für den aktuellen Roman hat Winkler sich wieder stark mit surrealistischer Literatur befasst. „Ich habe begonnen, mich in die Sprache der Surrealisten hinein zu fantasieren, um Stoff zu erfinden. Denn das Spielzeug Sprache liegt nicht einfach auf dem Tisch, man muss es erst erfinden, bevor man damit zu spielen beginnen kann. Wortspiele, Sprachspiele, verrückte Formulierungen.“
Nach jedem Buch müsse er die verlorene Sprache wieder neu erfinden und mit ihr eine Art Floß bauen. „Wenn es einmal so weit ist und ich auf diesem Floß stehe und das Ruder der Sprache in die Hand nehmen kann, kann es sehr schnell gehen. Dieses Buch, obwohl es eines meiner schwersten Bücher ist, habe ich mit einer Leichtigkeit geschrieben, wie noch keines.“
Zuhause bei Handke
Wo fühlt sich Josef Winkler Zuhause? „Im Film und in der Literatur.“ Am meisten vielleicht bei Peter Handke. „Wenn ich 20 Seiten aus einem Buch von Peter Handke lese, habe das Gefühl, ich habe 200 gelesen, so groß ist seine Vielfalt und seine Formulierungskunst. Wenn ich seine Bücher lese, streiche ich die Sätze an, die mich besonders interessieren, um sie nachzulesen. Dann gibt es immer wieder Sätze, die muss ich fünfmal lesen. Ich finde sie wunderbar, aber ich komme nicht dahinter, ich kann sie nicht nachahmen. Peter Handke hat auch keine Epigonen. Von Thomas Bernhard gibt es Tausende. Handke hat keinen. Den kannst du nicht nachmachen. Da kannst du dir Inspiration suchen. Das Schauen, das Hinschauen. Empfindlichkeit, Empfindsamkeit. Erkennen, wahrnehmen, respektieren.“
Josef Winkler:
„Das Glück
ist ein Engel
mit ernstem
Gesicht.“
Suhrkamp.
431 Seiten,
26,80 Euro