© Petra Kleis

Literatur
05/30/2020

Die Dänin Tine Høeg schreibt minimalistisch über Beruf und Sex

"Neue Reisende" zeigt eine junge Lehrerin auf ihrem Weg: Kein Geschwätz und viel weißer Raum

von Peter Pisa

„das Beste am Erwachsensein ist

dass ich nicht mitmachen muss“

Notiert eine junge Lehrerin im ersten Jahr im Gymnasium. Der Schulwart hält sie für eine Schülerin und schafft ihr an, im Kopierraum zusammenzuräumen. Die Kolleginnen und Kollegen tragen Lehrernamen, eine Buchstabenmischung aus Vor- und Nachnamen, sie heißen BROM und STAR und KILI – wie soll man zu derartigen Gebilden Nähe entwickeln?

Die neue Lehrerin steht den Mädchen und Buben im Unterricht näher.

Sie merkt: Alle machen den Fehler und schreiben spatzieren statt spazieren. Sie zeichnet deshalb einen Spatz und streicht ihn durch und ...

“auf dem Nachhauseweg im Zug dachte ich:

was ist das bloß für ein Blödsinn den ich da von mir gebe“

Selbst Lehrerin

Spannender als die Handlung ist die minimalistische Art, in der die Dänin Tine Høeg (Foto oben), ihren ersten Roman geschrieben hat.

„Neue Reisende“ kommt ohne Punkt aus, ohne Komma ... jeder Satz steht allein, danach kommt eine Leerzeile. Manche Seiten sehen sehr weiß aus.

Nun wird Høeg sagen, die Leser sollen den Raum selbst füllen und mitschreiben / mitdenken. Aber, Überraschung!, das ist gar nicht notwendig, es reichen ihre Sätze völlig aus.

Die 34-Jährige war früher selbst AHS-Lehrerin und hatte das Problem, die von ihr erwartete Rolle zu erfüllen.

Darum geht’s. Und das ist nicht die einzige Handlung. Schon auf der ersten Seite hat die Erzählerin in der Eisenbahn, mit der sie täglich in die Schule nach Kopenhagen pendelt, Sex mit einem Fremden. Eine Zugtoilette ist schon was Feines.

Das wird noch öfter vorkommen („das erste Mal als ich dich nackt sehe“ – „das zehnte Mal als ich dich nackt sehe“). Er ist verheiratet, hat ein Kind, sie wird flüstern: „heirate mich“. Er wird mit ihr auf den Friedhof gehen, um ihr zu erklären, dass er sich nicht scheiden lässt.

Aber eine gute Lehrerin, das wird sie.

Ein angenehmes, gar nicht geschwätziges Buch, das trotzdem etwas sagt – zumindest, dass es junge Leute nicht leicht haben.

 

Tina Høeg:
„Neue
Reisende“
Übersetzt von Gerd Weinreich.
Droschl Verlag.
200 Seiten. 19 Euro

KURIER-Wertung: ****

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