„Sie stellen mir Fragen!“
Keiner weiß, was er damals getan hätte. Schon klar, aber „die Wahrheit geht weiter“. Norbert Gstrein über Kriege von gestern und heute und seinen Roman „Im ersten Licht“.
KURIER: „Befreien Sie sich aus Ihrem Leben und suchen Sie sich ein neues“, wird Ihrem Protagonisten geraten. Kann man sich irgendein Leben aussuchen und es zu seinem eigenen machen?
Norbert Gstrein: Sie stellen mir Fragen! Antworten, die sich in einem Roman vergleichsweise leicht geben lassen, lassen sich im wirklichen Leben nicht so leicht geben. Ich würde wie ein Lebensberater klingen, wenn ich darauf eine direkte Antwort hätte. Die indirekte ist: Wir spielen natürlich immer auch Rollen. Wir haben Vorstellungen davon, wer wir sind, wer wir sein könnten. Insoweit könnte man am ehesten sagen, man hat nicht ein ganz festgeschriebenes Leben, sondern man kann sich ein Leben erobern. Natürlich kann man das.
Schriftsteller können dem, was Schicksal genannt wird, zuvorkommen und wenn schon nicht das eigene, aber doch Leben bestimmen. Umgekehrt gab es zuletzt in der Literatur den Trend des autobiografischen Schreibens, wo Autoren Variationen von Erlebtem schreiben und situationselastisch sagen, ja, das bin ich oder auch nicht.
Ich würde es nicht für mich reklamieren, aber an einer Oberfläche könnte man an meine letzten vier Romane sicher die Fragen stellen: Ist das auch irgendwie Autofiktion? „Irgendwie“ ist vieles Autofiktion. Literatur kann und sollte vielleicht aber auch mehr sein als nur, dass jeder sehr tief in sein Inneres schaut und dann etwas daraus hervorkramt, je nach Bedarf fiktiv oder nicht. Wenn man sich zu weit vorgewagt hat, kann man sich damit auch schnell wieder aus der Affäre ziehen.
Sie gehen am Schluss Ihres Romans zart ironisch auf die Befindlichkeiten vieler Autoren ein, die von ihrem Leiden an der Provinz schreiben.
Das ist auch eine Art Selbstbespiegelung. Man kann in dem Autor, zu dessen Lesung Adrian am Ende geht, auch mich sehen. Sein Blick auf diesen Autor, der aus seinem ersten Buch liest, ist sehr kritisch. Adrian ist ein Altösterreicher mit einer ganz anderen Herkunft, und er denkt sich: Naja, noch eine kleine Geschichte über das Aufwachsen in den Bergen oder auf dem flachen Land. „Diese heutigen Kleingeister“, denkt er, „wissen nicht, was Österreich einmal gewesen ist.“ Eine klare Absage also an das, was wir Anti-Heimat-Literatur nennen.
Dieses Etikett hat man Ihnen auch aufgeklebt.
Ja, und ich habe dann die Flucht ergriffen. Diese ganze Anti-Heimat-Literatur, oft aus der Provinz kommend, hat ja auch davon profitiert, dass andere Literatur, die in Österreich auch geschrieben worden ist, oder hätte geschrieben werden können, plötzlich weniger existiert hat. Wir alle nehmen als Nachfahren Positionen ein, die sonst vielleicht andere eingenommen hätten. Zum Beispiel Nachkommen der vertriebenen und ermordeten Juden. Wären nicht so viele vertrieben und ermordet worden, hätte es nach dem Krieg viel mehr urbane Literatur in Österreich gegeben.
Ihr Roman beginnt in der Zeit des Ersten Weltkriegs in einem Salzburger Sommerfrischeort. Dort hasst man Wien aus vielen Gründen. Wegen der Reichen, der Sozialisten, der Juden, der Wiener. Adrian sagt: „Wien liegt nicht in meiner Richtung.“
Das sagt er am Anfang. Er übernimmt, was sein Vater gegen diese „jungen, wohlgestellten Herren“ hat, die dann als Kavalleristen in den Ersten Weltkrieg ziehen, er nennt sie „Wiener Gecken“. Später sagt Adrian, so viel sei verloren gegangen mit der Monarchie. Er sagt: „Was sind wir? Beschränkte Alpentrottel.“ Am Ende hat er sogar Sehnsucht nach den „Wienern“, die Gecken sein mögen, aber wenigstens nicht mit dieser erdenen Schwere der Provinz beladen.
Adrian lernt eine reiche Familie kennen, die im Ort, wo er herkommt, eine Villa hat. Sie wird später Erholungsstätte für Kriegsversehrte. Ein eindrucksvolles Bild. Wie kamen Sie darauf ?
Ich war sehr beeindruckt von Michael Ondaatjes „Der englische Patient“. Das Bild dieses Versehrten mit seinem Gesichtsverband, auch aus der Verfilmung des Romans, hat mich nicht mehr losgelassen. Zudem habe ich mich schon früh mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Ich war in den 90er-Jahren immer wieder in England. Dort wird der Erste Weltkrieg viel mehr als bei uns als die Urkatastrophe des Jahrhunderts begriffen. Wir blicken mit guten Gründen wegen der von uns zu verantwortenden Verbrechen wie gebannt auf den Zweiten Weltkrieg. Mein Anspruch war nicht, einen historischen Roman über eine abgeschlossene Epoche zu schreiben. Ich habe lange gebraucht, eine Form zu finden, vom Ersten Weltkrieg zu sprechen, ohne den Zweiten Weltkrieg dadurch aus den Augen zu verlieren.
Adrian war selbst nicht im Krieg, aber hat sich ein Leben lang mit jungen Männern beschäftigt, die im Krieg gewesen sind. Er entwickelt als Lehrer eine Kriegsobsession, obwohl er im Versehrtenheim gesehen hat, was Krieg anrichtet. Warum warnt er nicht davor?
Mich interessieren allzu moralischen Figuren in der Literatur nicht. Adrian ist sehr unentschieden. Im „Dritten Reich“ auch eine Art Mitläufer. Später gehört er dann zu den Lehrern, die im Unterricht nie bis zum Zweiten Weltkrieg kommen. Viele von uns kennen solche Exemplare noch aus der eigenen Schulzeit. Mit dem bloßen Warnen machen wir es uns dennoch zu gemütlich, auch davon handelt mein Roman. Beispielsweise dieser billige Satz: „Wir wissen nicht, was wir damals getan hätten.“ Natürlich nicht, die Wahrheit geht aber weiter, wir müssen uns leider vorstellen können, dass wir möglicherweise etwas Falsches getan hätten.
Im Roman gibt es die Figur eines 19-Jährigen, der als Deserteur erschossen wird. Die Diskussion um „Fahnenflüchtige“ holt uns jetzt mit dem Ukrainekrieg ein. Da ist manchmal zu hören, die Ukrainer sollten kämpfen, anstatt hier Schutz zu suchen.
Wer will ihnen Vorwürfe machen? Einer dieser Sätze, die man bis zum Geht-nicht-mehr hört, ist ja: „Sie verteidigen dort auch unsere Freiheit.“ Warum dann sie? Warum nicht auch wir? Wir führen lieber eine unsägliche Diskussion über die Wehrpflicht, während dort jeden Tag Menschen sterben.
Sie haben Mathematik studiert. Es gibt einige Schriftsteller, die das studiert haben. Würden Sie sagen, das einsame Tüfteln, das Mathematik von anderen Naturwissenschaften unterscheidet, ist eine Gemeinsamkeit mit dem Schreiben?
Ja, und vor allem würde ich sagen: Es ist nicht einmal gesichert, ob Mathematik eine Naturwissenschaft ist. Ich würde es eher eine Geisteswissenschaft nennen, weil die Mathematik ja Modelle ausbrütet, die man auch ausbrüten könnte, wenn es die Natur und die Wirklichkeit nicht gäbe. Sie ist ein System, vielleicht eine Sprache, die bei der Erklärung der Natur gute Dienste leistet, beschäftigt sich aber nicht mit Dingen, die Sie anfassen, riechen, schmecken oder hören können.
Dafür, dass Adrian Reiter nicht selbst in den Krieg muss, hat sein Vater gesorgt. Mit einer Axt. Adrian Reiter, geboren 1901, wird sein Leben lang hinken. Er wird den Ersten und den Zweiten Weltkrieg aus der Distanz erleben. Und zugleich aus nächster Nähe. Eine Villa am See, die reichen Wiener Unternehmern gehört, bewundert er schon als Jugendlicher, möchte Teil dieser dort Tennis spielenden glücklichen jungen Menschen sein. Sie werden alle im Ersten Weltkrieg sterben. Bis auf einen, den Sohn des Hauses, der entstellt zurückkommt. „Im ersten Licht“ ist ein eleganter, stilistisch makelloser Roman über ein Leben am Rande der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Die Fragen, die er stellt, betreffen auch die Gegenwart.
Norbert
Gstrein:
„Im ersten
Licht“
Hanser.
415 Seiten.
27,80 Euro