Stewart O'Nan: Der gute Mensch von Pittsburgh

Portrait of Stewart O'Nan 08/09/2016
Stewart O’Nans Bücher sind auf den ersten Blick freundlich und sanft wie er selbst. Dahinter stecken glasklare Politanalysen.

Stewart O’Nans Bücher beschreiben amerikanische Realitäten. Und sind doch von großer Herzenswärme. Das lässt sich auch über Ihren Verfasser sagen. Stewart O’Nan, gelernter Flugzeugingenieur und studierter Literaturwissenschafter, kennt die Menschen samt ihrer Abgründe. Er mag sie trotzdem. Ein Gespräch über Vorbilder und Abschiede. Über Stephen King und Charlie Brown. Und über Witwe Emily, die mit fast 90 noch einmal in die Hauptrolle in einem Roman spielt.

KURIER: Es gibt nicht viele Schriftsteller, die sich mit dem mittelmäßig aufregenden Leben älterer Damen befassen. Warum tun Sie das? Stewart O’Nan: Haha, das stimmt. Nun, ich habe mit einer älteren Frau zu Abend gegessen, und sie erzählte mir von diesem Humpty Dumpty Club, den es wirklich gibt, in Pittsburgh. Ich war fasziniert von der Idee, dass ältere Damen sich dort im Grunde genommen gegenseitig umsorgen. Sie sind zu ihrer selbst gewählten Familie geworden. Sie wollen sich nicht auf ihre Söhne, Töchter und Enkel verlassen müssen. Sie haben sich immer um ihre Nachbarn gekümmert. Sie haben sich auch um ihre Gemeinde gekümmert. Jetzt kümmern sie sich umeinander. Das gefällt mir.

Was hat es mit dem Namen auf sich? Humpty Dumpty kennen wir aus „Alice im Wunderland“.

Humpty Dumpty ist ein Ei, das von einer Mauer fällt und zerbricht. Hier geht’s darum, Menschen aufzufangen, wenn sie fallen. Oder dafür zu sorgen, dass sie gar nicht fallen.

Ein Mitglied dieses Clubs ist Emily, über die Sie vor 15 Jahren den Roman „Emily, allein“ geschrieben haben. Sie war damals schon nicht mehr ganz jung.

Jetzt ist sie fast 90. Sie ist sehr, sehr alt und sehr gebrechlich. Voller Ängste und Sorgen, wie es ältere Menschen manchmal sind.

Es tut mir leid, das erwähnen zu müssen, aber eines Tages werden Sie sich von Emily, verabschieden müssen.

Ich weiß. Aber das Gute ist, als Schriftsteller kann ich immer wieder zu meinen Figuren zurückkehren. Ich bin ja auch zu Emilys Mann Henry zurückgekehrt, nachdem er gestorben war. Dadurch konnte ich auch über das Pittsburgh der Vergangenheit sprechen. Ich stamme aus Pittsburgh. Die Geschichte der Stadt ist geprägt von der Stahlindustrie. Als die kollabierte, war die Krise da, lange, bevor sie den Rest der USA erreichte. Da gibt es viel zu erzählen. Über Emily habe ich wahrscheinlich 2.000 Seiten geschrieben. Ich schreibe seit 27 Jahren über sie. Das ist eine lange Zeit.

Gibt es jemanden in Ihrem Umfeld, der Vorbild für Emily war?

Am Anfang waren es meine Mutter, meine Tante, meine Großmutter, meine Schwiegermutter und deren Mutter, meine Schwiegergroßmutter. Ja, sie alle kamen irgendwie zusammen. Aber wenn man einmal anfängt, mit einer Figur zu arbeiten, lernt man ihre Geschichte und ihre Zukunft kennen und weiß, was sie denkt, Sie wird zur eigenständigen Person.

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Sie sind ein großer Fan von Charlie Brown. Ihr Kollege Jonathan Franzen ist das auch. Was macht den Reiz dieser Figur aus?

Charlie Brown war prägend für mich als Schriftsteller. Seine Figur ist eine der tiefgründigsten Charakterentwicklungen, die es in Comics gibt. Charles M. Schulz hat viel davon verstanden. Er wusste etwa, was gemischte Gefühle sind. Er war auch großartig darin, Selbstzweifel und Misserfolge zu thematisieren, was meiner Meinung nach Amerikaner nicht sehr oft tun. Ich glaube, Schulz war vielleicht der Einzige, der das in den 50er-Jahren und vor allem in den 60er-Jahren thematisiert hat: die Sorge, dass die Dinge nicht gut ausgehen werden.

Sie schreiben nie über Gewinner. Sie schreiben über die Mittelschicht und die darunter, Sie schreiben über Menschen, die existenzielle Probleme haben. Kommt das daher, dass Sie in Pittsburgh aufgewachsen sind und dort den Niedergang der Stahlindustrie miterlebt haben?

Zum Teil sicher. Das Scheitern der Gemeinschaft um mich herum zu sehen, hat mich geprägt. Als Schriftsteller finde ich aber auch, dass Menschen mit Problemen die interessanteren Charaktere sind. Sie kennen ja den ersten Satz von „Anna Karenina“: Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich.

Sie haben trotzdem einige Ausflüge in andere Genres gemacht. Sie haben etwa eine Romanbiografie über F. Scott Fitzgerald geschrieben.

Stimmt, ja, aber der war auch kein Gewinner-Typ.

Mit Stephen King haben Sie eine Grusel-Geschichte geschrieben. Sind Sie noch in Kontakt? Wie geht’s ihm?

Ja, klar. Nun, wir werden alle nicht jünger.

Sie sind beide keine Fans von Donald Trump. Bei unserem letzten Interview vor zehn Jahren sagten Sie, Sie hätten keine großen Erwartungen. Ihre Zwischenbilanz?

In der ersten Amtszeit hatten die Leute in seiner Regierung noch gewisse Hemmschwellen und etwas Erfahrung. Die Leute in seiner zweiten Amtszeit haben keine Hemmungen und wenig Erfahrung. Sie sind für ihre Positionen nicht qualifiziert. Und deshalb tun sie Dinge, die radikal und gefährlich sind. Wir hoffen, dass die Demokraten bei den Zwischenwahlen im November zumindest das Repräsentantenhaus zurückerobern, also wenigstens die Hälfte des Kongresses, das wäre schon mal etwas. Wir müssen die Aushöhlung der Freiheiten stoppen, die wir vor Trump für selbstverständlich gehalten haben.

In Ihrem Buch sprechen Sie über Politik, aber nicht direkt, sondern eher aus den Lebensrealitäten Ihrer Protagonisten heraus. Ich war sehr erstaunt über die vielen verschreibungspflichtigen, oft süchtigmachenden Medikamente, die die Menschen einnehmen, wie Vicodin oder Oxycodin. Sind die wirklich so omnipräsent?

Die Pharmaindustrie hier ist riesig, und Patienten werden dazu angehalten, Tabletten zu nehmen.

Ist das etwas, das Sie in Ihrer Umgebung beobachten?

Oh ja. Mein Vater ist kürzlich gestorben. Er war 94 Jahre alt. Mein jüngerer Bruder ist zwei Jahre vor ihm gestorben. Wir haben viel Zeit mit Ärzten, Krankenhäusern, Apotheken und all dem verbracht. Ich selbst habe auch so meine Erfahrungen gemacht. Kurz nachdem ich im aktuellen Roman darüber geschrieben hatte, wie Joan die Treppe runterfällt, ist mir das auch passiert. Genau so, wie im Buch beschrieben. Das vergangene Jahr hab ich mit Physiotherapie verbracht.

Sie erwähnen den Terroranschlag auf die Tree of Life Synagoge in Pittsburgh 2018. Danach malten Kinder Plakate: „Liebe überwindet alles“. Glauben Sie das?

Das muss man. Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, Mensch zu sein und durchzuhalten. Man muss daran glauben, dass es mehr gute Menschen auf der Welt gibt als schlechte.

Haben Sie Angst vor dem Alter?

Ich fürchte, es ist bereits da.