Robert Menasse: "Ich habe geheult"
Während draußen protestierende Bauern mit ihren Traktoren die Stadt lahmlegen, darbt im Büro eines Brüsseler EU-Kommissionsbeamten ein Ficus-Bäumchen vor sich hin.
Die Pflanze schwebt seit Jahren zwischen Leben und Tod. Das Bäumchen kann nicht sterben und schaut trotzdem schlecht aus.
Wie zunehmend auch sein Mitbewohner in dieser Brüsseler Bürokratenzelle.
Franz Fiala, 58. Aus einfachen Wiener Verhältnissen stammend, hat er es zu Doktorwürden und zum Top-EU-Beamten-Job gebracht. Er hat seine Mutter stolz gemacht und ist sich selbst und seinen Prinzipien treu geblieben. Er hat getan, was er für richtig gehalten hat. Einen beträchtlichen Teil seines Erwerbslebens hat er dem Green Deal-Programm der EU-Kommission, dem Plan für ökonomischen Wandel, gewidmet. Fiala steht mit seiner ganzen persönlichen Überzeugung dahinter.
Allerdings werden seine Überzeugungen zusehends von jenen verraten, in deren Dienst er steht. Den „Elitebürokraten, die ununterbrochen den Ahnungslosen zuriefen: „Wir verstehen euch“. Jenen, die den Bauern, die im Brüsseler Europaviertel ihren Mist abladen, am Ende recht geben. Ganz so, wie es auch im Leben abseits des Romans der Fall ist.
Robert Menasse:
„Die Lebensentscheidung“
Suhrkamp.
158 Seiten.
23,95 Euro
Der Frust über den Populismus der Politik, die sich den sogenannten Protestwählern beugt, bringt Franz Fiala schließlich dazu, eine Entscheidung zu treffen. Er will seiner Beamtenkarriere den Rücken kehren und den Rest seines Lebens genießen. Gute Bücher lesen, reisen, anständigen Wein trinken. Friedlich leben.
Doch Franz Fiala hat sich getäuscht. Er hat sein Leben weit weniger in der Hand, als er es zunächst vermutet. Unerwartete, heftige Schmerzen treten auf. Diagnose: Krebs. Die Lebensentscheidung, die er eben noch zu treffen glaubte, wird durch einen Wettlauf mit dem Tod abgelöst: Franz Fiala, alleinstehend, kinderlos, hat nur noch seine 98-jährige Mutter. Er will sie unbedingt überleben.
Todesmetapher
Das ewig sterbende Ficus-Bäumchen ist die erste von mehreren Todesmetaphern in Robert Menasses Novelle „Die Lebensentscheidung.“ Für den krebskranken Protagonisten, der, wie seine resolute Mutter findet, zunehmend „schlecht ausschaut“, aber wohl auch für den realen Green Deal, mit dem die Europäische Union Welt-Vorreiterin in Sachen Klimaschutz werden wollte und der jetzt, dank jahrelanger Verwässerungen, in Trümmern liegt.
Die Beweggründe seines Protagonisten, alles hinzuschmeißen, kann Menasse nachvollziehen, wie er im Gespräch mit dem KURIER sagt: „Sie müssen sich vorstellen, Sie arbeiten jahrelang in der Europäischen Kommission an der Entwicklung des Green Deal mit. Und dann wird er geschreddert. Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder, Sie sagen sich, na gut, das war mein Job und was dann damit geschieht, das ist die Entscheidung der politisch Verantwortlichen. Oder Sie sagen, ich pfeif drauf, weil ich habe das aus Überzeugung gemacht und ich kann nicht akzeptieren, dass diese Sache wegen Populismus und Feigheit wieder schubladisiert wird.“
Viele Beamte in Brüssel, sagt Menasse, hätten es „ungeheuerlich gefunden, beim Green Deal politisch nachzugeben. Vor allem auch deshalb, weil die Gegner nachweislich Lügen verbreitet haben. Das gilt genauso für Mercosur.“
Mit Franz Fiala hat Menasse nun eine Romanfigur geschaffen, die stets von der Sinnhaftigkeit des europäischen Projekts überzeugt war und nun frustriert über den gegenwärtigen Zustand der Europapolitik ist. Im Besonderen über die momentane Ausrichtung der Europäischen Kommission und deren Präsidentin. Eine schöne Pointe im Buch ist, dass Franz Fialas Mutter glaubt, er sei der Berater der Präsidentin.
Fiala trifft also eine Entscheidung. „Diese Entscheidung ist durchaus auch pathetisch aufgeladen. Ich werfe jetzt alles hin! Dass der Begriff Lebensentscheidung eine andere Bedeutung bekommt, wenn es um das Leben buchstäblich geht, das weiß er da noch nicht“, sagt Menasse.
Flimmernde Hitze
Robert Menasse kennt das selbst: Eine Entscheidung zu treffen, von der man weiß, sie wird das ganze Leben verändern. Von 1981 bis 1988 war er Gastdozent an der Universität São Paulo, Brasilien. Er unterrichtete Philosophie und hatte vielversprechende Karrieremöglichkeiten. Doch er wollte Schriftsteller werden. Als sein erster Roman erschien, entschloss er sich zur Rückkehr nach Österreich und kündigte. „Ich bin von der Uni in São Paulo über die Stadtautobahn nach Hause gefahren. Es war ein heißer Tag. Vor mir lag das silbergraue Band der Stadtautobahn, darüber Luftspiegelungen, wie Wasser, in das ich hineinfahre. Aus dem Autoradio kam sehr laut Sambamusik. Es war ein unglaublich emotionaler Moment. Ich habe ein Leben mit einer schönen Perspektive beendet und mich für ein anderes entschieden. Die Entscheidung war richtig, und gleichzeitig habe ich deswegen geheult.“
Ein Schöpfungsakt
Als Schriftsteller kann Menasse Lebensentscheidungen für seine Romanfiguren treffen. Ein Gedanke, der ihm schon früh bewusst wurde, „Ich habe Dostojewski gelesen und gedacht: Das ist ein unglaublicher Schöpfungsakt. Er erfindet eine Welt und besiedelt sie mit Menschen. Und die erfundene Welt spiegelt die wirkliche. Das ist magisch. Es hängt wie ein unsichtbares Schild über meinem Schreibtisch, dass ich mir damals gedacht habe: Das will ich auch können.“
Auf die Pathosdrüse
Lebensentscheidungen sind mit Pathos verbunden, weiß Robert Menasse. Als Autor drückt er dennoch nicht auf die Pathosdrüse. Als sein EU-Beamter seine jahrzehntelang aufgebaute belgische Biergläserkollektion verschenkt, huscht höchstens ein Hauch von Erinnerung am Leser vorüber. Das Pathos des Augenblicks gehört Franz Fiala allein.
Wie Franz Fialas Geschichte endet, soll hier nicht verraten werden. Eine Überraschung gibt es allerdings.
Gehört Menasse zu den Autoren, die das Ende ihrer Romane von Anfang an kennen?
„Es gibt zwei Arten von Autoren. Die einen schreiben ihre Literatur so, wie die Seidenraupe ihre Seide spinnt. Das ist kostbar, schön, faszinierend, aber die Seidenraupe weiß nicht wirklich, was sie macht. Und dann gibt es die Baumeister, die vorher einen Plan haben. Ich bin eher der Typ Baumeister. Nach drei Glas Wein mit einem Schuss Seidenraupe.“