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Literatur
03/27/2021

Christoph Ransmayr: Europa geht den Bach runter

„Der Fallmeister“ erzählt von der EU, einem ausgestorbenen Beruf und vom Töten

von Peter Pisa

Christoph Ransmayr mag das Wasser.

In seinen Büchern saß ein Chinese und malte mit Wasser und einem Stock vergängliche Gedichte auf einen Stein – ein Tintenfisch, der im früheren Leben Museumswärter war, verliebte sich in einen Fledermausfisch, der einmal Winzerkönigin war ...

Ransmayr lernte schreiben, bevor er in die Schule ging, indem er in der Suppe mit Buchstabeteigwaren Wörter bildete. Es erinnert sich an ein erstes Wort.

Meer.

Wasser bedeutete schon damals: Macht.

Kein Zutritt

Beim Wasserfall an der Traun (in Roitham) wuchs er auf.

Dort herrschte einst ein Fallmeister: Schiffe, die kostbares Salz transportierten, wurden über einen 400 m langen hölzernen Kanal entlang der Uferböschung hinunter geleitet.

Der Fallmeister musste, näherte sich ein Schiff, rechtzeitig das Falltor öffnen und genau so viel Wasser einlassen, dass die Geschwindigkeit gedrosselt wurde.

Christoph Ransmayrs „Der Fallmeister“ spielt nach der Klimakatastrophe: Dann, wenn das Trinkwasser selten ist und Meerwasser Land verschlingt. Wenn Europa in Zwergstaaten zerfallen ist, alle so national, dass kein Fremder Zutritt hat..

Längst ist Inzest per Gesetz erlaubt, denn aussterben will man nicht, und die eigene Großartigkeit soll potenziert werden. Missbildungen nimmt man in Kauf.

Zu dieser Zeit gibt es zwar noch immer am „Weißen Fluss“ (in Irland?) einen Fallmeister.

Aber er ist nur noch Aufseher inmitten musealer Schleusenteile im sogenannten „Erinnerungscampus“.

Touristen aus Dürregegenden kommen, um sich über Sprühregen zu freuen.

Am Festtag für den heiligen Nepomuk, Schutzpatron der Schleusenwärter, setzen sich honorige Leute aus der Gegend in ein Boot. Der Fallmeister soll sie sicher in die Tiefe führen – er aber sorgte für einen Wasserschwall, für Entsetzensschreie, für fünf Ertrunkene.

Erloschen

Ein Unfall. Da sind alle sicher. Nur sein Sohn – weit gereister Hydrotechniker – vermutet: Vater hat absichtlich Fehler gemacht. Er ist ein Mörder.

Und dass er sich bald danach selbst in den Wasserfall stürzte, das glaubt der Sohn ebenfalls nicht. Er will Vater suchen. Und ihn umbringen.

Allerdings wird er jemand anderen umbringen.

Es muss ja nicht immer aus Jähzorn geschehen.

„Eine kurze Geschichte vom Töten“ lautet der Untertitel. Steckt in allen etwas Mörderisches? Damit wurde man freilich schon in zig Büchern konfrontiert.

Der Fallmeister tötete (mutmaßlich), weil Schönes vergangen ist. Niemand glaubt mehr an Flussgeister, und seine aus Dalmatien stammende Lebensgefährtin wurde als unerwünschte Fremde deportiert.

Der Fallmeister tötete (mutmaßlich), weil er Menschenopfer bringen wollte, um die üble Zeit zu vertreiben. Um zurückzufinden zum erloschenen Glanz – und zur eigenen Wichtigkeit, als sein Beruf große Verantwortung zu tragen hatte.

Aber es geht zunächst nie um einen tieferen Sinn bei Ransmayr. Es zählt, was auf dem Papier steht. Der Oberösterreicher, vor wenigen Tagen 67 geworden, fasziniert mit dem ausgestorbenen Beruf. Er erschreckt mit Europa, das den Bach runter geht.

Er erschreckt, weil Töten derart einfach geht. Überhaupt, wenn man bloß Kippschalter bedienen muss.

Trotzdem war der vorangegangene Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ (2017), als es um die Uhr aller Uhren ging – ein Mal aufziehen für die Ewigkeit – aufregender als jeder mitreißende Wasserfall. Auch erregender.

Und meditativer – das hat wohl mit dem Thema Zeit zu tun. Weniger verschwurbelt war’s damals auch.

 

(Es gibt eine Paddelfahrt auf dem Mekong zu den 4000 Inseln, die Modell für die zerfallene EU sind:

„Kleiner, immer kleiner wurden da wie dort die von Taubheit und Blindheit gegenüber allem Unbekannten, Fremden und der Flut umrauschten Inseln ...“)


Christoph Ransmayr:
„Der Fallmeister“
S. Fischer.
224 Seiten.
22,70 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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