Cornelia Travnicek: Ihre reale Welt ist die Virtual Reality
So halbwegs schupft Wally ihr Leben mit Langzeitpartner Matthias, Tochter Vallie, dem Job und den Laufenten, die im Garten dem Kater hinterherjagen. Es ist kein perfektes Leben, aber irgendwie geht es sich aus. Bis es sich irgendwann nicht mehr ausgeht. Dass ihre Tochter ADHS hat, weiß Wally längst. Aber was ist eigentlich mit ihr los? Sie ist unkonzentriert, schafft es nicht, Dinge, die sie begonnen hat, zu Ende zu bringen. Schon gar nicht in der richtigen Reihenfolge. Sie fühlt sich überlastet und hyperaktiv zugleich. Geschirrabwaschen, Staubsaugen oder einfach die Frühstücksreste von vor zwei Tagen wegräumen, überfordert sie. Andererseits hat sie den Ehrgeiz entwickelt, nebenbei Aquarellmalkurse zu belegen und einen üppigen Garten zu bewirtschaften. Und sie hat Angst.
Manchmal glaubt sie, sie verwandelt sich, in ein Eichhörnchen zum Beispiel. Ihre irrationalen Ängste versucht sie, mit Tabletten in den Griff zu bekommen. Merkt ohnehin keiner. Ihr Mann findet sie höchstens ein bisschen chaotisch, vielleicht sogar neurotisch. Bis Wally zusammenbricht. Dass dann auch noch das Haus überschwemmt wird, ist da nur mehr eine Fußnote.
Noch ganz normal?
Was ist eigentlich „normal“? Und wie wenig normal ist es, „normal“ zu sein? Diese Frage thematisiert Cornelia Travniceks Roman „Ich erzähle von meinen Beinen“. Ihrer höchst liebenswerten Protagonistin Wally gelingt vieles, nur nicht die Anforderungen des Alltags und dessen, was als „normal“ angenommen wird.
Statistisch gesehen haben von 100 Menschen vier eine Form von ADHS. Gehört auch Wally dazu? Oder ist nicht auch vieles, das Wally macht, sehr nachvollziehbar?
Wer hat nicht schon einmal damit begonnen, einen Kasten aufzuräumen und sich dann in alten Fotoalben verloren? Wer kennt sie nicht, die sogenannte Aufschieberitis, die das dringend zu Erledigende zugunsten von nicht so Dringendem verschiebt? Den Anspruch auf Perfektionismus, der sich in völliger Handlungsunfähigkeit übersetzt? Es ist ein geringer Teil dessen, was Wally erlebt. An ihr zehrt das Gefühl von „konstanter neuronaler Gewichtheberei“, es machte einen „fertig, bevor man überhaupt mit irgendwas angefangen hat.“
Cornelia Travnicek sagt: „Die Kunst des Erzählens ist es, den Leser, die Leserin in eine Figur hineinzuversetzen. Wenn jemand über 400 Seiten dem Leben einer Figur und ihrer Persönlichkeit folgt und am Ende auch bei den absurdesten Gedanken oder Entscheidungen sagen kann: Ja, ich verstehe diese Figur.“
Cornelia Travnicek beherrscht diese Kunst zweifellos. Geboren 1987 in Sankt Pölten, steht Travnicek seit 20 Jahren mehr oder weniger in der Öffentlichkeit. Sie schrieb Kurzgeschichten und berichtete unter dem Titel „Bis Klagenfurt anruft“ auf einem renommierten deutschen Online-Portal aus dem Leben einer Jungautorin. 2012 rief Klagenfurt tatsächlich an. Travnicek las beim Bachmann-Preis und gewann den Publikumspreis.
Und dann kam „Chucks“
Wenig später erschien „Chucks“: Die hinreißende Geschichte der jungen Mae, die als Punk durch die Straßen Wiens zieht, von Dosenbier und den Gesprächen mit ihrer Freundin über Metaphysik lebt, bis sie sich bei der Arbeit im Aidshilfe-Haus in den sterbenskranken Paul verliebt. Travniceks Romandebüt war 2012 eine kleine Sensation und katapultierte sie umgehend in die erste Liga österreichischer Jungautoren. Schon davor hatte Travnicek Literaturpreise eingeheimst und Prosa veröffentlicht. Später folgten weitere Romane, Übersetzungen und Lyrik, etwa ihr Gedichtband „Parablüh“, in dem sie auf die Lyrik der Amerikanerin Sylvia Plath zurückgreift.
Vom Schreiben allein zu leben, war trotz des Erfolgs keine Option für sie. Cornelia Travnicek hat Sinologie und Informatik studiert, kurz ein Bubble Tea-Geschäft namens „Tealicious“ in Krems betrieben und arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Hier werden Computersimulationen, etwa für Hochwasser, gemacht, erzählt sie beim Treffen mit dem KURIER. Und nein, sie hat nie daran gedacht, den Brotberuf an den Nagel zu hängen. Erstens mag sie ihn und zweitens kann sie mit der Frage, ob es denn möglich wäre, vom Schreiben allein zu leben, nicht viel anfangen. „Es kommt nicht auf das Ob, sondern auf das Wie an.“
Cornelia Travnicek sieht ihr Gegenüber sehr aufmerksam an, so, wie das auch ihre Protagonistin im aktuellen Roman tut. Das dunkle Haar hat sie zu Dreadlocks geflochten wie damals, beim Auftritt in Klagenfurt. Manches, nicht alles hat sich seither verändert. Die sogenannte reale Welt wollte Travnicek nie aufgeben. Denn diese „reale Welt“, sagt sie, sei auch der Schriftstellerei zuträglich.
Cornelia Travniceks Interessen für Technik und Literatur haben einander nie ausgeschlossen, sondern ergänzt. Schon als Jugendliche las sie die Science-Fiction-Romane des russisch-amerikanischen Biochemikers und Kultautors Isaac Asimov. „Ich habe immer gefunden, dass sich Technik und Literatur gegenseitig beeinflussen. Denn die Möglichkeiten der Technik eröffnen uns neue Visionen. Diese werden dann in der Literatur und in Filmen wieder reflektiert. Literatur und Film, also Fiktion, treten so in einen Dialog mit der Technik.“
Nicht mehr allein kämpfen
Im sogenannten realen Leben zu arbeiten: Das stand für Cornelia Travnicek nie zur Debatte. Und so, aber auch durch ganz persönliche Erfahrungen ist sie nun auf das Thema ADHS gekommen.
Travnicek möchte mit ihrem Buch „Einblick und Verständnis“ in dieses „Spektrum des Menschseins“ geben. Mag sein, dass das Thema öffentlich gerade gut besprochen wird. Was ihr wichtig war: Darauf hinzuweisen, dass vor allem Mädchen und Frauen von einer Variante von ADHS betroffen sind, die häufig unterdiagnostiziert ist, weil sie nach innen gerichtet ist. In Form von Tagträumereien, Ängsten und Sorgen, übertriebenem Nachdenken über alles. Hauptsache, nicht anecken und niemanden enttäuschen.
Das gelte auch für andere sogenannte Frauenthemen. Travnicek hält es für wichtig, darüber zu reden. „Früher hat man über viele Themen geschwiegen. Jede Frau hat ihren Kampf alleine geführt. Darüber Reden ist Selbstermächtigung.“
Cornelia Travnicek:
„Ich erzähle von meinen Beinen“
Picus.
448 S. 26,95 €